Auszeichnung

Berliner als "Gerechte unter den Völkern" geehrt

Israel hat seine höchste Auszeichnung für Nichtjuden im Museum "Blindenwerkstatt Otto Weidt" in Mitte überreicht. Die Ehre gebührt deutschen Mitbürgern, die während des NS-Regimes Juden gerettet hatten.

Foto: Glanze

Am Schluss geht der Dank von Fred Kranz „auch an Kallinchen“. In dem kleinen Dorf nahe Zossen und südlich von Berlin hat Fred Kranz – im Untergrund – überlebt. Kurt und Ella Neubauer hatten den damals Vierjährigen auf ihrem Hof versteckt. Auch Kranz' Mutter und sein Vater hatten dort 1943 Unterschlupf gefunden und dank der Neubauers und deren Bekannter, Anna Gutsmann, den Holocaust überlebt.

„Den Neubauers und Anna Gutsmann gehört meine tiefste Bewunderung“, sagte der mittlerweile 72-jährige Kranz am Dienstag. „Es waren einfache, aufrichtige und offenherzige Menschen. Durchschnittsbürger, die sich aber im Unterschied zu vielen anderen von ihrer moralischen Überzeugung nicht haben abbringen lassen. Und auch im Dorf Kallinchen hat man damals offenbar geschwiegen.“ Am Dienstag wurden die Neubauers und Anna Gutsmann sowie drei andere Retter von Juden mit der höchsten Auszeichnung des Staates Israel als „Gerechte unter den Völkern“ gewürdigt.

Der gebürtige Berliner Fred Kranz war extra aus den USA nach Berlin gekommen, um dabei sein zu können, als die Tochter der Neubauers und seine damalige Spielkameradin, Elfriede Neumann, die Auszeichnung am Dienstag entgegennahm. Posthum geehrt wurden auch Adolf und Frieda Bunke sowie der Berliner Erich Löbe. Die Bunkes hatten die damals fünfjährige Evy Goldstein und später auch deren Mutter Herta auf Gut Blöstau in Ostpreußen vor der Ermordung bewahrt. Für seine Eltern nahm Klaus Bunke (77) die Auszeichnung durch den Gesandten des Staates Israel, Emmanuel Nahshon, entgegen. Für Erich Löbe waren dessen Tochter Charlotte Schmolk (84) und der 24-jährige Urenkel Dennis Schmolk bei der Ehrung im Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt in Mitte zugegen. Löbe hatte in der Nazizeit gefälschte Papiere für seine jüdischen Freunde und Nachbarn angefertigt. 1942 wurde er von einer Nachbarin denunziert und zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Bis 1945 saß er in Haft. Erst 1955 wurde er auf eigenen Antrag hin rehabilitiert.

Mit dem Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ und einer Urkunde und Medaille der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem werden seit 1953 Nichtjuden in ganz Europa ausgezeichnet, die unter Gefährdung ihres eigenen Lebens versuchten, Juden zu retten. Es ist die höchste Auszeichnung, die der Staat Israel an Nichtjuden vergibt. Bis heute haben nahezu 23.000 Männer und Frauen diesen Titel erhalten. Unter den Geehrten sind an die 500 Deutsche.

Unterdessen hat der Förderkreis „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ unter dem Vorsitz der Publizistin Lea Rosh am Dienstag eine Ausstellung über im Nationalsozialismus verfolgte Komponisten eröffnet. Ort: Pavillon am Holocaust-Mahnmal in Mitte. Porträtiert werden 20 Komponisten, die aus rassischen, ästhetischen oder politischen Gründen im NS-Staat verfolgt wurden. Die 1923 in Berlin geborene Komponistin und Jüdin Ursula Mamlok ist einer von drei noch lebenden Zeitzeugen. 1939 war sie mit ihren Eltern emigriert. 2006 – nach 65 Jahren im Exil – kehrte sie aus den USA nach Berlin zurück. „Ich habe keine Heimat. Aus Deutschland hat man mich rausgeworfen, in Amerika war ich nicht zu Hause“, sagte Mamlok am Dienstag. „Meine Heimat ist die Musik.“ Ursula Mamlok wird im Rahmen der Ausstellung am 3. April um 19 Uhr ein „Gesprächskonzert“ geben.

Die Ausstellung „Von den Nazis verfemte Komponisten – verdrängt, vertrieben, ermordet“ im Ausstellungspavillon an der Cora-Berliner-Straße 2 in Mitte ist täglich von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Im Rahmen der Ausstellung findet eine Konzertreihe statt, die am 14. Februar um 19 Uhr mit einem Sonderkonzert zum 50. Todestag des Filmkomponisten und Juden Werner Richard Heymann („Das gibt's nur einmal, das kommt nicht wieder“) startet.