Jubiläum

Café Einstein - eine Bühne für jeden Gast

Das Restaurant Unter den Linden in Berlin-Mitte feiert am heutigen Montag seinen 15. Geburtstag. Gründer Gerald Uhlig-Romero hat eine Institution geschaffen. Die Geschichte von ergriffenen und verpassten Gelegenheiten.

Foto: Sven Lambert

Das Wort „schicken“ verrät, dass die Frau an dem Tisch im Kaffeehaus eine Amerikanerin ist. Sie spricht es mehr aus wie „she can“. Sie sagt: „Wir müssen unsere Verkäufer häufiger nach Los Angeles she can.“ Ihre Gesprächspartner mit Kurzhaarschnitt und blauem Anzug nicken und reden von „Vertragsverlängerung“ und „Reisekosten“. Am Nebentisch spricht ein Mann im grauem Anzug und Bunte-Blumen-Schlips mit deutschem Akzent Hebräisch auf einen Bärtigen ein. Immer wieder blitzen deutsche Wörter hervor, wie „Atompolitik“ und „Auswärtiges Amt“. Daneben sitzt ein älterer Herr in einem gelben Pullunder, der gerade einen Espresso trinkt. Er schüttelt den Kopf und sagt zu seinem Gegenüber etwas von „Merkel“ und „Wahlkampf“. Er sieht aus, wie... Es ist Hans Dietrich Genscher, der ehemalige Außenminister. Denn das hier ist das Café Einstein Unter den Linden, und im Bundestag ist Sitzungswoche.

Sitzungswoche ist das Wort, das im Einstein den Unterschied macht. Das sind die 22 Wochen im Jahr, in denen im Bundestag von Montag bis Freitag Debatten geführt und Entscheidungen getroffen werden. Im Café Einstein, rund 250 Meter entfernt, bedeutet Sitzungswoche, dass an fast jedem Tisch Politiker, Lobbyisten, Journalisten, Wirtschaftsvertreter sitzen, meist mit Akten oder Papierstapeln auf der Bank neben sich. Ab sieben Uhr morgens ist kaum ein Tisch unbesetzt. Sie lesen. Sie frühstücken. Sie begrüßen (laut) die Kollegen am Nebentisch (gern mit Vornamen und „Du“) und verhandeln (leise) mit ihrem Gegenüber (die sie mit „Sie“ anreden). Meist sind es Paare an den Tischen, manchmal drei, selten vier. Auf dem Tisch steht immer der Brotkorb und die Marillenmarmelade im kleinen Schraubverschluss-Glastopf, der so sehr zum Einstein gehört, wie der Aufdruck auf den Kaffeetassen – und wie Dieter Wollstein, der immer freundliche Chefkellner und Geschäftsführer, sowie Gerald Uhlig-Romero, der Künstler und Kaffeehausgründer.

Jeder kann hier hereinkommen

Doch auch im 15. Jahr nach seiner Gründung ist nicht vollständig erklärbar, wie diese beiden Männer es geschafft haben, dass all die Prominenten diesen Ort als ihre Bühne gewählt haben. Es ist das Schnitzel, sagt US-Schauspieler Dennis Hopper. Es ist der Kaffee, sagt Ex-Kanzler Gerhard Schröder. Es ist der Tisch, „der hier immer frei ist für mich“, sagt Ex-Minister Otto Schily. Die Nähe zum Kanzleramt, sagt Beate Baumann, Büroleiterin von Kanzlerin Merkel. Die meisten aber sprechen ganz diffus von einer „Stimmung“, die das Café Einstein ausmacht. Ein Gefühl, dass sie hier arbeiten oder einfach sprechen können, ohne gestört, aber trotzdem erkannt zu werden. Denn jeder kann hier hereinkommen, sich an einen Tisch setzen und für 5,60 Euro ein Wiener Frühstück mit Ei im Glas bestellen. Die Marillenmarmelade steht zwei Minuten später auf dem Tisch.

Dieter Wollstein und Gerald Uhlig-Romero haben es mit ihrem Team von inzwischen rund 50 Mitarbeitern geschafft, aus einem Café mit 250 Quadratmetern eine Institution zu machen, einen Ort, der trotz Touristen nicht sein Flair verloren hat, sondern es vielmehr noch ausbaut. Nobelpreisträger, Künstler, Schauspieler sind inzwischen auch hier.

Das Café wurde am 21. März 1996 erstmals eröffnet, da war der Wechsel des Regierungssitzes von Bonn nach Berlin schon beschlossen, aber noch nicht komplett durchgeführt. „Niemand konnte wissen, ob sie denn wirklich kommen, den Ort für sich annehmen“, sagt Gerald Uhlig-Romero. Mit 'sie' meint der 57-Jährige nicht nur die Menschen, die ihren Kalender nach der Sitzungswoche einteilen, sondern letztlich alle, die heute hierherkommen, die Touristen und Besucher aus dem Umland mit eingeschlossen. Rein strategisch war das Einstein gut geplant: genau in der Mitte zwischen Humboldt-Universität, Bundestag und Bundesrat, in Sichtweite des Pariser Platzes. Also im Zentrum (Brandenburger Tor) vom Zentrum (Bezirk Mitte) vom Zentrum (Berlin).

Doch die Lage und das Gebäude an sich sind es nicht, die das Einstein anziehend machen, dazu ist der Bau des Architekten Jürgen Sawade zu nüchtern und glatt geraten. Gerald Uhlig hatte das Einstein nie nur als Café geplant. Von Anfang an sollte es ein Kunstwerk sein, eine „soziale Skulptur“, ein „Umschlagplatz für Kommunikation“, eine „private Akademie für Lebenskunst“, ein „Kosmos, bei dem jeder Tisch einen eigenen Planeten repräsentiert“. Solche Bilder entwirft Uhlig-Romero seit Jahren, wenn er von seinem Einstein spricht. Seine Gedanken drehen sich nicht nur um Kaffee und Kuchen, sondern um Philosophie, Kunst und Stil. Wer mit ihm über das Café spricht, muss damit rechnen, dass er plötzlich Sätze sagt, wie: „Das Leben ist eine Reise vom Nichts, durchs das Nichts, zum Nichts, ins Nichts hinein.“ Das war auch so ein Satz, den er hier gelernt hat, seiner „Akademie“ eben. Ihm selbst bedeutet Status, Geld, Macht, Kleidung nicht so viel. „Wir kommen doch alle aus der gleichen Kugel“, sagt er. Sein Konzept ist, dass jeder Gast die gleiche freundliche Behandlung verdient. „Jeder soll sich in seinem Sein angenommen fühlen.“

Am Morgen wird jede Lampe geprüft

Geschäftsführer Dieter Wollstein setzt diesen Gedanken täglich um. Der 63 Jahre alte Thüringer begrüßt die Gäste, führt sie zum Tisch, hängt die Jacken auf den Kleiderständer Marke „Alfred Loos“ und verbreitet damit eine geschäftige Stimmung, die nie hektisch wirkt. Gesichter und Namen kann er im Schlaf zuordnen, vielleicht auch, weil in seinem Büro aktuelle Zeitungsausschnitte von Politikern und Kulturschaffenden hängen, damit er keinen Generalsekretär mit einem Fraktionsvorsitzenden verwechselt. In der Sitzungswoche jedenfalls beginnt sein Tag im Einstein früh um 5 Uhr. Da spricht er mit dem Reinigungspersonal und geht die Rechnungen vom Vortag durch. Gegen 6 Uhr kommen die Kellner und er bespricht mit ihnen die Vorbestellungen der Tische. Ab wann muss die Seitentür geöffnet werden, damit ein Politiker ungesehen zu seinem Tisch kommt? Dann prüft er jede Lampe im Restaurant, alles soll so sein, wie am Vortag und am kommenden Tag. Den Standard halten. Seit 15 Jahren. Um 7 Uhr wird die Tür geöffnet und um 7.15 Uhr sind die Tische im hinteren Teil des Cafés schon besetzt, auf dem Weg dorthin ziehen auffällig viele Gästen einen Rollkoffer hinter sich her, als seien sie gerade erst mit dem Flugzeug gelandet oder eine S-Bahnstation vom Hauptbahnhof hergefahren.

Gerald Uhlig-Romero macht keinen großen Unterschied zwischen dem vorderen Teil des Cafés und dem hinteren. „Bruce Willis und Jodie Foster haben auch vorn gesessen“, sagt er, „und konnten dort ihren Kaffee in Ruhe trinken.“ Und schon ist man mittendrin im Aufzählen der Gäste, die schon im Einstein waren und letztlich zum Erfolg verhalfen: Guido Westerwelle, Ulrich Wickert, Maybrit Illner, US-Mathematiker John Nash, Udo Lindenberg, Günther Grass, Helmut Newton, Marcel Reich-Ranicki, Bill Clinton, Wim Wenders und viele mehr. „Es geht mir aber nicht darum, eine gewisse Promidichte zu erfüllen“, sagt Gerald Uhlig-Romero und klingt dabei wie ein Millionär, der sagt, dass ihm Geld nicht wichtig sei. Die Prominenten kamen einfach immer, ob Sitzungswoche oder nicht. „Doch Glamour beginnt für mich da, wo ein Gespräch so interessant ist, dass beide von einander lernen.“ Dafür letztlich habe er diesen Ort geschaffen, und bringt noch eine neue Bezeichnungen für sein Einstein ins Spiel: „Das Labor“. Das klingt ein wenig nach Untersuchung und Krankenhaus.

Der Mythos des altgriechischen Gottes Kairos

Tatsächlich ist sein Leben, ja sein Überleben, eng mit seinem Café verwoben. Kurz nach der Eröffnung geht Uhlig-Romero zum Arzt und bekommt die Nachricht von einer Niereninsuffizienz, Woche für Woche werden die Werte schlechter. Dann muss er erfahren, dass er den seltenen Gendefekt „Morbus Fabry“ hat, wie nur 400 andere Deutsche. Der sorgt dafür, dass rund zehn Mal am Tag „Krieg ist“ in seinem Körper, wie er sagt. Der Magen krampft sich zusammen, seine Hände brennen, irgendwo schmerzt es höllisch. Er muss rund zehn Pillen am Tag nehmen. „Rote, blaue, pinke, all die Farben, die mir auch als Künstler wichtig sind.“ Er hat die Pillendose manchmal auch im Kaffeehaus vor sich liegen, geht mit der Krankheit offensiv um, schreibt gar ein Buch mit dem Titel „Und trotzdem lebe ich.“ Dieses Trotzdem hat vor allem mit einer Frau zu tun, die er im Einstein kennen lernte. Mara Romero hatte für sich zwei Tassen Kaffee bestellt, die zweite für ihren verstorbenen Großvater. Die beiden kommen darüber ins Gespräch, sie wird später seine Frau – und spendet ihm eine Niere. Der Operationstag fällt genau auf den zehnten Jahrestag der Einstein-Eröffnung: der 21. März 2006. Das war ein Zufall, sagt Gerald Uhlig-Romero, obwohl er eigentlich nicht an Zufälle glaubt.

Vielmehr glaubt er an den altgriechischen Gott Kairos, den Gott der günstigen Gelegenheit, der auch in Karl-Theodor zu Guttenbergs Doktorarbeit erwähnt wurde. Dieser Gott hatte Flügel wie Eros und war schnell wie der Götterbote Hermes. Aber das besondere waren seine langen Haare, die er zu einem Zopf gebunden hatte. Dem Mythos nach fliegt, läuft oder schwebt er jeden Tag einmal an den Menschen vorbei und gibt ihnen Gelegenheit, seinen Zopf zu ergreifen. Wegen Kairos also packen Menschen noch heute „eine Gelegenheit beim Schopfe“. Für Gerald Uhlig-Romero ist der 21. März der Tag, an dem er gleich zwei Mal diesen Schopf ergriffen hat. In seiner Rede zur 15-Jahr-Feier wird er das sicher erwähnen.

US-Schriftsteller Arthur Miller zu spät erkannt

Verpasst hat er diesen „Zopf“ auch einige Male. Noch heute erinnert er sich an den Tag, als ein Kellner zu ihm ins Büro kam und sagte, er habe soeben einen älteren Mann abkassiert, der aussah, wie der US-Schriftsteller Arthur Miller. Sie suchten Fotos und fanden heraus, er war es. Eine zweite Gelegenheit gab es nicht, im Jahr 2005 starb der Schriftsteller. Die andere war die Begegnung mit André Kostolany, der großen Börsenlegende. Auch das Gespräch kann nicht nachgeholt werden, der Mann starb 1999. Doch Uhlig-Romero ist ohnehin jemand, der eher in die Zukunft blickt, sich auf neue Ausstellungen in seinen Räumen freut, weiter Theaterstücke schreibt, immer das Flair im Einstein im Auge. Drahtloses Internet wird er auch in diesem Jahr nicht einrichten. Die Gäste fragen auch nicht danach – eher im Gegenteil: Im Einstein werden die Blackberrys, iPhones auf den Tisch gelegt und häufig umgedreht. Hier geht es um das Gespräch mit seinem direkten Gegenüber.

Oder um das Sich-Zeigen, wie an dem Tag, als Gerhard Schröder kein Bundeskanzler mehr war, damals im Sommer 2005. Es war ein sonniger Tag, als er ohne Bodyguards ins Café Einstein ging, vielleicht, um zu sehen, wie das ist, ohne Macht einen Ort der Macht zu besuchen. Er saß an einem Tisch draußen an der Straße Unter den Linden Ecke Neustädtische Kirchstraße, sodass man ihn von beiden Seiten sehen konnte. Er soll griesgrämig geschaut haben, trotz des tollen Wetters, des leckeren Kaffees und der guten Stimmung im Kaffeehaus. Wem sollte er hier auch etwas vormachen: Den Kellnern, die wussten, dass im Hinterzimmer schon die große Koalition besprochen wird? Den anderen Stammgästen, die jetzt vielleicht auch seltener kommen würden? Dem Inhaber, für den alle „aus dem Nichts kommen“ und „ins Nichts gehen“? Aber die Zuschauer, die ihn erkannten, rechneten ihm irgendwie hoch an, dass er noch einmal gekommen war in dieses Café. Als Mensch, der auch Marillenmarmelade mag.

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