"Mutter aller Flughäfen"

Flughafen Tempelhof jetzt mit Auszeichnung

Die "Mutter aller Flughäfen" hat einen Preis bekommen. Seit dem 1. Juni ist der ehemalige Flughafen Berlin-Tempelhof "Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst Deutschland". Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer enthüllte beim Festakt eine Ehrentafel.

Klaus Eisermann hat ein enges Verhältnis zum ehemaligen Flughafen Tempelhof: Als Kind erlebte er im Westen Berlins die von Juni 1948 bis Mai 1949 dauernde Luftbrücke, als die "Rosinenbomber" auf dem Gelände landeten. Inzwischen ist der rüstige Rentner Fremdenführer und freut sich daher besonders, dass das riesige Gebäude seit dem 1. Juni "Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland" ist. Das ist wegen der NS-Vergangenheit des Gebäudes eine durchaus heikle Auszeichnung, wie sich auch bei der Verleihung herausstellte.

Mit ausladender Geste deutet Eisermann vom Dach des alten Flughafengebäudes. "Hier unter uns war das Panoramarestaurant geplant. Und da hinten eine Dachterrasse mit 2.000 Plätzen. Auf den Dächern der Werkhallen und Hangars sollten Tribünen für insgesamt 100.000 Zuschauer der Deutschen Flugschau errichtet werden, auch daraus wurde nichts." Sachkundig und mit Witz beschreibt der Experte die Geschichte des Geländes als Flugfeld ab 1909.

Flughafen noch immer unfertig

Eisermann berichtet natürlich über die Luftbrücke und ihre 76 Todesopfer im Flugbetrieb. Er berichtet, dass die Kapazität des Flughafens für sieben Millionen Fluggäste pro Jahr ausgelegt war, aber als Spitzenwert nur einmal, 1971, rund 5,5 Millionen Passagiere gezählt wurden. Er berichtet vom Vorgängerbau, der ab 1923 dafür sorgte, dass sich Berlin-Tempelhof bis Ende der 1920er zum größten europäischen Luftdrehkreuz entwickelte.

Er weist auch darauf hin, dass der 1936 begonnene Airport bis heute zu 30 Prozent im Rohbauzustand befindet und weitere 30 Prozent des "Weltflughafens" erst gar nicht verwirklicht wurden. Von Tempelhof als "Mutter aller Flughäfen" ist die Rede. Auch von Zwangsarbeitern, die zwischen 1939 und 1945 im Flughafen Flugzeuge fertigten. Mehr nicht. Das Wort Nationalsozialismus fällt kein einziges Mal. "Adolf Hitler hat den Bau in Auftrag gegeben", heißt es nur.

Fans wünschen sich UNESCO-Welterbestatus

Wie diffizil der Umgang mit Tempelhof ist, zeigt sich seit der Schließung am 30. Oktober 2008. Damals stellten Berliner Kerzen vor dem Gebäude auf – als Ausdruck tiefer emotionaler Verbundenheit. Allerdings waren die brennenden Lichter ausgerechnet vor einem martialischen Adlerkopf platziert, der zur Nazizeit das Gebäude schmückte. Er ging 1945 verloren, bis ihn US-amerikanische Soldaten in Teilen ausgruben und sicherten. Seither ist er auf einer Stele vor dem Haupteingang postiert.

Inzwischen werden von den Fans keine Kerzen mehr aufgestellt. Dafür wünschen sie sich den UNESCO-Welterbestatus für den Flughafen. Einige von ihnen hatten sich am Mittwoch unter die Festgemeinde gemischt und hörten selbst ein Stück Verdrängungsarbeit.

Aus Anlass der Verleihung des "Wahrzeichen-Titels" sagte der Präsident der Bundesingenieurkammer Deutschland, Jens Karstedt, in seiner Ansprache und von Bravorufen begleitet: "Wir richten mit diesem Preis unser Augenmerk ausschließlich auf die Baukonstruktion. Die architektonischen, historischen und politischen Hintergründe seiner Entstehung werden bewusst nicht weiterverfolgt – es sei denn, dass sie unmittelbar den bautechnischen Werdegang des Gebäudes betreffen." Die Worte "bewusst" und "nicht" sind im Redemanuskript unterstrichen. Auch in seiner Ansprache taucht der Nationalsozialismus nicht auf.

Keine Gedenktafel für Zwangsarbeiter

Dafür wird von Karstedt der damalige Prüfingenieur Arno Schleusner erwähnt. Über die Baracken für Tausende Zwangsarbeiter aus mehreren Ländern, die im Zweiten Weltkrieg auf dem Flugfeld und im Gebäude hausten, fällt kein Wort. Auch nicht über die Zweckentfremdung der Hallen und Katakomben des Hauptgebäudes als Produktions- und Werkstätten für Düsenflugzeuge nicht. Auch nicht, dass 1941 Berliner Juden im Gebäude Zwangsarbeit verrichten mussten. Ebenfalls fehlt der Hinweis, dass die Lufthansa dort im Krieg serienweise Radargeräte fertigte. Die Lufthansa-Studie dazu liegt seit 2001 vor. Die Tafel mit dem Titel "Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland" ist direkt am Eingang angebracht. Daneben wird dem "Vater der Luftbrücke", General Lucius D. Clay, gedacht. Eine Tafel für die Zwangsarbeiter fehlt.

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