Neuer Fussball-Wettskandal

Berlin ist das Zentrum für Betrug im Sport

Die Welt der Zocker, das ist seit Jahren die Welt von Ante S. - bis jetzt bei ihm die Handschellen klickten. Der Berliner hat im Laufe der Zeit riesige Gewinne eingestrichen. Und das offenbar nicht immer auf legale Art. Wie das System der Wettbetrügereien funktioniert, weiß ein Insider der Berliner Szene. Er stieg nach dem Wirbel um Schiedsrichter Robert Hoyzer aus.

Foto: ddp

Geht nicht – gibt's nicht. So oder ähnlich könnte die Werbebotschaft der zahlreichen Anbieter von Sportwetten lauten, die auch in Berlin ihren einträglichen Geschäften nachgehen. Es gibt in der Tat kaum etwas, auf das sich nicht wetten lässt. Neben den Spielen der bekannten europäischen Fußballligen sind auch echte Exoten im Angebot: Frauenfußball in Finnland, Volleyball in Portugal, Pferderennen in Rumänien.

Die Welt der Zocker, das ist seit Jahren die Welt des Ante S. Sie war es zumindest, bis Donnerstag am frühen Morgen bei ihm die Handschellen klickten. Der in Kroatien geborene Berliner hat im Laufe der Zeit riesige Gewinne eingestrichen. Und das offenbar nicht immer auf legale Art. Welche Betrügereien genau man Ante S. und seinem ebenfalls festgenommenen Bruder Milan anlasten kann, das prüft gerade die Staatsanwaltschaft Bochum als Schwerpunktdienststelle für Wirtschaftskriminalität.

Drei Milliarden Euro werden in Deutschland jährlich in Wettbüros oder via Internet bei Sport- und Pferdewetten umgesetzt, schätzen Experten. „Bei so viel Geld ist eine Anfälligkeit für Massenkriminalität fast normal“, sagt Martin Bahr, Rechtsanwalt und Spezialist für Glücks- und Gewinnspielrecht. In der Tat tummeln sich im Wettgeschäft ganze Heerscharen von Kriminellen. Im Bundeskriminalamt (BKA) spricht man längst von einer weltweit operierenden Wettmafia. Und viele der in Deutschland und Europa tätigen Drahtzieher sitzen nach Erkenntnissen der Behörde in Berlin. Wie viele genau es sind, darüber gehen die Schätzungen weit auseinander, sie schwanken zwischen einigen Dutzend und knapp 100 Kriminellen.

Bis Anfang vergangenen Jahres konnten die Wettbetrüger etwa 270 Annahmestellen in der Hauptstadt nutzen, um ihre Wetten zu platzieren. Dann hat das Bundesverfassungsgericht festgestellt, dass in Deutschland nur der staatliche Anbieter „Deutsche Klassenlotterie“ Sportwetten anbieten darf, private Anbieter somit illegal arbeiten. Seither haben viele Private ihren Betrieb eingestellt. 20 Wettbüros wurden nach Angaben von Innensenator Ehrhart Körting (SPD) seit dem vergangenen Jahr von den Behörden geschlossen, gegen weitere 60 wurden bis zum Sommer 2009 so genannte Untersagungsverfahren eingeleitet. Aber noch immer gibt es mehr als 100 private Wettbüros in der Stadt, viele haben bei der Europäischen Kommission Beschwerde gegen die Urteile der deutschen Gerichte eingelegt.

"Man muss allerdings sagen, dass in aller Regel nicht die Wettanbieter die Kriminellen sind, ihre Wettbüros werden lediglich von den Betrügern genutzt, um manipulierte Wetten zu platzieren“, erklärt ein BKA-Fahnder. Die Wettbetrüger, so der Beamte, seien heute auch in Berlin vielfach in ganzen Gruppen aktiv und somit Bestandteil der organisierten Kriminalität. „Ihre Verbindungen reichen in viele europäische Staaten, in die Länder des nahen Ostens und nach China, Taiwan und Malaysia“, erläutert der Fahnder. In den drei letztgenannten Staaten vermuten Ermittler die Hintermänner der weltweit agierenden Wett-Mafia.

Wie das System der Wettbetrügereien funktioniert, weiß ein Insider der Berliner Szene, der nach dem Wirbel um Robert Hoyzer vor einigen Jahren ausgestiegen ist. „Manipuliert werden Spiele unterer Ligen, die stehen nicht so im Fokus der Öffentlichkeit“, erzählt der gebürtige Türke, der seit mehr als 25 Jahren in Berlin lebt. Dass Spieler, Trainer oder Schiedsrichter bestochen werden, um für ein gewünschtes Spielresultat zu sorgen, weiß man seit dem Fall Hoyzer. Häufig, so der Szene-Kenner, sei aber auch Erpressung im Spiel. „Man hat irgendetwas gegen einen Spieler in der Hand, mit dem man ihn unter Druck setzen kann. Ich habe in konkreten Fällen von hohen Schulden, regelmäßigen Besuchen in Bordellen, einer Geliebten neben der Ehefrau oder homosexuellen Neigungen gehört, mit denen Leute unter Druck gesetzt wurden“ berichtet der Insider.

Erleichtert wird der Wettbetrug auch durch die grotesken Auswüchse, die die muntere Zockerei inzwischen genommen hat. Gewettet wird längst nicht mehr nur auf Ergebnisse. „Man kann bei bestimmten Anbietern auch darauf wetten, dass etwa in einem Spiel X die Gastmannschaft in der 65. Minute einen Freistoß bekommt oder in der 78. Minute einen Eckball“, berichtet der Szene-Kenner. „Solche Dinge erleichtern natürlich den Betrug immens, denn in den Fällen muss der gekaufte Spieler ja nicht für ein bestimmtes Ergebnis sorgen, was grundsätzlich ja durchaus schwierig sein kann. Es reicht in dem beschriebenen Beispiel dann halt, wenn er zur vorgegeben Zeit den Freistoß oder Eckball verursacht, auf den gewettet wurde“, erklärt der BKA-Fahnder.

Vor Jahren schon wurde bei Wettanbietern ein Frühwarnsystem eingerichtet, das Alarm schlägt, wenn auf ein eher ungewöhnliches Ergebnis hohe Summen gewettet werden. Doch das System greift nur ab einer bestimmten Größenordnung der eingesetzten Geldbeträge. Und lässt sich daher auf relativ einfache Art umgehen.

So sollen, wie der Berliner Szene-Kenner berichtet, in den Wettbüros der Hauptstadt im vergangenen Jahr zahlreiche Wetter angesprochen und überredet worden sein, in Annahmestellen und über das Internet gegen eine Provision geringe Beträge zu setzen, die man ihnen zuvor übergab. „Wenn eine Person 25000 Euro setzt, schlägt das Frühwarnsystem Alarm, wenn 50 Personen in verschiedenen Wettbüros und bei unterschiedlichen Anbietern 500 Euro setzen, passiert nichts“, beschreibt der Mann die Möglichkeiten, das System auszutricksen. Er sei sich absolut sicher, dass diese Praxis auch heute noch regelmäßig Anwendung finde, beteuert der Insider.