Nahverkehr

Bahn lehnt Kauf neuer S-Bahn-Züge ab

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Markus Falkner

Die Deutsche Bahn will nun doch keine neuen Züge für die marode S-Bahn anschaffen. Solange die Zukunft nach Ablauf des Verkehrsvertrags nicht klar ist, sieht der S-Bahn-Mutterkonzern keine Möglichkeit, neue Fahrzeuge zu bestellen - wegen kartellrechtlicher Bedenken

„Gemeinsam werden wir es packen.“ Mit dieser Botschaft ist Bahn-Chef Rüdiger Grube am Montag vor die Mitarbeiter der Berliner S-Bahn getreten. Bei einer Betriebsversammlung in der Hauptwerkstatt in Schöneweide bekannte sich der Konzernchef nach Angaben von Teilnehmern deutlich zur Verantwortung für die Nahverkehrstochter und deren Mitarbeiter. Den etwa 3000 S-Bahnern dankte Grube für ihren Einsatz in den Krisenjahren 2009 und 2010. Zugleich versicherte er, der Konzern stehe voll hinter der Geschäftsführung um S-Bahn-Chef Peter Buchner.

In der Diskussion über die Zukunft der S-Bahn gab sich der Bahn-Chef kämpferisch. Einen Verkauf der Nahverkehrstochter an die Länder Berlin und Brandenburg lehnte er erneut kategorisch ab. Sollte der Betrieb nach Ablauf des Verkehrsvertrages im Jahr 2017 ausgeschrieben werden, werde die Deutsche Bahn alles daransetzen, den lukrativen Auftrag erneut zu bekommen. Äußerungen, die bei den Mitarbeitern auf große Zustimmung stießen. „Herr Grube hat den Nerv der S-Bahner getroffen“, sagte ein Teilnehmer der Versammlung Morgenpost Online.

Auf weniger Begeisterung stießen Grubes Aussagen zur Zukunft der Berliner S-Bahn in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Denn – wie mehrere Zuhörer bestätigten – der Bahn-Chef machte in einer der wichtigsten Fragen am Montag einen überraschenden Rückzieher. Nachdem das Bundesverkehrsministerium im Januar eine Diskussion über die Anschaffung neuer S-Bahn-Züge durch die Deutsche Bahn angestoßen hatte, hatte Grube im Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses versprochen, gemeinsam mit Bund und Ländern nach einer Lösung zu suchen. Dabei werde die Beschaffung neuer Fahrzeuge nicht von einem neuerlichen Direktauftrag für die Deutsche Bahn abhängig gemacht.

Senat will in Kürze entscheiden

Inzwischen sieht der Bahn-Chef offenbar keine Möglichkeit mehr, frühzeitig neue Züge auf die Schienen zu schicken. Stattdessen müsse die S-Bahn ihre ganze Kraft in die technische Sanierung der bestehenden Flotte setzen. Nach Angaben von Teilnehmern der gestrigen Versammlung führte Grube vor allem kartellrechtliche Bedenken an. Die Bahn habe demnach juristisch prüfen lassen, ob es möglich sei, unabhängig von einer Entscheidung zur Zukunft der S-Bahn Züge zu kaufen. Die Antwort der Juristen habe Nein gelautet. Begründung: Wenn die Züge erst einmal da seien, müsste eine Ausschreibung so abgefasst sein, dass die bestehende Flotte weiter genutzt werden kann. Damit hätte die Deutsche Bahn dann aber einen Vorteil gegenüber Wettbewerbern, der dazu führen könnte, dass sie gar nicht erst an der Ausschreibung teilnehmen dürfe. Fazit: Investiert werden kann erst dann, wenn die Bedingungen für die Zukunft der S-Bahn feststehen.

In der Senatsverwaltung stieß diese Einschätzung der Dinge auf Verwunderung. „Wir müssen die Aussagen nun erst einmal genau prüfen“, sagte Behördensprecher Mathias Gille. Eine Entscheidung, ob der S-Bahn-Betrieb nach 2017 ganz oder in Teilen ausgeschrieben wird, ist nach seinen Angaben immer noch nicht gefallen. Senatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) würde diese Lösung wie berichtet bevorzugen. Große Teile der Regierungsparteien SPD und Linke wollen hingegen mehr kommunalen Einfluss auf den Nahverkehr gewinnen und schlagen eine Übernahme des Betriebs durch die landeseigenen Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) oder eine noch zu gründende Nahverkehrsgesellschaft in Besitz der Länder vor. „So bald wie möglich“, so Gille, soll die Entscheidung fallen.

Den Mitarbeitern der S-Bahn bereiten indes andere Pläne Sorgen, wie der stellvertretende Betriebsratschef, Michael Bublies, bestätigte. Vordergründig geht es nur um eine interne Neuorganisation. Vorgesehen ist demnach, die Züge und Mitarbeiter auf drei Teilnetze der S-Bahn – den Ring, die Nord-Süd-Strecken und die Ost-West-Strecken – aufzuteilen. Offiziell soll das zu einer geringeren Belastung der Mitarbeiter, zu besserer Planung und weniger Störanfälligkeit beitragen. Eine interne Studie belege, dass vor allem die Arbeitsbelastung der Werkstatt-Mitarbeiter und Triebfahrzeugführer enorm gestiegen sei, heißt es aus S-Bahn-Kreisen. Die Mitarbeiter befürchten jedoch, dass das Unternehmen damit bereits die Weichen für den Fall einer Teilausschreibung stellt. Sollte die Bahn nach 2017 ein Teilnetz verlieren, müssten die betroffenen S-Bahner um ihren Arbeitsplatz bangen.