Aktion in der Ringbahn

Was S-Bahn-Kunden von Alkohol-Aufklärern halten

Fahrgäste konnten sich in der S-Bahn über verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol informieren. Nicht alle waren angetan von der Aktion. Dabei zeigt ein erneuter Angriff auf einem Bahnhof, wie dringlich die Sache ist.

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Direkt am Ort des Geschehens, in der Berliner S-Bahn, haben Selbsthilfeorganisationen sowie Mitarbeiter verschiedener Projekte über die Gefahren von Alkoholmissbrauch bei Kindern und Jugendlichen informiert. Im Rahmen der bundesweiten „Aktionswoche Alkohol“ und der Berliner Alkoholpräventionskampagne „Na klar…!“ sind am Freitag Helfer und Fachleute von 14 Uhr an für fünf Stunden auf der Ringbahn S41 in den Zügen unterwegs gewesen. Sie haben an verschiedenen Ständen Gesundheitsinformationen und Tipps für einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol gegeben. „Wir machen diese Aktion bereits im dritten Jahr und es ist wieder erfreulich, wie offen die Menschen dafür sind“, sagt Kerstin Jüngling, Leiterin der Stelle für Suchtprävention im Land Berlin.

Start war in diesem Jahr am Bahnhof Südkreuz. Dann ging es fünf Mal den S-Bahnring entlang. Mitarbeiter der „Kafka“-Projekte („Kein Alkohol für Kinder Aktion“) und die Gesundheitsstadträte der Bezirke Neukölln, Mitte, Tempelhof-Schöneberg, Spandau und Pankow, die auch sonst eng mit „Kafka“ zusammenarbeiten, waren auch in den Abteilen unterwegs. Auch die S-Bahn hatte einen Infostand mit Mitarbeitern eingerichtet. „Wir müssen Menschen jeden Alters und aus allen gesellschaftlichen Schichten in ihrem Alltag erreichen, um das Problembewusstsein zu schärfen“, sagt Peter Köglmeier, Leiter der Personalbetreuung bei der S-Bahn Berlin GmbH. „Dafür sind die rot-gelben Zügen der richtige Ort.“

Während der Zug im Uhrzeigersinn über den S-Bahnring fährt, sind die Helferinnen und Helfer aktiv. Die Reaktionen sind höchst unterschiedlich. Verwunderte Blicke, Kopfschütteln, ein freundliches „Nein, danke“, aber auch unfreundliches „Lass mich in Ruhe“ erhalten sie als Reaktionen. „Das ist komplett unterschiedlich“, sagt Heike Streubel von „Kafka“. Sie spricht die Menschen an, verteilt Informationsmaterial und lädt Fahrgäste zu einem Quiz mit „tollen Preisen“ ein. „Das zieht meistens“, sagt sie. „Besonders bei ganz jungen Leuten.“

Komatrinken in der Schule

Fahrgast Maximilian Matthes ist grundsätzlich für eine intensive Aufklärung, kritisiert aber die Aktion. „In der S-Bahn finde ich das eher lästig und schlecht vermarktet“, sagt der 20-Jährige. „Die Initiativen sollten stärker an den Schulen informieren und die Eltern und Schüler aufklären. Ich dachte schon, wir hätten viel getrunken, aber was in den unteren Klassen weggesoffen wird, ist alarmierend.“ Der Zug passiert Station um Station. Leute steigen ein, andere aus. Immer wieder verwunderte Blicke. Es gibt auch welche, die bei einem Blick auf die Plakate auf ihre Bierflasche in der Hand schauen und auf dem Absatz kehrtmachen. Es ist aber auch sonst Interesse da. Das Thema Alkoholkrankheit bewegt. „Es vergeht doch kaum ein Tag, in dem nicht etwas über Alkoholmissbrauch und Gewalt bei Jugendlichen in den Zeitungen steht“, sagt Hildegard Schröder. „Meine Enkelin hat mir auch schon davon erzählt. Da kann mit der Aufklärung nicht früh genug begonnen werden.“

Peter Stephan, Vorsitzender der Anonymen Alkoholkrankenhilfe Berlin, steht auch an einem Infostand. „Wir werden überwiegend von Menschen zwischen 35 und 55 Jahren angesprochen“, sagt er. Häufig würden die Gespräche mit den Sätzen „Ich hab da einen Bekannten, der hat ein Alkoholproblem“ begonnen. Dann weiß Stephan schon Bescheid. „Es sind in der Tat oft Angehörige von Betroffenen, hin und wieder aber auch Menschen, die sich schämen, über ihre Sucht zu sprechen.“

Unterdessen ist es in der Nacht zu Freitag im Berliner Nahverkehr erneut zu einem gewalttätigen Übergriff gekommen, bei dem Alkohol im Spiel war: Eine Bierflasche wurde auf einem Reinickendorfer S-Bahnhof als Waffe eingesetzt, ein 64-Jähriger dadurch schwer verletzt. Das ungewöhnliche bei dem Übergriff in der Nacht zu Freitag war, dass die Täterin in diesem Fall eine junge Frau in Begleitung eines männlichen Komplizen war.

Der Angriff ereignete sich kurz vor 1 Uhr nachts auf dem zu dieser Zeit fast menschenleeren Bahnsteig des S-Bahnhofs Schönholz. Ein 64-Jähriger saß auf einer Bank, als eine Frau plötzlich versuchte, ihm das Portemonnaie zu stehlen. Der Mann bemerkte den Versuch, stand auf und entfernte sich von der Bank. Daraufhin schlug die Frau nach Polizeiangaben unvermittelt mit einer vollen Bierflasche auf den Kopf des 64-Jährigen. Er ging verletzt zu Boden, konnte aber wenig später aus einem nahegelegenen Café die Polizei rufen. Die Polizisten stellten die 25 Jahre alte Täterin und ihren mutmaßlichen Komplizen noch in der Nähe des Tatorts.

Schwere Kopfverletzungen

Der 64-jährige Mann wurde von der Feuerwehr aufgrund seiner Kopfverletzungen zur stationären Behandlung in das DRK-Krankenhaus an der Drontheimer Straße in Wedding eingeliefert. Unklar blieb zunächst, ob die 25-jährige Rumänin im betrunkenen Zustand zugeschlagen hatte. Gegen die Frau wird wegen versuchten Diebstahls und gefährlicher Körperverletzung ermittelt.

Die Auswertung aller Straftaten im öffentlichen Nahverkehr in Berlin im Jahr 2010 hat ergeben, dass jeder siebte von insgesamt knapp 31.000 Fällen das Delikt Körperverletzung betrifft. Zwar sank die Anzahl gegenüber 2009 von 4566 auf 4446 Taten. Da jedoch zunehmend schwerwiegende Fälle mit aggressiven und alkoholisierten Tätern auftreten, steht das Thema Alkohol im Nahverkehr im Fokus.