Einschulungstests

Jedes vierte Vorschulkind spricht schlecht

Die Einschulungsuntersuchungen haben in Berlin überraschende Details über die Entwicklung der Vorschulkinder hervorgebracht: So ist ihr Gesundheitszustand besser, je länger die Kinder eine Kita besucht haben. Gleichzeitig aber sprechen 25 Prozent der deutschsprachigen Vorschüler schlecht.

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Die Einschulungsuntersuchungen haben in Berlin überraschende Details über die Entwicklung der Vorschulkinder hervorgebracht: So ist ihr Gesundheitszustand besser, je länger die Kinder eine Kita besucht haben. Gleichzeitig aber sprechen 25 Prozent der deutschsprachigen Vorschüler schlecht.

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Die Ergebnisse der Einschulungsuntersuchungen in Berlin zeigen einen besorgniserregenden Trend bei der Sprachentwicklung von deutschsprachigen Kindern. Der Anteil der Kinder, deren Sprache nicht altersgerecht entwickelt ist, liegt bei 25 Prozent. Bei den jährlich durchgeführten Tests prüfen Amtsärzte das Nachsprechen von Fantasiewörtern, von Sätzen und die Artikulation.

Die Kinder werden ein halbes Jahr vor der Schule von den Amtsärzten der Bezirke eingehend untersucht. Seit 2005 sind die Tests so standardisiert, dass die Ergebnisse vergleichbar sind. Die Gesundheitsdienste der Bezirke haben 2008 mehr als 26.000 Kinder im Alter von fünf bis sechs Jahren getestet.

Seit vier Jahren beobachten die Mediziner einen Negativtrend, so auch bei den Untersuchungen 2008, deren Ergebnisse nun vorliegen. Einen großen Entwicklungssprung nach vorn machten dagegen die Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache. 69 Prozent der Kinder aus Migranten-Familien zeigten in den Einschulungsuntersuchungen gute bis sehr gute Deutschkenntnisse. Vor vier Jahren erreichten nur 55 Prozent ein gutes Ergebnis. Der Anteil der Migrantenkinder, die nicht oder kaum Deutsch sprechen, lag 2008 bei neun Prozent, 2005 erreichte die Quote noch 16 Prozent.

Kinder können sich besser bewegen

Auch insgesamt zeigten die Untersuchungen viele positive Entwicklungen: Verbessert hat sich das Ergebnis bei der Körperkoordination. 25 Prozent der Kinder haben damit Probleme, sind auffällig beziehungsweise grenzwertig. Im Vorjahr waren es noch 27 Prozent. Eine geringfügige Verbesserung zeigt die Statistik auch beim Körpergewicht. Elf Prozent der Fünf- bis Sechsjährigen sind übergewichtig oder sogar adipös. Der Anteil der Kinder mit Normalgewicht beträgt 81,7 Prozent. Im Vorjahr waren es 81 Prozent. Ob die Verbesserung tatsächlich schon ein positiver Trend ist, muss sich in den Folgejahren zeigen.

Gesundheitlich zahlt sich ein langjähriger Kitabesuch offenbar aus. Seit Beginn der standardisierten Untersuchung hat der Anteil der Kinder, die zum Zeitpunkt der Untersuchung bereits länger als zwei Jahre eine Kita besuchen, zugenommen. Die Quote lag 2008 bei 87 Prozent, 2005 waren es 81 Prozent.

Ein längerer Kitabesuch ist häufig mit einem besseren Gesundheitszustand verbunden. So hatten 87 Prozent der langjährigen Kitakinder gesunde Zähne. Bei den Kindern, die nicht in eine Kita gingen, waren es nur 60,8 Prozent. In den Kindertagesstätten werden nicht nur täglich die Zähne geputzt. Regelmäßige Reihenuntersuchungen in den Einrichtungen machen die Eltern auch rechtzeitig auf Zahnprobleme ihrer Sprösslinge aufmerksam.

Besonders positiv wirkt sich der Kitabesuch auf die Sprachkenntnisse von Kindern aus, die nicht Deutsch als Muttersprache haben. 75 Prozent dieser Kinder, die länger als zwei Jahre in die Kita gingen, haben gute Deutschkenntnisse. Bei den Kindern ohne Kitabesuch sind es dagegen nur 46 Prozent. Auch Artikulationsstörungen bei deutsch sprechenden Kindern sind nach einem langjährigen Kitabesuch seltener.

"Der Kitabesuch spielt eine entscheidende Rolle“, sagt Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke). Die Einrichtung sei natürlich kein Wert an sich, sondern müsse eine gewisse Qualität haben. „Die Ergebnisse beweisen einmal mehr, dass richtige Förderung von Anfang an einen hohen volkswirtschaftlichen Nutzen bringen“, sagt Burkhard Entrup vom Landeselternausschuss Kita. Der Ausschuss kämpft derzeit vor dem Landesverfassungsgericht um die Zulassung des Volksbegehrens zur Verbesserung der Betreuungsqualität in den Kindertagesstätten. Allerdings muss bei der Auswertung auch beachtet werden, dass Kinder aus höheren sozialen Schichten in der Regel länger die Kita besuchen als Kinder aus unteren sozialen Schichten. Die positiven Effekte sind also nicht nur der Kita zuzuschreiben, sondern auch der sozialen Herkunft.

Die meisten Kinder mit Gesundheitsproblemen leben in den Bezirken Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln. Die Statistik erlaubt einen Vergleich der Stadtteile. So gibt es beispielsweise in Gropiusstadt mit 23,5 Prozent die meisten übergewichtigen Kinder. Ebenfalls in Gropiusstadt haben mit 34 Prozent die meisten Kinder, die deutsch sprechen, Defizite bei der Sprachentwicklung.

Jeder Sechste hat einen Fernseher

Abgefragt wurde bei den Einschulungsuntersuchungen auch der Fernsehkonsum. Ein direkter Zusammenhang zwischen Gesundheitsproblemen und häufigem Fernsehkonsum lässt sich zwar nicht nachweisen. Auffällig ist allerdings, dass gerade in den Stadtteilen mit vielen sozialen Problemen besonders viele Kinder einen eigenen Fernseher haben. Im Stadtteil Gesundbrunnen haben 34,5 Prozent der Kinder zwischen fünf und sieben Jahren schon vor der Schule einen eigenen Fernseher, in Westend sind es nur 3,5 Prozent.

Problematisch sei nicht das Fernsehen an sich, sondern der unkontrollierte Zugang im eigenen Zimmer, sagte Lompscher. Weder Inhalte noch Zeiten könnten von den Eltern hier beeinflusst werden. Insgesamt haben in Berlin 15 Prozent der Vorschulkinder einen eigenen Fernseher. Sechs von zehn Kindern sehen weniger als eine Stunde am Tag fern, jedes zehnte Kind sitzt mehr als zwei Stunden täglich vor dem Fernseher.

Aus der Statistik lassen sich für die einzelnen Stadtteile gezielte Präventionsprojekte ableiten. So hat Marzahn-Hellersdorf das Projekt „Bewegtes Leben im Quartier“ für Kinder bis sechs Jahren initiiert. Auch Friedrichshain-Kreuzberg will mehr Bewegungsräume für kleine Kinder schaffen. In sozial gehobenen Stadtteilen ist die Impfskepsis der Eltern ein Problem, während der Impfstatus der Kinder aus Migrantenfamilien vorbildlich ist, so Lompscher.