Übernachtungszahlen

Tourismus-Rekord - Berlin zieht an Rom vorbei

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Manuel Bewarder und Birgit Haas
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Berlin überholt Rom bei Touristen

Berlin ist als Tourismusziel weltweit gefragt wie noch nie zuvor. Mit erstmals rund 20 Millionen Übernachtungen im Jahr 2010 hat die Hauptstadt diese Rekordmarke sogar fünf Jahre früher als ursprünglich geplant erreicht.

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Berlins Regierender Bürgermeister beglückwünscht eine Spanierin für die 20-millionste Übernachtung in diesem Jahr. Damit hat Berlin seine Tourismuspläne übererfüllt - und hat nun Rom überholt.

Ana Domingo liebt Berlin. Klar, dass sich die Spanierin aus Barcelona für die deutsche Hauptstadt entschieden hat, als ihr Ehemann fragte, wo sie am liebsten ihren 40. Geburtstag feiern wolle. „Berlin ist ganz anders als der Rest von Deutschland und es verändert sich ständig“, sagt Ana Domingo. Um über die neuesten Bauwerke der Stadt auf dem Laufenden zu sein, haben die Domingos während ihres viertägigen Aufenthalts lange Spaziergänge durch die Stadt geplant.

Am Donnerstag dann die Überraschung: Ana Domingo wurde vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) im Martin-Gropius-Bau beglückwünscht – fürs Schlafen. Ihre letzte Übernachtung im Mandala Hotel am Potsdamer Platz war die 20-millionste in einem Berliner Hotel in diesem Jahr.

„Eine gigantische Leistung“, sagte Klaus Wowereit, und meinte damit nicht Ana Domingos Hotelaufenthalt, sondern den großen Erfolg der Berliner Tourismusbranche. Zwar habe man 20 Millionen Übernachtungen jährlich schon vor zehn Jahren zum Ziel erklärt – allerdings bis zum Jahr 2015. „Damals wurden wir dafür belächelt, doch wir haben die Übernachtungszahlen in nur zehn Jahren verdoppelt und uns damit um fünf Jahre selbst übertroffen“, sagte Wowereit. Keine andere europäische Metropole habe sich in den vergangenen Jahren so rasant entwickelt. In Europa sind nur London mit 45 Millionen Übernachtungen und Paris mit rund 34 Millionen Übernachtungen beliebter. In Deutschland ist Berlin mit fast doppelt so vielen Übernachtungen wie München Top-Favorit.

Der Rekord, den Wowereit als historisch bezeichnete, sei dem neuen Wintertourismus zu verdanken. Die Berliner Tourismus-Marketing-Agentur VisitBerlin habe sich der üblicherweise touristenschwachen Jahreszeit angenommen und mit Aktionen wie der Shopping-Kampagne „Winterzauber“ Berlin zum ganzjährigen Reiseziel gemacht.

Nur Warschau hat billigere Hotels

Fürs Wintershopping in Berlin nehmen die Brasilianer Renato Motta und Fabio Guedis sogar Minusgrade in Kauf, die sie aus ihrer Heimat nicht gewöhnt sind. Warm eingepackt laufen sie durch die Tauentzienstraße und über den Breitscheidplatz. „Ich lasse mich während der drei Tage hier einfach treiben“, so Motta. Fabio Guedis ist da schon zielstrebiger, er sucht neben Weihnachtsgeschenken ein Andenken an die kurze Station in Berlin. Zuvor waren die beiden Freunde in Amsterdam, Prag und London. Sein Souvenir aus Amsterdam trägt Guedis auf der Haut, es ist eine Tätowierung in Form eines Thunfisches. „Mal sehen, was ich hier finde“, sagt Guedis. Ein Tattoo soll es aber nicht werden.

Abgestiegen sind die beiden an der bekanntesten Adresse vor Ort, dem Hotel Adlon, das zusammen mit den anderen Hotels den Touristenrekord erst möglich gemacht hat. Sie empfangen die Berlin-Besucher und bieten hohe Qualität – oft zum kleinen Preis. 79Euro zahlen die Touristen durchschnittlich für die Übernachtung in Berlin. In Paris und London verlangen Hotels von ihren Gästen im Durchschnitt 113 Euro, in Genf sogar 163 Euro. Nur in Warschau sind Zimmer günstiger zu haben als in Berlin: Durchschnittlich kostet die Nacht dort 64Euro. Die vergleichsweise niedrigen Berliner Preise seien nur möglich, „weil die Hotels hier viel Konkurrenz haben“, sagte VisitBerlin-Geschäftsführer Burkhard Kieker gestern im Martin-Gropius-Bau. 2000 hatten die Berliner Hotels etwa 35000 Betten im Angebot, jetzt sind es bereits 113500 Übernachtungsgelegenheiten in 753 Hotels. Dabei sei für jeden Geldbeutel etwas dabei, so Kieker.

Für die chinesischen Studenten Shan, You, Ain, Zuo und Jun wäre Berlin unerschwinglich, gebe es da nicht das Jugendgästehaus an der Osloer Straße. „Preiswert und sauber“, sei es da, für die Ansprüche der asiatischen Touristen ausreichend. Doch nicht nur die Berlin-Besucher profitieren von den niedrigen Preisen. Auch die Berliner haben was vom Tourismus-Aufschwung. Denn pro 1000 Hotelbetten werden rund 4000 Arbeitskräfte benötigt. Derzeit arbeiten in der Branche etwa 230000 Menschen, vor zehn Jahren waren es rund 140000. Der Vorteil des Hotel- und Gaststättengewerbe, so Wowereit, sei die hohe Durchlässigkeit. Auch Menschen ohne Abitur fänden in der Branche einen Job. Also sei es eine gute Nachricht, dass die Zahl der Hotelbetten bald auf 125000 steigen soll. Derzeit entsteht das Waldorf-Astoria in der City West, und hinter dem Ostkreuz ist eine große Jugendherberge geplant.

Neben den günstigen Preisen trägt auch die Atmosphäre in Berlin zum Touristen-Boom bei. „Wir haben keine Sorge, dass Berlin irgendwann nicht mehr im Trend ist“, sagte VisitBerlin-Chef Kieker. Bei einer Umfrage unter rund 700 Journalisten, die in Berlin zu Gast waren, zeigten die sich vom „Gesamtkunstwerk Berlin“ begeistert. Neben den Museen, Theatern und den drei Opern sei jeder Kiez-Besuch ein Erlebnis. Berlin, so der Tenor, sei eben ein Brennpunkt der Geschichte.

Stephan Gutjahr reist sogar einmal jährlich aus seiner Heimatstadt Weißenfels in Sachsen-Anhalt in die Hauptstadt, um der Geschichte West-Berlins nachzuspüren. „Von der 68er-Generation haben wir im Osten ja weniger mitbekommen“, sagte Gutjahr. Im Sommer fahre er gerne an den Wannsee, jetzt, im Winter, ist er froh, dass ihn seine Frau Gisela ins Neue Museum mitgeschleppt hat.

300.000 Besucher weniger

Ob im nächsten Jahr die 20-Millionen-Marke wieder erreicht wird, ist ungewiss. „Nachdem Ryan-Air Flüge nach Berlin gestrichen hat, rechnen wir mit 300.000 Besuchern weniger“, sagte Kieker. Man wolle sich für eine liberalere Visa-Vergabe in östlichen Ländern bemühen. Wie eine McKinsey-Studie bereits im April gezeigt hatte, ist dort der Touristenmarkt der Zukunft – „In Russland, Indien und China entwickelt sich gerade eine Mittelschicht“, so Kieker. Auch in Brasilien sei das der Fall.