Ein Jahr Tempelhofer Feld

Flughafengebäude und Park passen nicht zueinander

Am 8. Mai 2010 wurde der Flughafen Tempelhof für Besucher geöffnet – allein bis Dezember kamen über 1,5 Millionen Besucher. Doch die Konzepte für Flughafengebäude und Freifläche harmonieren nicht.

An jenem Sonnabendmorgen, als sich der Zaun zum ersten Mal öffnet, ist Nico Hesselmann nicht dabei. Doch wenige Tage später hat auch er das Tor im Flughafenzaun passiert und ist fasziniert. Seither kommt der 41 Jahre alte Fotograf aus der nahe gelegenen Kreuzberger Friesenstraße mindestens einmal in der Woche auf die "Tempelhofer Freiheit" und genießt die Weite des ehemaligen Flughafenfelds.

Am 8. Mai vor einem Jahr hatte Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) um 9 Uhr den Haupteingang am Tempelhofer Damm geöffnet und das Flugfeld symbolisch für die Öffentlichkeit freigegeben. Unter dem Motto "Bewegungsfreiheit" löste die Senatorin mit der Öffnung ein Versprechen ein, das sie im Zuge der harten Diskussionen um die Schließung des Flughafens gegeben hatte. Das Echo aber auf die Flugfeldöffnung war geteilt. Während die einen – zumeist die Flughafenanhänger – Vandalismus, Müll und neue Drogenumschlagplätze fürchteten, war den anderen, meist jüngeren Leuten die neue "Bewegungsfreiheit" zu eingeschränkt. Es gab Demonstrationen, Zaundurchschneidungen und einen Sturm auf das Feld, der in der Weite von 300 Hektar aber wirkungslos verebbte.

Grillplatz und Loipenzirkus

Mittlerweile ist die neue gigantische Grünfläche mitten in der Stadt angenommen. "Obwohl außer der Weite gar nicht viel da ist", sagt Nico Hesselmann. Es wird gejoggt, gepicknickt, gegrillt, geskatet, Rad gefahren, mit dem Hund spazieren gegangen oder einfach nur einmal kräftig durchgeatmet und der weite Blick genossen. Im Winter mutierte das ehemalige Flugfeld sogar zum Loipenzirkus.

1,5 Millionen Besucher kamen im vergangenen Jahr auf das Flugfeld, das nun als "Tempelhofer Freiheit" zur Marke werden soll. "Auch dieses Jahr ist gut losgegangen", sagt Michael Krebs, der bei der landeseigenen Grün Berlin GmbH Parkmanager für Tempelhof ist. "Mit 50.000 Besuchern bei schönem Wetter an einem Sonntag erreichten wir unseren bisherigen Spitzenwert." Für dieses Jahr rechnet Krebs mit zwei Millionen Besuchern. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hatte bei der Eröffnung vor einem Jahr vom "neuen Freizeiterlebnis Tempelhof" gesprochen.

Doch es gibt auch Kritik. Denn allein das neue Freizeiterlebnis, die für 61 Millionen Euro geplante Gestaltung zur "Parklandschaft Tempelhof" und die Internationale Gartenbauausstellung (IGA) im Jahr 2017 löst nicht das Problem Tempelhof, weil es das Flughafengebäude außen vor lässt. Auch die Idee einer Internationalen Bauausstellung (IBA) – quasi als Katalysator für die Entwicklung des Areals – ist umstritten. "IBA-Talks", "IBA-Walks" und "IBA-Dinners", zu denen Senatsbaudirektorin Regula Lüscher einlud, brachten bislang keine überzeugende Diskussion, geschweige denn handfeste Ergebnisse.

Parallel läuft die Bürgerbeteiligung. So wie am Montag bei der "Bürgerinformation Parkgestaltung". Auch Nico Hesselmann ist dabei und kann nicht mehr glauben, dass die immer wieder vom Senat postulierte Bürgerbeteiligung überhaupt ernst gemeint ist. "Das ist doch so wie wenn man Kinder ins Bett bringt und ihnen die Entscheidung überlässt, entweder erst Zähneputzen oder den Schlafanzug anziehen."

Eingeladen hatte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, um den Siegerentwurf des Landschaftsplanerischen Wettbewerbs vorzustellen. Mit dabei waren die beiden Vertreter Eelco Hooffman und Daniel Reiser der britischen Siegerbüros "gross.max Landschaftsarchitekten" und "Sutherland Hussey Architekten". Unter 78 Wettbewerbsteilnehmern hatten sie sich mit ihrem Entwurf für einen 60 Meter hohen Kletterfelsen, einen See, Baumpflanzungen, einem Ausstellungspavillon und neuen Wegeführungen durchgesetzt. Doch an diesem Montagabend können sie vor den rund 300 anwesenden Anwohnern aus Kreuzberg, Tempelhof und Neukölln nicht punkten. Auch nicht, als sie die Verwandlung des Flughafenfelds in einen Park als "einzigartiges Projekt Europas" einstufen. "Alles Werbung", sagt ein Mann im Publikum. "Kitsch!" schallt es den Planern entgegen, als sie ihre auf den Kletterfelsen gestellte Bruno-Ganz-Figur als Engel aus Wenders-Film "Himmel über Berlin" zur Reminiszenz an den Botaniker Alexander von Humboldt erklären. Andere dagegen applaudieren.

Doch selbst innerhalb der eigens gegründeten Tempelhof Projekt GmbH schüttelt man über diese Eitelkeiten und den Jargon der Planer den Kopf. Kritisiert wird, dass die Senatsverwaltung mit ihren Planungen und zuletzt mit dem Wettbewerb zur Parkgestaltung eitle Alleingänge veranstaltet.

Dabei war die landeseigene Gesellschaft gegründet worden, um Tempelhof aus einer Hand zu entwickeln. Gerhard Steindorf, der der Gesellschaft vorsteht und bereits den Wissenschaftspark Adlershof erfolgreich entwickelte, moniert zum Beispiel, dass die Ausschreibung des landschaftsplanerischen Wettbewerbs ohne Absprache mit der Tempelhof Projekt GmbH gemacht wurde.

"Im Ergebnis heißt das: Die Flächenplanung des Wettbewerbssiegers ist nicht kompatibel mit den Planungen und dem Leitbild der Tempelhof Projekt für die Ränder des Tempelhofer Feldes", sagt Steindorf. "Man hätte doch die Vorgaben des Wettbewerbs mit unserem Leitbild verbinden müssen." Dieses sieht am Columbiadamm ein Gesundheitsquartier und Wohnungen, am Tempelhofer Damm ein Bildungsquartier vor, sofern das Parlament die Mittel für den von Wowereit favorisierten Neubau der Zentral- und Landesbibliothek bewilligt. Im Süden ist ein Businesspark geplant, am Rand zu den Neuköllner Stadtteilen im Osten Projekte für Jugendliche und Erwerbslose, vielleicht eine Kita oder Schule.

Durch die parallel laufende Planung von Senat und Tempelhof-Projekt rechnen Insider nun mindestens mit einem Jahr Zeitverzug bei der Entwicklung des Tempelhofer Freiheit. Es gibt bereits ernst zunehmende Stimmen, die behaupten, der Senat wolle mit seiner Konzentration auf den Park, die IGA und IBA von der eigentlichen und vor allem schwierigeren Aufgabe ablenken, ein schlüssiges Gesamtkonzept für das Flughafengebäude und das Flughafenfeld zu entwickeln.

CDU kritisiert Pläne

Der CDU-Abgeordnete Nicolas Zimmer, in seiner Fraktion für Tempelhof zuständig, spricht denn auch von einer "erschreckenden Konzeptlosigkeit, die einer Metropole nicht angemessen ist". Es müsse doch erst einmal die Frage beantwortet werden, wie das Gebäude genutzt und wie es flott gemacht werden kann.

Eine Frage, die auch Tempelhof-Projekt-Chef Steindorf umtreibt. "Eine Kammer des Grauens" nennt er das markante 1,2 Kilometer lange und denkmalgeschützte Flughafengebäude ob seines maroden Zustands. In den nächsten 15 Jahren geht Steindorf davon aus, dass jährlich 5 bis 7,5 Millionen Euro investiert werden müssen. Denn nur ein intaktes Gebäude könne man vernünftig vermieten.

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