Öffentlicher Dienst

Berlins Bezirken droht der Personalkollaps

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Gilbert Schomaker

Foto: Massimo Rodari

Mehr als 6000 Verwaltungsmitarbeiter gehen in den kommenden Jahren in den Ruhestand, bisher gibt es aber kaum Neueinstellungen in den Berliner Bezirken.

Die Zahlen, die der Bezirksbürgermeister von Steglitz-Zehlendorf Norbert Kopp (CDU) auf der Personalversammlung am Mittwoch präsentierte, erschreckten die Mitarbeiter. Im Jahr 2020 werden fast 40 Prozent aller Stellen im öffentlichen Dienst im südwestlichen Berliner Bezirk nicht mehr besetzt sein. Denn während viele Beamte und Angestellte in Pension und Rente gehen, werden nicht entsprechend neue Mitarbeiter eingestellt. „Wir müssen dringend handeln. Es gibt in den nächsten Jahren einen dramatischen Aderlass an Personal und damit auch an Wissen“, sagte Kopp zu Morgenpost Online. Steglitz-Zehlendorf ist kein Einzelfall. Von den 23171 Beschäftigten, die jetzt noch in den zwölf Berliner Bezirken arbeiten, werden in den nächsten zehn Jahren 6222 altersbedingt den öffentlichen Dienst verlassen. Das ergab eine aktuelle Aufstellung der Bezirke. Die Unruhe dort ist groß. Viele Aufgaben sind offenbar ohne massive Neueinstellungen demnächst nicht mehr zu erfüllen.

Franz Schulz: Dramatische Zahlen

Der Bürgermeister von Kreuzberg-Friedrichshain, Franz Schulz (Grüne), hat ein 40-seitiges Schreiben zusammengestellt, in dem er stellvertretend für alle Bezirke den demografischen Wandel in der Verwaltung beschreibt. Mit dramatischen Zahlen. Sind jetzt immerhin noch 4,5 Prozent der Mitarbeiter jünger als 34 Jahre wird ihr Anteil in den nächsten zehn Jahren auf 0,4 Prozent sinken. Der Altersdurchschnitt wird von jetzt 49,2 auf 55,75 Jahre in 2020 steigen. In der Folge des massiven Personalabbaus bei nur wenigen Neueinstellungen droht die Zahl unbesetzter Stellen von jetzt 2094 auf 7079 zu steigen. Schulz kommt zu dem Schluss, dass in zehn Jahren die Zahl der Beamten und Angestellten eigentlich nur noch für neun Bezirksämter ausreicht. Der Bürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg warnt vor einem „drohenden Verlust der Arbeitsfähigkeit“ und gibt in seiner Auflistung konkrete Beispiele.

Im Jahr 2020 werden bei den Ärzten und Tierärzten im öffentlichen Dienst 56 Prozent der insgesamt 406 Stellen nicht besetzt sein (2010: 16 Prozent); bei den Arzthelferinnen, Logopäden und Ergotherapeuten steigt die Zahl der offenen Stellen von jetzt zwölf auf 36 Prozent; bei den Sozialarbeitern wächst die Lücke von sieben auf 38 Prozent. „Man darf nicht unterschätzen, dass es sich bei vielen Tätigkeiten im öffentlichen Dienst nicht nur um Verwaltungstätigkeiten handelt“, sagte Uwe Schütt, Personalrat in Reinickendorf. „Wir werden immense Probleme auch im Sozialen und bei technischen Berufen bekommen.“ Die Auswirkungen waren jetzt schon im Bezirksamt Reinickendorf zu spüren. Bürgermeister Frank Balzer (CDU) informierte ebenfalls am Mittwoch die Mitarbeiter auf einer Personalversammlung über die Auswirkungen der Überalterung. „Es war schon jetzt fast unmöglich, Bauingenieure für zwei Jahre einzustellen, um die Aufträge des Konjunktur-II-Programms abzuarbeiten“, sagte Balzer dieser Zeitung. Die Folge des stetig wachsenden Personalmangels: Arbeit bleibt liegen, die Bearbeitung von Anträgen verzögert sich, die Bürger ärgern sich.

Balzer verwies darauf, dass die Zahlen, mit denen der Senat hantiere, kaum zutreffend seien. Denn während man in der Senatsfinanzverwaltung davon ausging, dass diese Jahr 20 Mitarbeiter das Bezirksamt Reinickendorf verlassen, registrierte der Bezirksbürgermeister schon 103 Abgänge. Dazu zähle nicht nur das Ausscheiden in den Ruhestand, sondern auch Tod und Wegzug. Hinzu komme ein Wettbewerb zwischen den Verwaltungen. „Die Senatsgesundheitsverwaltung beispielsweise lockt Mediziner mit höheren Verdiensten“, sagte Balzer.

Die Situation wird deswegen so dramatisch, weil die Bezirke kaum neue Leute beschäftigen können. „Wir konnten wegen der strengen Sparvorgaben des Senats in diesem Jahr nur vier Außeneinstellungen vornehmen“, sagte Balzer. Auch beim Nachwuchs hapert es. In Steglitz-Zehlendorf dürfen in diesem Jahr nur zwei Auszubildende übernommen werden. Im nächsten Jahr sind es drei, sagte Kopp.

Mit einem dringenden Appell hatten sich alle Bezirksbürgermeister nach einer Konferenz vor einigen Monaten an Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Finanzsenator Ulrich Nußbaum gewandt. Sie forderten, wieder mehr Menschen im öffentlichen Dienst auszubilden und einzustellen. „Wir prüfen die Zahlen“, hieß es am Donnerstag aus der Senatsfinanzverwaltung.

Kopp warnte: „Kurzfristig ist schon nichts mehr zu machen. Denn die Ausbildung dauert mehrere Jahre. Man muss aber jetzt handeln, damit wir in den nächsten Jahren nicht vor unlösbaren Problemen stehen.“

Der Altersdurchschnitt wächst

Altersstruktur Die Zahl der über 50-Jährigen in den Bezirksverwaltungen steigt von jetzt 50,4 auf 83,3 Prozent in zehn Jahren. Die unter 35-Jährigen fallen mit 0,4 Prozent schon gar nicht mehr ins Gewicht.

Bezirke Die meisten alten Mitarbeiter wird 2020 Marzahn-Hellersdorf haben. Dort wird der Altersdurchschnitt dann bei mehr als 57 Jahren liegen.

Forderungen Als Sofortmaßnahmen fordern die Bezirke, dass jede freie Stelle, für die es nach vier Wochen keinen Ersatz aus dem Stellenpool gibt, durch Neueinstellungen besetzt werden kann. Der Stellenpool soll 2012 aufgelöst werden. Die Bezirke wollen wieder mehr nach eigenem Bedarf ausbilden.