Prenzlauer Berg

Wie der Lärm im Szenekiez nervt

Wochenmärkte, Bauarbeiten oder Clubs – immer öfter beschweren sich Bewohner in Prenzlauer Berg über Lärm. Das Bürgerliche hat das Alternative abgelöst. Und im Ordnungsamt wächst der Aktenberg der Beschwerden.

Foto: Michael Brunner

Der neueste Gag der Kastanienallee ist ein Reisepass. Er liegt im Schaufenster eines Designermodegeschäfts, olivgrün und auf den ersten Blick eindeutig zu erkennen als Reisedokument der alten Bundesrepublik. Nur das goldene Brandenburger Tor darauf lässt ahnen: Das Ding ist nicht echt. Das Tor stand im Osten, hinter der Mauer. Genau wie die Allee, wo die Modeverkäuferin jetzt sagt: "Ist doch lustig, oder? Eine nette Reiseerinnerung für Touristen."

Erinnerung woran? Das, was Prenzlauer Berg einmal war, ist längst überklebt, übermalt, Geschichte. Ein Plakat wirbt neben der Boutique für "wunderschöne Eigentumswohnungen, vorteilhaft für Kapitalanleger", die Kastanienallee ist fast komplett durchsaniert. Nur schräg gegenüber dämmert das "Tuntenhaus" vor sich hin. Zerfurchte Fassade, bunte Fenster. "Kapitalismus normiert, zerstört, tötet" haben die Bewohner in großen Lettern ans Haus genagelt. Es trägt den trotzigen Beinamen "ehemals besetzt" und steht angeblich zum Verkauf. Als kürzlich der "Umsonstladen" im Erdgeschoss geräumt werden sollte, rückte die Polizei ein letztes Mal an. Der Laden wurde versiegelt, die Nachbarschaft amüsierte sich, Proteste gab es nicht. Die "taz" schrieb später: Das Tuntenhaus gehört eigentlich ins Museum. Doch das gilt eigentlich für das gesamte Viertel.

Protestiert wird in Prenzlauer Berg nicht mehr, die Zeiten sind vorbei. Gestritten wird trotzdem noch, wenn auch selten um Häuser. Meist geht es um den Raum dazwischen. Wem gehört der Bürgersteig? Wie viel Lärm dürfen Baustellen machen, Wochenmärkte, Clubs? "Die Lärmempfindlichkeit der Anwohner hat in den letzten Jahren stark zugenommen", sagt Jens-Holger Kirchner (Grüne), Stadtrat für Öffentliche Ordnung im Bezirk Pankow. Er hütet den neuesten "Berg" von Prenzlauer Berg – den Aktenberg der Bürgerklagen.

Schlichten, vermitteln, moderieren

Und der wird immer höher. Wegen Lärm beschwerten sich im Jahr 2008 knapp 800 Anwohner aus dem Verwaltungsbezirk Pankow, im vergangenen Jahr waren es schon 933. Dieses Jahr dürfte die Zahl noch darüber liegen. "Vom Hundegebell im Nachbargarten bis zum privaten Freudenfeuerwerk ist alles dabei." Kirchner ist ein Mann mit Humor. Anders ließe sich seine Aufgabe wohl kaum bewältigen. Manche Konflikte lassen sich schnell beilegen. Viele aber füllen inzwischen dickte Aktenordner im Ordnungsamt. Dass die Zahl der eingeleiteten Verfahren im Gegensatz zu den Beschwerden rückläufig ist, führt Kirchner auf die Arbeit seines Amtes zurück – schlichten, vermitteln, moderieren. Aber das funktioniert nicht immer.

Es gebe neue Anwohner, die "anscheinend gleich ihre Anwälte mitbringen", sagt Kirchner. So häuften sich neuerdings die Lärmklagen vor Gericht, "ohne dass vorher überhaupt das Gespräch mit uns gesucht wurde". Wenn sich jemand eine Wohnung neben einem Club oder einer Baustelle kaufe und dann vor Gericht ziehe, habe er dafür weniger Verständnis.

Oft erstreiten sich Anwohner zudem Lösungen, die zu Lasten der Mehrheit gehen. Im Gebrüll der Baumaschinen an der Baustelle der U2 erreichten drei Anwohner, dass tausende Fahrgäste sechs Wochen länger in langen Schlangen auf den Schienenersatzverkehr warten müssen. Am Kollwitzplatz wehren sich Anwohner seit Jahren gegen die lauten Aufbauarbeiten des sonnabendlichen Öko-Marktes, gegen zugestellte Einfahrten und Bürgersteige. Als der Markt 2008 von der Wörther- in die Knaackstraße verlegt wurde, protestierte sogar Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD). Er ist ebenfalls Nachbar. Eine Bürgerinitiative entstand, sie nannte sich "Besser leben im Kiez".

Aber was bedeutet dieses "bessere Leben"? Der Kollwitzmarkt ist für seine Biowaren und Delikatessen weit über den Bezirk hinaus bekannt. Die konstanten Zahlen von 5000 Besuchern sprechen dafür, dass der Markt auch im Kiez beliebt ist. Die Initiative sähe es am liebsten, er verschwände ganz aus den beiden Straßen. "Es gab Gespräche, Runde Tische, Kompromissangebote, aber es hat nichts gebracht", sagt Kirchner. Es hagelte weiter Anzeigen, sogar gegen ihn persönlich. Sonnabends wurde das Ordnungsamt per Bürgerbeschwerde regelmäßig an den Platz beordert. "Man hat uns missbraucht wie eine Privatarmee", schimpft Kirchner, "aber wir müssen dem nachkommen". Momentan ruht der Streit. Das Oberverwaltungsgericht hat dem Marktbetreiber strikte Auflagen erteilt. Und die Hauptgegnerin hat vorübergehend ein anders Betätigungsfeld gefunden – als Verkäuferin auf einem Weihnachtsmarkt in Mitte.

Jüngstes Beispiel für die komplizierte Gemengelage zwischen öffentlichen Interessen und den Bedürfnissen einzelner ist das Ende des Knaack-Klubs an der Greifswalder Straße. Ende des Jahres wird er schließen, nach 58 Jahren. Vor eineinhalb Jahren waren rückwärtig neue Wohngebäude errichtet worden, als sie fertig waren, entdeckten die Käufer der Eigentumswohnungen empört das nächtliche Dröhnen aus der Nachbarschaft. Trotz Runder Tische, Vermittlungsversuchen und Appelle traf man sich vor Gericht. Seit vergangenem Sommer muss im "Knaack" die Musik ab 23 Uhr auf Zimmerlautstärke geregelt werden.

Der Klub ist für Livemusik der härteren Art bekannt – Rock, Punk, Metal. Seine Gäste seien zwischen 18 und 25 Jahre alt, sagt Mitinhaber Mattias Matthies. "Der Gerichtsbeschluss hat uns die Existenzgrundlage entzogen." Persönlichen Groll gegen die neuen Nachbarn hege er jedoch nicht. "Ich kann sie sogar verstehen." Matthies macht die Baubehörden verantwortlich, nicht rechtzeitig auf den lauten Standort hingewiesen zu haben – und die Architekten, die nicht auf Lärmschutz achteten.

Vergangenes Wochenende beging der Klub öffentlichkeitswirksam sein letztes Konzert am historischen Standort. Berlinweit wurde beklagt, mit dem "Knaack" ginge ein weiteres Stück der Szene verloren, die das Viertel berühmt gemacht habe. Man berief sich auf Fälle wie den Klub "Icon" an der Cantianstraße, das beinahe ebenfalls hätte schließen müssen, weil Anwohner sich über laute Gäste beschwerten. Schon im März war der Klub "Magnet" von der Greifswalder Straße dorthin gezogen, wo die aktuelle Szene momentan feiert: an die Oberbaumbrücke in Kreuzberg. Im "Magnet" allerdings gab es keine Lärmbeschwerden. Dem Vermieter erschien ein anderes Gewerbe zeitgemäßer. Jetzt hat ein Biosupermarkt eröffnet.

Auch die Knaack-Betreiber sind längst auf der Suche nach einem neuen Standort. Favorit ist offenbar ein Neubau am Mauerpark – dem einzigen Ort, wo sich die "Szene" in Prenzlauer Berg noch trifft.

Seit der Wende hat die Bewohnerschaft zu 80 Prozent gewechselt – in unterschiedlicher Geschwindigkeit. Am Helmholtzplatz sah es lange so aus, als würde das Sanierungsgebiet das Schlimmste verhindern. Auf der östlichen Seite stehen noch immer bunt bemalte, ehemals besetzte Häuser, auf dem Platz sitzen ein paar Stadtnomaden mit Bierflaschen. Ein Hund bellt. Wenn Heiko Braun (40) aus dem Schaufenster seines Taschengeschäftes sieht, schaut er seit Jahren auf dieses Bild – und einen bunt besprühten Pavillon. "Kiezkind" ist ein rauchfreies Familiencafé mit Indoorsandkasten.

Heiko Braun kam 2004 an den Platz. Sein Taschenladen, wo er mit einer Partnerin eine Kollektion für Umhängetaschen entwarf, lag damals im Erdgeschoss eines verfallenen Hauses. "Das Haus wurde versteigert und die Mieter rüde zum Auszug gedrängt", sagt Braun. "Tag für Tag klingelten Leute an den Türen." Inzwischen wohne keiner der alten Bewohner mehr hier. Der Mann, der über dem kleinen Laden gelebt hatte, bekam nach seinem Umzug einen Herzinfarkt, berichtet Braun. "Es klingt wie ein böses Klischee. Aber so war es."

Wenn Heiko Braun spricht, klingt auch das nach Klischee, denn er spricht mit schwäbischem Akzent. "Ja, ich bin Schwabe", sagt er und versucht, nicht genervt auszusehen. Inzwischen haben die Kritiker der Gentrification, der sozialen Umwälzung des Viertels, einen weiteren Typus der Neu-Prenzlauerberger ausgemacht. "Schwaben, verpisst euch!", stand im vergangenen Jahr auf wild geklebten Plakaten zu lesen, und: "Wir sind ein Volk – ihr seid an anderes." Gemeint waren jene Nachbarn, die sich teure Lofts, Dachwohnungen oder Stadtvillen kaufen – auf der Suche nach einem "Leben mitten in der Stadt mit Freiheit, Raum und Ruhe".

Doch zu ihnen zählt Heiko Braun nicht. Auch ihn habe der "rasante Bevölkerungsaustausch" rundum erschreckt, sagt er. Für sein Geschäft sei das neue, hippe Publikum zwar gut, zudem ein Drittel Touristen seien. Privat wohnt er jetzt in Moabit. "Da ist Berlin wirklich noch gewachsen."

In Prenzlauer Berg dagegen hat sich seit der Wende die Anzahl der Bewohner mit Hochschulreife verdoppelt, das Durchschnittseinkommen stieg von 20 Prozent unter dem Berliner Durchschnitt auf fünf Prozent darüber. Die Geburtenrate lag teilweise an der Berliner Spitze. Kamen die ersten noch als Studenten wie Heiko Braun und als Selbst-Renovierer, waren die zweite Generation Mieter der sanierten Wohnungen. Menschen mit durchschnittlichen Einkommen, junge Familien, Kreative, Künstler, Szenegänger, die von den niedrigen Mieten in den Sanierungsgebieten profitierten – und auf der Suche waren nach etwas Ursprünglichem, etwas, das nach gelebter Geschichte aussah. Und heute?

Ladennamen wie "Schöne Maid" oder "Feinripp" reklamieren gute alte Zeiten. Eine "Kaufhalle" verklärt den "goldenen" Osten mit DDR-Memorabilien, während die wahre Kaufhalle um die Ecke längst Kaiser's heißt. Spätestens, seit Hollywoodstar Angelina Jolie vor einigen Jahren nach Prenzlauer Berg kam und Kinderspielzeug einkaufte, ist klar, was die neuesten Anwohner suchen. "Familienfreundliches Wohnen inmitten der Großstadt mit privatem Garten" zum Beispiel. So versprechen es beispielweise die Investoren des "Marthashof" an der Schwedter Straße, einer Anlage mit Eigentumswohnungen und Stadtvillen mit Garten. Ein bisschen klingt es nach der Quadratur des Kreises – ein Hort der Ruhe mitten in einem "kulturellen, bunten, kreativen und warmherzigen Bezirk". So beschreibt es die Investorin, die italienische Modedesignerin Giovanna Stefanel-Stoffel. Sie ist mit ihrem Mann Ludwig Stoffel inzwischen selbst nach Berlin gezogen.

Mit Quadratmeterpreisen um die 3300 Euro ist die Zielgruppe klar – und sie kommt. Obwohl der Marthashof erst Ende kommenden Jahres fertig werden soll, seien schon rund 85 Prozent verkauft, heißt es bei den Investoren. Dass die neuen Nachbarn das Feindbild der "Schwaben" erfüllen, lasse sich dagegen nicht sagen: "Rund 80 Prozent stammen aus Prenzlauer Berg, es sind Angestellte und Unternehmer und Freiberufler." Die meisten seien zwischen 30 und 40 Jahre alt, einige mit Familie und Kindern. Im Bezirk dennoch Protest. Hier entstehe eine "Gated Community", eine abgeschottete Luxus-Wohnanlage. Doch zumindest der Garten des Marthashofs wird tagsüber offen für alle sein.

Bürgersteige für alle

Der Protest gegen alles Neue im "Kiez" wirkt zuweilen fast rituell. Wie an der Kastanienallee. Eine Bürgerinitiative diskutiert seit Jahren um Parktaschen, Radwege, Platz für die Szenekneipen auf dem Bürgersteig. Eigentlich hatte man sich auf einen Kompromiss geeinigt. Doch als neulich die Bagger anrückten, reichte eine weitere Bürgerinitiative den Antrag auf ein Bürgerbegehren ein: Sie fordert den sofortigen Baustopp.

"Ich habe mir auch überlegt, ob ich gegen den Umbau vor Gericht ziehe", sagt Dr. Motte, bürgerlich Matthias Roeingh, von Beruf DJ. Er gehört zu den Neu-Prenzlauerbergern, 2007 hat er sein Büro an die Kastanienallee verlegt. Freunde, Kollegen, Clubs, alle anderen waren ja auch schon da. "Wir wollen hier eine Fußgängerzone – der Umbau ist Geldverschwendung", kritisiert er. "Es verletzt meine Würde, wenn ich nicht gefragt werde." Sein Anwalt riet jedoch von der Klage ab. Es war nicht wirklich so, dass die Anlieger nicht gefragt wurden. Nur waren viele erst später hergezogen.

Was hat die Würde des Menschen mit Parktaschen zu tun? "Viel", sagt der DJ. "Die Politik befragt die Leute und macht dann doch, was sie will." Schnell er ist bei großen Themen wie der Privatisierung der Wasserbetriebe oder dem umstrittenen Investorenprojekt Mediaspree in Kreuzberg. Im Sommer trat er dort bei den Protesten als DJ auf. Inzwischen hat er sich davon distanziert. An der Kastanienallee dagegen, sagt er, könnte er sich Protest schon noch vorstellen. Nicht so wild wie in Kreuzberg. Eher bürgerlicher. Dr. Motte träumt von einem deutschlandweiten Bündnis aller Bürgerinitiativen, "außerparlamentarisch", vielleicht bekomme man da auch mehr hin als eine Fußgängerzone. Den Anwalt hat er fürs erste abbestellt. "Koalition statt Opposition!", ruft Dr. Motte durch sein Büro. Er ist der Mann, der 1989 die erste Love Parade als politische Demonstration angemeldet hatte. Motto: Friede, Freude, Eierkuchen.

Die Bewohner der ersten Nachwende-Generation reagieren weniger aufgeregt – und haben andere Konsequenzen gezogen. Susanne Förster zum Beispiel. Die 42-Jährige arbeitet in einem kleinen Spielzeugladen an der Rykestraße. Sie hat mit ihrer Familie eine Weile in Prenzlauer Berg gewohnt. "Vor zehn Jahren kamen wir aus Wuppertal her, weil wir wollten, dass unsere Kinder hier aufwachsen." Susanne Förster ist selbst in Mitte groß geworden. Inzwischen ist die Familie weitergezogen nach Weißensee. Warum? "Dort ist es wie früher in Prenzlauer Berg." Es habe sich viel verändert, die Atmosphäre, die Menschen. Sie verwendet zögernd das Wort: Dekadenz.

Teresa Stedile ist im Januar mit ihrer Familie aus Innsbruck nach Prenzlauer Berg gezogen, weil ihr Mann in Berlin Arbeit fand. Er ist Architekt, sie ist Kindergartenpädagogin. Ein Jahr wollten sie bleiben, sie hütet so lange als Tagesmutter Tochter Sofie (3) und drei weitere Kinder. Gerade für Kinder, findet sie, sei Prenzlauer Berg gar nicht so geeignet, wie es auf den ersten Blick scheine. "Mir fehlt zwischen all den wunderbaren Angeboten die Bodenständigkeit."

An den Kindern, ausgerechnet, hat auch Jeanne Maddy ihr Unbehagen am neuen Prenzlauer Berg erstmals gespürt. Sie ist Keramikerin und Hebamme, 1990 kauften sie und rund 30 Künstler, Kreative, Intellektuelle zusammen ein Haus an der Kollwitzstraße. Sie sanierten es mit staatlicher Förderung und viel Eigenarbeit. "Bis heute wohnen fast alle noch hier", sagt Jeanne Maddy, die 47-Jährige hat im Erdgeschoss ihr Keramikatelier. "Nur drumherum ist alles anders geworden." Das wurde ihr vor einigen Jahren klar, als sie als von einem Einsatz als Hebamme für "Ärzte ohne Grenzen" in Sierra Leone zurückkehrte. Es waren nicht nur der neue Reichtum und Luxusprobleme, die ihr plötzlich aufstießen. "Auf einmal saßen die Kinder alle verkehrt herum in den Kinderwagen." Auf der ganzen Welt, sagt Jeanne Maddy, sei es normal, "dass Mutter und Kind sich anschauen". Doch in Prenzlauer Berg, so sah es aus, wurden plötzlich schon Kleinkinder mit dem Blick erzogen, als seien sie allein auf der Welt.

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