Sigrid Nikutta

BVG-Chefin zum vierten Mal schwanger

Sigrid Nikutta erwartet im September ihr viertes Baby. Die Managerin will sich aber nur eine kurze Auszeit gönnen. Ihr Ehemann soll sich um die Kinder kümmern.

Foto: JOERG KRAUTHOEFER / Jörg Krauthöfer

Für etwa 70 Führungskräfte der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) hat die Klausurtagung am Dienstag im brandenburgischen Bad Saarow mit einer kleinen Überraschung begonnen. Denn statt eines Vortrags gab es am Morgen für jeden erst einmal ein Glas Sekt, spendiert von der Vorstandschefin Sigrid Nikutta. Die 42-Jährige hatte eine ganz persönliche Botschaft zu verkünden: Sie sei im fünften Monat schwanger und erwarte im September ihr nunmehr viertes Kind. Ein Wunsch-Baby, wie die überglückliche Mutter betonte.

Kurze Auszeit

Es habe netten Beifall und viele Glückwünsche für die BVG-Chefin gegeben, hieß es aus Teilnehmerkreisen. Zu den ersten Gratulanten gehörten demnach die Vorstandskollegen Henrik Falk (Finanzen) und Lothar Zweiniger (Personal und Soziales). Wer es ernst meine mit der Forderung, mehr Frauen in Führungspositionen zu sehen, für den sei es selbstverständlich, dass sie auch weiterhin Kinder bekommen können, wurden sie zitiert.

Nikutta betonte ihrerseits, dass sie das Unternehmen ohne große Unterbrechung weiterführen werde. Voraussichtlich werde sie einen Monat lang nicht im Büro sein, dass sei eine Auszeit, die nicht viel länger sei als der Jahresurlaub ihrer männlichen Vorstandskollegen. Ihr Ehemann werde seinen geplanten beruflichen Wiedereinstieg verschieben und sich vorrangig um die Kinder – bislang ein Sohn, 7 Jahre alt, und zwei Töchter, ein und drei Jahre alt – kümmern. Erst Ende Januar war die Familie nach Berlin gezogen und wohnt nun in einem Haus in Biesdorf im Bezirk Marzahn-Hellersdorf.

Seit sieben Monaten im Amt

Mit Sigrid Nikutta steht seit dem 1.Oktober 2010 erstmals eine Frau an der Spitze der BVG – mit insgesamt 13000 Mitarbeitern Deutschlands größtes Nahverkehrsunternehmen. Ein weiteres Novum: Im Unterschied zu ihren ausschließlich männlichen Vorgängern war sie weder nach einer politischen Hinterzimmerrunde, noch im Ergebnis einer einsamen Entscheidung des für die BVG zuständigen Senators zu dem ebenso verantwortungsvollen wie lukrativen Posten gekommen. Erstmals hatte es eine bundesweite Ausschreibung der zuletzt mit fast 400000 Euro Jahresgehalt dotierten Stelle gegeben. Im Ergebnis eines mehrstufigen Auswahlverfahrens setzte sich Nikutta genau vor einem Jahr gegen 176 Mitbewerber, darunter nur 21 Frauen, durch. Die promovierte Psychologin (Thema ihrer Doktorarbeit „Mit 60 im Management – Vorstand oder altes Eisen?“) sowie langjährige Bahn-Managerin sei sehr gut für den Spitzen-Job geeignet, betonte Finanzsenator und BVG-Aufsichtsratschef Ulrich Nußbaum (parteilos), der sich für ein transparentes Auswahlverfahren eingesetzt hatte.

Entscheidung für Berlin

Auch Nikutta entschied sich am Ende für Berlin und die BVG, obwohl Konzernchef Rüdiger Grube sich persönlich bemüht hatte, sie bei der Deutschen Bahn zu halten. Nikutta soll für ihre Tätigkeit als Vorstandsvorsitzende und Vorstand Betrieb (zuständig für den gesamten Fahrbetrieb) einen Drei-Jahres-Vertrag mit Verlängerungsoption erhalten haben. In der bislang männerdominierten BVG konnte sich Nikutta schnell einen guten Ruf erarbeiten. Vor allem wegen ihres engagierten Auftretens und ihrer offenen Art, auf alle Mitarbeiter unabhängig von Hierarchien zuzugehen, heißt es in der BVG. Ihr Markenzeichen sei das herzhafte Lachen, das ihr selbst in schwierigen Krisensituationen nicht vergehe.

Einer solchen Krise musste sie sich gleich zu Beginn ihrer Amtszeit stellen: Eine Serie von Bränden und technischen Mängeln sorgte im Herbst 2010 dafür, dass sich Ausfälle im Busverkehr häuften. Die neue BVG-Chefin griff durch und ließ eine besonders anfällige Bauart komplett aus dem Verkehr ziehen. Eine gleichfalls angeordnete Kontrolle der gesamten Busflotte durch unabhängige Prüfer förderte schließlich zahlreiche Wartungsmängel zutage.Nikutta ließ trotz der hohen Verschuldung des Unternehmens (insgesamt rund 780 Millionen Euro) ein 18 Millionen Euro teures Sonderprogramm auflegen.

30 neue Werkstatt-Mitarbeiter

Unter anderem wurden 30 Werkstatt-Mitarbeiter neu eingestellt und zusätzliche Qualitätskontrollen eingeführt. Kurz darauf entschied der Vorstand der Berliner Verkehrsbetriebe, dass bei allen 1300 BVG-Bussen im Motorraum Hitzesensoren und automatische Löschanlagen eingebaut werden. Doch das kostet noch einmal viel Geld: Weitere 6,6 Millionen Euro mussten ausgegeben werden. Seither ist es zu keinem einzigen neuen Brandausbruch in einem BVG-Bus gekommen.

Dass Kind und Karriere kein Widerspruch sein müssen, haben erst jüngst bekannte Politikerinnen vorgemacht. So teilte Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDUI) im Januar – knapp ein Jahr nach Amtsantritt – mit, dass sie im vierten Monat schwanger sei. Das Kind soll im Juni zur Welt kommen. Die Bundesministerin will zunächst nur eine Auszeit von 14 Wochen nehmen. Als Abgeordnete haben weder sie noch ihr Mann, Staatssekretär Ole Schröder, einen Anspruch auf Elternzeit, für die die Familienministerin politisch wirbt. Anfang des Jahres bekam die Generalsekretärin der SPD, Andrea Nahles, eine Tochter. Auch Andrea Nahles nahm nur eine kurze Babypause von zwei Monaten in Anspruch, der Vater trägt die Hauptverantwortung in der Erziehung.

Dass Väter die Verantwortung für die Kinder-Erziehung übernehmen, ist inzwischen nichts Ungewöhnliches mehr: Im vergangenen Jahr haben in Berlin 24,4 Prozent der Väter Elterngeld in Anspruch genommen. Im Vergleich der Bundesländer liegt Berlin damit vorn.