Berliner Studie

Eltern sind schuld am Alkoholkonsum der Kinder

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Birgit Haas
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Vollrausch mit 14 ist in Berlin normal

Die meisten der 14-Jährigen in Berlin haben bereits einschlägige Erfahrungen mit Alkohol - Mädchen und Jungen. Dabei finden die Jugendlichen es eigentlich gut, dass alkoholische Getränke für sie verboten sind. Oft bekommen sie die Flaschen von ihren Eltern.

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Eine neue Studie hat jetzt neue Ergebnisse zum Alkoholmissbrauch unter Berlins Kindern und Jugendlichen gebracht: 82 Prozent haben ihren ersten Alkohol mit etwa 13 Jahren getrunken. Schuld am starken Alkoholkonsum ihrer Kinder, so die Studie, sind vor allem die Eltern.

Fitim Q. (vollständiger Name ist der Redaktion bekannt) hat sein erstes Bier an seinem zwölften Geburtstag getrunken. „Ich wollte feiern wie ein Großer“, sagt der heute 18-Jährige aus Hohenschönhausen. Wie seine Freunde, die wesentlich älter waren als er. Nicht, dass ihm das Bier geschmeckt hätte, aber er wollte eben dazugehören. „Ich habe gesehen, dass meine Freunde lustiger wurden, wenn sie getrunken hatten“, erzählt Fitim. Den Spaß wollte er sich nicht entgehen lassen. Und es blieb nicht bei einem Bier. In den kommenden Jahren trank Fitim regelmäßig an den Wochenenden zu viel.

Damit ist er in Berlin keine Ausnahme. Wie eine jetzt veröffentlichte Studie der Fachstelle für Suchtprävention und der Gesundheitsverwaltung zeigt, trinken 82 Prozent der Jugendlichen ihren ersten Alkohol zwischen 12 und 15 Jahren, durchschnittlich bereits mit 13 Jahren. Die Mehrheit der befragten 14-Jährigen hatte schon einen Vollrausch. 36,5 Prozent der 178 Befragten aus ganz Berlin gaben an, mehrmals im Monat zu trinken.

Jugendliche trinken allerdings nicht, weil sie Bier, Wein und Schnaps mögen oder weil sie das Gefühl des Rausches mögen. Kontrollverlust und Übelkeit empfinden die meisten laut der Studie als negativ. „Die meisten Jugendlichen betrinken sich, ohne einen konkreten Grund nennen zu können. 40 Prozent gaben an, dass ein Glas das nächste ergeben habe“, sagt Anke Schmidt, Mitautorin der Studie. 15 Prozent trinken aus Trauer, Ärger und Frust.

So auch Fitim. „Je mehr Ärger meine Eltern gemacht haben, je häufiger wir gestritten haben, desto öfter habe ich zum Alkohol gegriffen.“ Mit 13 Jahren hatte Fitim den ersten schlimmen Kater. Er habe jedes Wochenende gesoffen, auch Hochprozentiges wie Wodka oder Whisky – bis zum Filmriss. „Oft wusste ich nicht mehr, wo ich bin“, sagt er. Einmal habe ihn ein Krankenwagen nach Hause gebracht, weil er auf der Straße ziellos umhergewankt sei.

Eltern behandeln Kinder wie Freunde


Man könne nicht die Jugendlichen allein für ihren hohen Alkoholkonsum verantwortlich machen, sagte Kerstin Jüngling, Leiterin der Fachstelle für Suchtprävention. „Eltern vergessen, dass sie ihren Kindern Grenzen setzen müssen.“ Sie stünden ihren betrunkenen Kindern oft hilflos gegenüber, wüssten nicht, was sie tun sollen.

Wie die Studie zeige, fänden Gespräche über Alkohol selten statt. „Falsch ist, wenn Eltern Teenager wie Freunde behandeln und das Trinken tolerieren“, sagt sie. Die Kinder müssten bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeit und Interessen unterstützt werden und frühzeitig über Alkohol aufgeklärt werden.

Doch Fitim meint, dass jeder Jugendliche seine Erfahrungen selbst machen müsse. Wichtig sei, dass die Erwachsenen ihr eigenes Konsumverhalten im Griff hätten. „Wer jeden Abend Bier oder Wein auf dem Tisch stehen hat, kann kein gutes Vorbild sein.“ Häufig bekommen die Jugendlichen ihren ersten Alkohol jedoch von der Familie selbst eingeschenkt, etwa bei der Konfirmation oder Silvesterfeiern.

Wie die Befragung der Jugendlichen und jungen Leute zwischen elf und 27 Jahren belegt, sind private und öffentliche Partys sowie Konzerte für jeden achten Teenager Anlass, um zu trinken. Nicht nur am Tresen scheint unter 18-Jährigen Alkohol ohne Ausweiskontrolle ausgeschenkt zu werden. Mehr als die Hälfte der Minderjährigen kauft die Flaschen im Supermarkt. „Jugendliche kommen immer noch viel zu einfach an Alkohol heran“, sagt auch Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke). Fitim war früher jedes Wochenende auf Partys. Aber irgendwann sagten ihm seine Freunde, dass er immer rede wie ein Wasserfall, wenn er betrunken sei. Das habe sie genervt. „Weil ich sie nicht verlieren wollte, habe ich es gelassen“, sagt er.

Übrigens: In der Nacht zu Montag hat die Polizei zwei betrunkene Jugendliche (16 und 17) in Schöneberg und Lichterfelde aufgegriffen. Beide mussten ins Krankenhaus gebracht werden.