Berlin hat abgestimmt. Die Landkarte der Ergebnisse zeigt die Unterschiede von Ost und West. Aber Berlin war nie der Ort fürs Harmonische. Zwischen Pluralismus und Konfrontation schwingt das Pendel der Stadt von alters her. Den Einheits-Berliner hat es nie gegeben, auch wenn es eine alle umfassende Berliner Kultur gibt. Es ist paradox genug, ein Grundmuster der Berliner Geschichte, dass die "Stadt" immer schon aus vielen Städten bestand, die oft genug ganz verschiedene Wege gingen und sich nicht grün waren.

Das heutige "Land" Berlin bedeckt eine Fläche so groß wie das Ruhrgebiet. Berlin ist entstanden aus einer Vielzahl von selbstständigen Städten. Angefangen hat das im Mittelalter mit der Doppelstadt Berlin/Cölln. Ab 1870 wuchs die neue deutsche Hauptstadt explosionsartig in ihr Umland und verwandelte Dörfer und Kleinstädte in moderne Großstädte. Die entwickelten mächtiges Selbstbewusstsein, was man an ihren eindrucksvollen, turmbekrönten Rathäusern noch heute ablesen kann.

Besonders wichtig für die heutige Stadt- und Sozialgestalt Berlins war das Ausgreifen in den Westen: Hinter dem Tiergarten entstand rund um die Lebensader Kurfürstendamm um 1900 eine vollkommen neu gebaute, betont bürgerliche Stadt, in der sich alsbald die wirtschaftlichen und intellektuellen Eliten Preußens ansiedelten. Charlottenburg war 1914 die reichste Stadt Deutschlands. Neben ihr blieben auch Köpenick, Pankow, Schöneberg, Wilmersdorf, Spandau, und Neukölln - um nur die größten zu nennen - bis zur Bildung von Groß-Berlin 1920 selbstständige Kommunen.

Das Zusammengehörigkeitsgefühl dieser Gemeinschaften hat sich trotz aller geschichtlichen Brüche bis heute bewahrt - wozu auch die Distanzen auf der Landkarte beitragen. Der Kiez-Patriotismus funktioniert, er ist offen für jeden Neuankömmling. Neben ihm gibt es, unterschiedlich nach Milieus und Generationen, eine Selbstzuordnung in "Ost" und "West".

Das hat Euphoriker der Wiedervereinigung nach 1990 zuerst gestört, bis man herausfand: Diese Umrisslinien sind alt, sie stammen noch aus der Zeit des "Auszugs" der mobilen Bürgerschichten aus der eng gewordenen Residenzstadt um 1900 in den "neuen Westen". Seitdem haben sich ganz praktisch die Alltagspfade zwischen Ost und West getrennt. Das "eine Berlin", das noch der Schauplatz der Romane Fontanes war, ist einer Städtelandschaft gewichen. Natürlich haben ab 1945/49 vier Jahrzehnte einer alles Leben ergreifenden Diktatur die Mentalität gerade der älteren Generation im Osten für immer geprägt.

Wenn jetzt der Osten anders abstimmt über Tempelhof und Pro Reli als der Westen, muss man aber trotzdem nicht an versteinerte DDR-Positionen denken. Wahrscheinlich handelt es sich eher um ein bei Wahlforschern wohlbekanntes Phänomen: Frühere Zugehörigkeiten - seien sie religiös, sprachlich oder soziologisch - wirken weit länger auf Wahlentscheidungen, als sie in den Köpfen der Wähler "geglaubt" werden. Die historischen Konfessionsgrenzen sind so ein Phänomen, aber auch die Links-Stimmen von 68ern, die längst zu arrivierten Bürgern geworden sind. Wahlentscheidungen, feierliche Akte, gehören zur inneren "Krawattenordnung" - sie müssen nicht unbedingt in aktuellen Leidenschaften begründet sein.

Sollte man also zur Tagesordnung übergehen und sagen: Macht endlich Schluss mit dem ganzen Ost-West-Gerede? Aber das ginge an der Wahrnehmung vorbei, dass schon vierzehnjährige Nachwendekinder Spaß daran haben, sich als "Ossis" oder "Wessis" zu definieren - je nachdem, auf welcher Seite der längst entschwundenen Mauer sie geboren sind. Menschen lieben offenbar Unterschiede, sie spielen mit ihnen, sie benützen sie zur Selbstfindung. Unterscheidende Begriffe werden zur Realität, wenn sie einmal in der Welt sind. Am besten, man geht furchtlos und fröhlich mit ihnen um und schaut den Dingen ins Gesicht.

Der Ostberliner Jakob Hein hat in seiner "Gebrauchsanweisung für Berlin" (2009) in den Kapiteln "Rostberlin" und "Restberlin" eine entspannte Deutung der Teilungsfrage gegeben: Die Ostberliner hätten vor der Maueröffnung den Westen illusionär verehrt: "Wir wollten das Westberlin aus dem Fernsehen". Stattdessen nun der Schock, "dass Westberlin auch nicht besser war als der Rest der Stadt". Spiegelbildlich die Enttäuschung im Westen: "Die Ostberliner, für deren Befreiung man jahrzehntelang gekämpft hatte, erwiesen sich als gewöhnliche, allenfalls für ein paar Tage dankbare Meckerberliner." Die Mauer, so Hein ironisch, habe die Sympathie beider Seiten stabilisiert.

Wiedervereint beim Feiern

Wie lassen sich heute die historisch verursachten, darum tief verwurzelten Spannungen aushalten? Zuerst, indem man sie als fruchtbaren Stoff des Stadtlebens entdeckt. Mit Humor auf den Punkt gebracht, erweisen sich "Spannungen", so wie in der Physik, wundersamerweise als Quelle der Energie. Politische Gutmenschen mögen davon träumen, dass ein Einheitsmensch ohne alle Vorurteile der ideale Großstadtbewohner sei. Aber die Sozialpsychologen wissen, dass es ohne "Vorurteile" keine Realitätswahrnehmung gibt, ohne "Thesen" und "Antithesen" keine Synthesen und Kompromisse.

Berlins Vitalität rührt vor allem von seinem Talent, Konfrontationen auszuhalten und Vorurteile produktiv abzuarbeiten. Der Zusammenprall von Völkerscharen und sozialen Gruppen, die alle ihre Prägungen und Marotten mitbrachten, und sich sicherlich nicht auf Anhieb sympathisch waren, ist Berlins immerwährendes Ur-Erlebnis. Im frühen 18. Jahrhundert war Berlin zur Hälfte hugenottisch - aber ohne Spannungen? Die scharfe Spaltung der Stadt in eine gewaltiges proletarisches Berlin ("Roter Wedding") und eine saturierte Bürgerstadt hinterm Tiergarten um 1900 - harmlos war das sicher nicht!

Und die Migrantenstadt Berlin, deren bedeutende nichtdeutsche Bevölkerungen der West- wie der Ostberliner Vorgeschichte fremd gegenüberstehen: Ist sie nicht die eigentliche Herausforderung an die ganze Stadt, angesichts derer die Larmoyanten auf beiden Seiten schleunigst ihre Luxus-Beschwerden beiseite legen müssen? Denn: Steht es in Wirklichkeit so schlecht um die Einheit der Stadt? Ob eine Gemeinschaft von sozialen Bindekräften zusammengehalten wird oder zentrifugal auseinanderdriftet, lässt sich an keinem anderen Kriterium besser überprüfen als beim Feiern. Dort, wo Städte wirklich auseinanderklaffen, wird auch nicht gemeinsam gefeiert. Berlin aber feiert exzessiv gemeinsam - und zwar je öfter, je lieber - das ist der überwältigende Befund.


Gefeiert wurde schon ausgiebig an Silvester 1989/90. Ost-West-übergreifend getanzt wurde kurz danach in den aus dem Boden schießenden halblegalen Flüster-Clubs in der Mitte und im Osten. Ob Enthüllung des Brandenburger Tors, ob lange Museumsnächte, ob Fußballweltmeisterschaft, ob Begehung des Neuen Museums: Ist einmal ein Event benannt, schon strömen aus allen Himmelsrichtungen die Berliner mit Kind und Kegel und gehen nicht heim, bis die Straßenkehrer kommen. Ich erinnere mich z.B. gut an die euphorische Stimmung während des Sechstagerennens, an die Ost-West-gemischten Zufalls-Cliquen, die sich fanden, an die Macht des Berlinischen als verbindender Stadtsprache. Hajo Schumacher hat in seinem Artikel vorgeschlagen, Ost- und Westberliner sollten sich mehr über ihre unterschiedlichen Lebensläufe erzählen. Das ist eine Idee, die angesichts der Mitteilungsfreudigkeit der Berliner sicherlich nur einer organisatorischen Plattform bedarf.

Kosewort Ossi, Kosewort Wessi

Bei allen Ost-West-Fragen geht es immer um das Wahrnehmungsproblem: Ist das Glas halb voll oder halb leer? Kennen sich Ost und West zu wenig - oder ist es angesichts der weltgeschichtlichen Teilung des Kontinents bis 1989 und des klassischen Kiez-Föderalismus der Riesenstadt nicht erstaunlich, wie reibungslos die Kommunikation funktioniert, wie viele Bücher über die gemeinsame/getrennte Geschichte erschienen sind, wie viel Platz das Thema in den Massenmedien einnimmt? Ist die Stimmenzahl für Pro Reli am vergangenen Sonntag ein Desaster oder eher ein Wunder angesichts der Fundamentalsäkularisierung Deutschlands im Allgemeinen und Berlins im Besonderen? Ist das Weiterleben von DDR-Sympathien im Osten ein Skandal oder eine Ärgernis, wie es eine demokratische Gesellschaft aushalten muss? Nimmt man den Gesamtkatalog der Bausteine, die den Staats- und den Stadtbürger ausmachen, so gehören die Berliner aus Ost und West nicht verschiedenen "Stämmen" an. Nicht die an der Oberfläche schwimmenden "Meinungen" konstituieren eine Stadt, sondern das alltägliche Zusammenwirken der Menschen - am Arbeitsplatz, in Schulen und Hochschulen, Vereinen, im Verkehr, in der Freizeit.

Dass man in Berlin seine Zuneigung oft auf paradoxe Weise kundtut, die den unwissenden Fremden wie eine Kriegserklärung anmutet, ist Tatsache. Sich gegenseitig einen Ossi oder einen Wessi zu heißen, inklusive allerlei damit verbundener kritikwürdiger Eigenschaften - folgt das in unserer Stadt nicht oft dem Muster aus dem Kultfilm "Casablanca": Dieses könnte der Beginn einer wundervollen Freundschaft sein...

Morgenpost-Autor Christoph Stölzl war Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums in Berlin und Kultur- und Wissenschaftssenator. Der 65-jährige Historiker und Publizist lebt in Zehlendorf und schreibt täglich sein Tagebuch auf Morgenpost Online fort.