Auftritt in Berlin

Was der türkische Botschafter über Sarrazin denkt

Der türkische Botschafter in Berlin, Ahmet Acet, kam zuletzt nicht umhin, sich mit dem Skandalinterview des Ex-Finanzsenators Thilo Sarrazin zu beschäftigen. In seiner Heimat wollte man wissen, was in Deutschland los ist. Acet sagte Morgenpost Online, was er über Integration, Türken in Berlin und Sarrazins Äußerungen denkt.

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Ahmet Acet, seit etwas mehr als einem Jahr türkischer Botschafter in Berlin, hat eine besondere Stellung in Deutschland. Nicht nur muss er türkische Interessen, wie den EU-Beitritt und die fortschreitende Demokratisierung seines Landes, in Deutschland vertreten – sondern er muss auch immer wieder für die rund zwei Millionen in Deutschland lebenden Türken sprechen. Oder er muss seiner Heimat erklären, wie Berlins ehemaliger Finanzsenator Thilo Sarrazin in einem Interview Angst vor Türken schürt, die „ständig neue kleine Kopftuchmädchen produzieren“.

Ahmet Acet musste deshalb in den vergangenen Tagen viele Fragen seiner Landsleute zur Stimmung in der Stadt beantworten. „Ich konnte aber der türkischen Presse berichten“, sagt er Morgenpost Online, „dass die Öffentlichkeit hier im Land ebenfalls sehr entrüstet reagiert hat.“ Und trotzdem: Sarrazins Äußerungen zeigten auch, dass es für radikale Meinungen wie seine in Deutschland offenbar eine Basis gibt. Er habe das Interview autorisieren können und keinen seiner Sätze verändert, das zeigt wie sicher er sich gewesen sein muss. Acet aber ist überzeugt, dass er aber mit falschen Fakten arbeite. „Er hat schlicht nicht die Wahrheit gesagt – und um die Wahrheit sollte es doch gehen.“

Der Diplomat Ahmet Acet kennt Deutschland gut, hat schon vor dem Mauerfall beide Seiten Berlins besucht. Zwischendurch hat er unter anderem länger in Belgrad und New York gelebt. Vor allem von dort brachte er auch Erfahrungen über gelebte Demokratie mit. Die Veränderungen in der Migrantenpolitik Berlins der vergangenen Jahre hat er registriert, sieht aber im Gegensatz zu Sarrazin nicht nur negative Entwicklungen, sondern auch viele positive. Er erzählt von jungen türkischen Unternehmern, die ihn besuchen. Außerdem bringe es niemandem etwas, den Menschen hier vorzuwerfen, dass sie kein Deutsch können. „Man sollte eher darüber sprechen“, sagt Ahmet Acet, „was getan werden kann, um ihnen zu helfen, damit sie in diesem Land wirklich ankommen können.“ Er als Botschafter sage seinen Landsleuten oft: Wer in diesem Land Erfolg haben will, muss Deutsch lernen.

Letztlich sieht Acet den Handlungsbedarf aber vor allem bei der deutschen Politik. „Integration ist ein deutsches Problem“, sagt er, „aber wir als Türkei leisten viel Unterstützung damit diese ein Erfolg wird.“ Nicht umsonst habe sei das deutsch-türkische Verhältnis ein derart gutes.