Wissenschaftliche Arbeiten

Doktor gegen Geld - ein Ghostwriter berichtet

Wer seine wissenschaftliche Arbeit nicht selber schreiben will, muss nur Matthias K. anrufen. Der Ghostwriter und seine Mitarbeiter liefern auf Anfrage wissenschaftliche Texte aller Art. Der Preis für eine Doktoarbeit: 20.000 Euro.

Foto: Kinowelt

Mathias K. ist Geist von Beruf. Seine Arbeit hinterlässt keine Spuren, jedenfalls nicht namentlich. Er verfasst im Auftrag und, das ist in diesem Zusammenhang wichtig, auch im Namen Dritter Texte und bekommt Geld dafür. Mathias K. ist Ghostwriter.

Sein Beruf ist derzeit überall im Gespräch. „Wenn man einen Ghostwriter braucht, sollte man sich einen guten suchen“, sagt der Profi. In seiner Berliner Agentur beschäftigt Mathias K. 50 Freiberufler, die ihr Fachwissen unter anderem dafür einsetzen, Reden oder Fachbücher für Privatkunden zu schreiben. „Außerdem helfen wir natürlich auch bei wissenschaftlichen Arbeiten im akademischen Bereich“, sagt K. Ein schlechtes Gewissen hat er nicht. Die Kunden würden immer darauf hingewiesen, dass die Arbeit der Ghostwriter nicht als eigene Prüfungsleistung ausgegeben werden dürfe, sagt K. Ob sich daran gehalten wird, das liegt seiner Ansicht nach „ganz klar“ in der Verantwortung seiner Kunden. „Wir können nicht mehr tun, als darauf hinzuweisen, dass es Konsequenzen haben kann, wenn man sich mit fremden Federn schmückt“, sagt K.

Darüber, ob solche Auftragsschreibarbeiten moralisch vertretbar sind, macht sich der Ghostwriter keine Gedanken. Letztlich sei das doch eine Sache von Nachfrage und Angebot. Er selbst sei zum Beispiel handwerklich unbegabt, also bestelle er einen Maler, wenn er die Wände gestrichen haben will. „Genauso gibt es Leute, die entweder keine Zeit haben zu schreiben oder eben nicht dazu in der Lage sind – weil sie zum Beispiel eine Schreibblockade haben oder einfach inhaltlich überfordert sind.“

Ungefähr die Hälfte seiner Kunden kommt mit privaten Aufträgen zu ihm. Im Jahr schreiben K. und seine Mitarbeiter nach eigenen Angaben um die 1000 wissenschaftliche Arbeiten. Circa ein Drittel davon sind „Vorlagen zu Promotionsarbeiten“, wie Mathias K. sie nennt. Die meisten Arbeiten seien im Bereich der Wirtschaftswissenschaften angesiedelt, viele Aufträge stammten außerdem von Jurastudenten. Über ein Kontaktformular auf der Homepage treten die Kunden in Kontakt mit der Berliner Ghostwriter-Agentur und schildern dort ihr Anliegen. K. prüft den Auftrag und erstellt dann einen Kostenvoranschlag. Wie viel muss man denn nun für so eine Abschlussarbeit hinlegen?

„Das kann man so pauschal nicht beantworten, auf jeden Fall zahlt man nicht pro Seite“, so K. Letztlich hänge das von drei Faktoren ab: Wie viel Zeit ist bis zur Deadline, welchen Umfang soll die Arbeit haben, und ist sie theoretisch oder empirisch ausgelegt? „Meldet sich zum Beispiel ein Jurastudent eine Woche vor Abgabe und will eine 20-seitige Arbeit haben, dann muss ich da zwei Leute dransetzen“, sagt K. Die Kosten dürften die monatliche BAföG-Zahlung empfindlich übersteigen: 1200 Euro verlangt seine Agentur für eine derartige Leistung. Einmal habe ihm ein Student gesagt, dass das keine Studentenpreise seien. „Ich habe ihm dann erklärt, dass es sich bei unserem Angebot auch um eine Luxusleistung handelt – wer kurz vor Ablauf der Abgabefrist kommt und es selbst nicht schafft, der muss eben in die Tasche greifen“, sagt K. Er sieht das pragmatisch.

Wie fühlt es sich eigentlich an, wenn man Werke verfasst, über denen später die Namen anderer stehen? „Klar ist das manchmal ein komisches Gefühl“, sagt der Berliner. Aber schließlich bekomme er dafür sein Geld, und er sage sich dann immer, dass es sich ja schließlich um eine Dienstleistung handele. Mögliche Wehmut über seine Arbeit im Hintergrund deutet er sogar um: „Wenn der Abschiedsschmerz besonders groß ist, dann weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe.“

K. mag seinen Job, über die Jahre sammle sich unglaubliches Wissen an. Der Umgang mit den Kunden sei fast immer problemlos. „Wenn man nichts mehr hört, heißt das, dass alles gut gelaufen und der Auftraggeber zufrieden ist.“

Zum aktuellen Fall, zur Causa Guttenberg, hat K. auch eine Meinung: Ihn wundere sehr, dass die Verfehlungen von Karl-Theodor zu Guttenberg in seiner Doktorarbeit von der Universität Bayreuth zunächst unbemerkt geblieben seien. Da der Plagiatsverdacht aber nun bestätigt sei, findet es K. „nur richtig“, dass Guttenberg seinen Doktortitel mittlerweile los ist. Seinen Job als Bundesverteidigungsminister müsse der Freiherr deshalb aber noch lange nicht aufgeben. Das eine habe doch mit dem anderen nichts zu tun, sagt der Ghostwriter. Guttenberg beteuert bis heute, seine Arbeit selbst geschrieben zu haben, gibt aber zu, gravierende Fehler gemacht zu haben.

K. ist sich jedenfalls sicher, dass sich Menschen, die unter Zeitdruck stehen und an einer Magisterarbeit oder einer Promotion arbeiten, eine Blamage ersparen, wenn sie gleich zu den Profis gehen. „Wir schreiben unsere Arbeiten selbst, als Extra-Service bieten wir sogar an, dass wir alle Originalquellen, auf die wir in den Fußnoten verweisen, kopieren“, sagt er. So entgehe man dem Vorwurf des Plagiats und könne die saubere wissenschaftliche Arbeit lückenlos dokumentieren. Über seine Texte lässt K. eine Plagiatssoftware laufen. Somit erspare man sich die Scherereien um die Wissenschaftlichkeit einer Arbeit. Und was kostet solch eine Doktorarbeit? 20000 bis 25000 Euro – so viel verlangt Mathias K. für „die Vorlage zu einer Promotionsarbeit“.