Weihnachtsgeschäft

Touristen fehlt das Sonntagsshopping in Berlin

Viele Berlin-Besucher standen am Sonntag irritiert vor geschlossenen Ladentüren. Die neuen Sonntagsöffnungszeiten waren nicht bis zu ihnen durchgedrungen. Insgesamt aber startete der Einzelhandel mit einem Rekord ins Weihnachtsgeschäft.

Foto: Marion Hunger

Die zurückkehrende Kauflaune hat am ersten Adventswochenende im deutschen Einzelhandel für volle Geschäfte gesorgt. „Das war ein Traumstart ins Weihnachtsgeschäft“, sagte Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands HDE am Sonntag. „Dies stimmt uns verheißungsvoll für die kommenden Wochen.“ Angesichts des guten Wetters hätten sich besonders die Innenstädte gefüllt. Auch der Berliner Einzelhandel war mit dem Start ins Weihnachtsgeschäft zufrieden. Der regionale Branchenverband HBB sprach von einem guten Auftakt. Der Umsatz der vergangenen Tage liege deutlich über dem Vorjahr, für den gesamten November gebe es teilweise sogar zweistellige Zuwachsraten, sagte HBB-Hauptgeschäftsführer Nils Busch-Petersen.

Probleme gab es in Berlin allerdings mit der neuen Regelung für die Sonntagsöffnung. Vor allem viele Touristen standen in der Hauptstadt am 1. Advent vor verschlossenen Türen, weil sie über die neuen Ladenöffnungszeiten an den Adventssontagen nicht informiert waren. Viele Geschäfte versuchten aber, den Verlust von zwei verkaufsoffenen Sonntagen durch längere Öffnungszeiten zu kompensieren – entweder in der Woche oder an den verbliebenen beiden Adventssonntagen, sagte Busch-Petersen.

So sorgte der 1. Adventssonntag in Berlin vielerorts für Ärger und Irritationen vor den Geschäften der Stadt. Es blieb beim Bummeln von Schaufenster zu Schaufenster. Egal, ob am Tauentzien und Kudamm oder in den Shoppingcentern – die Geschäfte waren geschlossen. Viele Besucher standen vor den Schaufenstern und betrachteten die weihnachtlich dekorierten Auslagen, wunderten sich aber, dass sie nicht einkaufen durften. „Ich bin für ein paar Tage in Berlin und wollte im KaDeWe Weihnachtsgeschenke einkaufen“, sagte Alexandra Janeska aus Mazedonien. Die 27-Jährige hat eine Weile in Berlin gelebt und kannte die verkaufsoffenen Sonntage noch aus der Vergangenheit. „Ich wünschte, es wäre geöffnet. Ich hatte mich sehr darauf gefreut. Wahrscheinlich gehe ich jetzt auf einen Weihnachtsmarkt.“ Von den neuen Öffnungsregelungen hat die junge Frau nichts gehört oder gelesen.

Viele hatten schon lange im Voraus gebucht

Das Bundesverfassungsgericht hatte im Dezember 2009 die liberale Berliner Regelung gekippt, nachdem die Kirche geklagt hatte. Die Berliner Adventsregelung wurde als nicht verfassungskonform eingestuft. Daraufhin hatte das Abgeordnetenhaus ein geändertes Ladenöffnungsgesetz beschlossen. Die Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz legte fest, dass die Läden in Berlin am zweiten Advent, dem 5. Dezember, und am vierten Advent, dem 19. Dezember, zwischen 13 und 20 Uhr geöffnet sein dürfen.

Bekannt gemacht wurde das erst Ende Oktober. Da waren die Shopping-Wochenenden bereits gebucht. „Wir machen jedes Jahr mit unserem Verein eine Fahrt und in diesem Jahr wollten wir in Berlin einkaufen“, sagten drei Frauen aus dem Kreis Dithmarschen. „Was soll’s, jetzt gehen wir Glühwein trinken und genießen dann das Wellness-Programm in unserem Hotel.“

Ratlos waren auch Regina und Roland Reis aus Thüringen. Das Ehepaar war extra angereist, um Weihnachtsgeschenke einzukaufen. Sie schauten verwundert auf ihre Armbanduhr, ob sie sich eventuell in der Zeit geirrt hatten. „Wir waren noch nie im KaDeWe. Jetzt wollten wir uns das Kaufhaus mal ansehen, können es aber leider nicht“, sagten sie. Kurz entschlossen stiegen sie in einen Stadtrundfahrtbus. Das Ticket hatte ihnen Kerstin Sculto verkauft. Sie stand dick angezogen auf dem Tauentzien und warb für Stadtrundfahrten. „Ich musste heute schon sehr vielen Touristen erklären, warum die Geschäfte geschlossen haben“, sagte sie. „Unter ihnen sind viele Touristen aus Skandinavien.“ Auch in das Europacenter waren viele Besucher gekommen – und standen vor verschlossenen Geschäften. „Ich konnte jedes Jahr sonntags in Ruhe einkaufen und jetzt wird mir das wieder verboten“, ärgerte sich Jürgen Sumrow.

Weniger Arbeitslosigkeit treibt Konsum an

Dennoch verkauften sich in Berlin - vor allem am Sonnabend - nach HBB-Angaben vor allem Parfüms, Spielzeug, Unterhaltungselektronik und Weihnachtsdekoration sehr gut. Zudem gehe durch den Wintereinbruch auch zunehmend warme Kleidung über den Ladentisch. Besonders erfolgreich sind wieder einmal jene Einkaufsmeilen, bei denen ein Weihnachtsmarkt in der Nähe ist – etwa rund um die Gedächtniskirche. Weniger gut läuft es laut HBB an der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg. Neben dem fehlenden Weihnachtsmarkt trübe dort auch die große U-Bahn-Baustelle das Bild.

Für die gute Stimmung unter den deutschen Verbrauchern machte HDE-Geschäftsführer Genth die sinkende Arbeitslosigkeit verantwortlich. Während der Einzelhandel deutschlandweit einen Umsatzzuwachs von 2,5 Prozent im Vergleich zum Weihnachtsgeschäft des Vorjahres erwartet, hatte die Einzelhandels-Branche in Berlin eher mit stagnierenden Umsätzen gerechnet. Nach dem ersten Adventswochenende zog auch der Brandenburger Einzelhandel eine positive Startbilanz für das diesjährige Weihnachtsgeschäft. Die erste Woche sei gut gelaufen sagte Busch-Petersen. Insgesamt sei es aber ruhiger gewesen als in Berlin. Vor allem an den Wochenenden sei es in Brandenburgs Städten traditionell „nicht so knallig wie in der Metropole“. Im Gegensatz zu Berlin öffneten in mehreren brandenburgischen Städten aber auch am Sonntag die Geschäfte. Unter anderem konnten die Kunden in Potsdam, Neuruppin und Eisenhüttenstadt einkaufen.