Prozess

Kind lebte in Tierkot - Mutter zu Haft verurteilt

"Es war erschreckend, eine hygienische Katastrophe", erinnert sich ein Polizist. Im vergangenen Sommer rettete die Polizei einen zweijährigen Jungen aus einer verwahrlosten und mit Tierkot verschmutzten Wohnung in Wedding. Jetzt muss die Mutter ins Gefängnis.

Am 23. August 2010 sollte die 39-jährige Dagmar J. wegen Verstoßes gegen Bewährungsauflagen festgenommen werden. Als Polizisten ihre Wohnung an der Weddinger Barfusstraße betraten, trauten sie ihren Augen nicht: In den stinkenden Räumen befanden sich verschiedenste Tiere. Darunter zwei Hunde, zehn Katzen, ein Papagei, eine Echse, ein Meerschweinchen, eine Vogelspinne und diverse Insekten. Am meisten entsetzt, sagte ein Polizeibeamter am Dienstag im Moabiter Kriminalgericht, habe ihn der Anblick eines kleinen Kindes, das auf dem Boden zwischen Kotresten gekauert und davon sogar etwas in den Mund gesteckt habe: „Es war erschreckend, eine hygienische Katastrophe.“

Dagmar J. wurde am Dienstag von einem Strafrichter wegen Verletzung der Fürsorgepflicht zu einer Haftstrafe von zehn Monaten ohne Bewährung verurteilt. Die früh gealterte, müde wirkende Angeklagte hatte zuvor geschildert, dass sie schon seit Wochen mit dem Kind und den vielen Tieren in der Wohnung gehaust habe. „Mir ist das alles über den Kopf gewachsen“, sagte die arbeitslose Frau. Die meisten Tiere habe sie übernommen, „weil sie sonst ausgesetzt oder getötet“ worden wären. Auf eine Annonce im Internet, in der sie einige Tiere anbot, habe niemand reagiert. Zu ihrer ohnehin depressiven Stimmung habe dann noch beigetragen, dass ein Verwandter wieder Alkohol zu trinken begann, obwohl ihm Ärzte wegen einer beginnenden Leberzirrhose einen schnellen Tod prognostizierten.

Der Richter zeigte Verständnis für die Angeklagte: Sie sei nicht boshaft und habe dem zweijährigen Jungen auch nicht schaden wollen, sagte er. Letztlich habe sie es aber doch getan. Dem Zweijährigen war zum Glück nichts passiert. Er schwebte aber in großer Gefahr, schwer oder sogar lebensgefährlich zu erkranken, sagte der Richter.

Einschlägig vorbestraft

Ungünstig für die Angeklagte wirkte sich auch eine einschlägige Vorstrafe aus. Sie war wegen Vernachlässigung eines anderen Kindes zu neun Monaten Haft verurteilt worden, ausgesetzt auf Bewährung. Zudem sollte sie in Raten 900 Euro Geldbuße zahlen. Weil sie diese Zahlungen nicht verrichtete, hatte ein Gericht die Bewährung widerrufen. Nachdem sie erneut nicht reagierte, sollte dann an jenem 23. August der Haftbefehl vollstreckt werden.

Dagmar J. befindet sich seitdem in Haft und sitzt nun erst einmal die restlichen beiden Monate der ersten Strafe ab. Ihre beiden älteren Kinder leben bei ihrer Mutter, zu der sie selbst aber keinen Kontakt mehr hat. Den jüngsten Sohn hat ihr ehemaliger Lebensgefährte zu sich genommen. Dort solle er auch erst einmal bleiben, sagte sie, bis sie ihr „Leben in den Griff bekommen“ habe.