Rauschgifthandel

Wie die Drogenmafia Kinder missbraucht

Berlins Drogen-Kids sind elf, zwölf Jahre alt. Statt zu spielen, dealen sie. Ihre Vorbilder sind hochkriminell. Und die Rekrutierung dieses Nachwuchses stellt für die Rauschgiftbanden kein Problem dar.

Foto: Steffen Pletl

Sie gehen in den seltensten Fällen zur Schule, ihre Freizeit verbringen sie nicht auf dem Fußballplatz, im Freibad oder in Jugendclubs. Auch sonst haben sie kaum eine Chance, das zu tun, was Kinder ihres Alters gewöhnlich tun, denn dazu fehlt ihnen die Zeit. Ihre Tage und oft auch ihre Nächte verbringen sie als kleine, aber wichtige Rädchen im großen Getriebe der organisierten Drogenkriminalität in Berlin, skrupellos missbraucht und instrumentalisiert von den Drahtziehern des schmutzigen Geschäftes.

Sie heißen Arub, Hussein oder Ibrahim und sind elf oder zwölf Jahre alt. Sie wurden von kriminellen Banden aus palästinensischen Flüchtlingslagern nach Deutschland eingeschleust oder sind einfach von klein auf in die kriminellen Strukturen einer Großfamilie hineingewachsen.

Die Aufgaben der Kinder im Drogenhandel sind präzise festgelegt. Die Erwachsenen wickeln die eigentlichen Geschäfte mit ihren Kunden ab. Ist man sich handelseinig, wird per Handy ein in der Nähe wartender Minderjähriger informiert, der die Drogen bringt und sofort wieder verschwindet. Ein anderes Kind ist zeitgleich zur Stelle und übernimmt das Geld, das der Drogenkäufer bezahlt hat. Wird der erwachsene Dealer gefasst, läuft eine Durchsuchung ins Leere: Ihm ist kaum etwas nachzuweisen. Und den Kindern kann nichts passieren. Geringe Mengen Rauschgift und ein paar Hundert oder auch Tausend Euro Handelserlös werden zwar beschlagnahmt, aber das können die Banden verschmerzen.

Die Rekrutierung dieses Nachwuchses stellt für die Drogendealer-Banden kein Problem dar. Ein 100-Euro-Schein, schicke Markenkleidung und die bei Teenagern beliebte Unterhaltungselektronik verfehlen ihre Wirkung nicht. Das gilt nicht nur für eingeschleuste Flüchtlingskinder aus dem nahen Osten. Bei der Suche nach minderjährigen Helfern sind die Drahtzieher des organisierten Drogenhandels nicht wählerisch. „Wir wissen von Eltern, dass es Versuche gab, Kinder vor Schulen oder in Parks anzuwerben“, sagt Monika Herrmann (Grüne), Jugendstadträtin in Kreuzberg.

Etliche im Drogengeschäft aktive Großfamilien rekrutieren auch ihren eigenen Nachwuchs. „Für die Kinder, die in kriminellen Strukturen aufgewachsen sind, ist das etwas völlig normales. Die sind sogar begierig, ihren älteren Brüdern und Cousins, in denen sie Vorbilder sehen, nachzueifern“, berichtet ein Zivilfahnder des Berliner Landeskriminalamtes (LKA). Die Hoffnung mancher Politiker und Kriminalisten, man könne über die Kinder an die erwachsenen Dealer und Hintermänner gelangen, hält der Beamte für naiv. „Die Kinder lernen als erstes, dass deutsche Gesetze und die Polizei in diesen Kreisen keinerlei Bedeutung haben. Mit denen redet man nicht, man verachtet sie. Alles andere wäre Verrat, das schwerste Vergehen innerhalb der nach Mafiastrukturen aufgebauten Familien und Organisationen“, erklärt der LKA-Fahnder.

Der frühe Einstieg der Kinder in die Kriminalität legt bereits ihren weiteren Lebensweg fest, sagt der Kriminologe Günter Wiens. „Die werden, auch wenn sie 14 und strafmündig sind, das einzige machen, was sie gelernt haben“, so der Wissenschaftler. Die Erfahrungen der Berliner Justiz geben ihm recht. „Ich habe gerade im Bereich der Drogenkriminalität einige Stammkunden zwischen 30 und 40, mit denen ich vor 20 Jahren schon als Jugendrichter zu tun hatte. Und damals waren das auch schon Profis“, erklärt ein erfahrener Richter am Landgericht Moabit.

Intensivtäter im Kindesalter

Die Polizei führt in Berlin zurzeit sechs Kinder als sogenannte Intensivtäter. Fünf der Kinder sind den Ermittlern auch als Drogenhändler bekannt. Das Strafregister der Kinder reicht von Beleidigung über Ladendiebstahl, Straßenraub, Drogenhandel bis hin zu gefährlicher Körperverletzung. Die Polizei erfasste 2008 nach eigenen Angaben drei kindliche Intensivtäter. Im vergangenen Jahr waren es bereits fünf. Als Intensivtäter gilt, wer mit mindestens zehn Straftaten innerhalb eines Jahres registriert wird. Begehen Kinder Straftaten, können sie für ihr Handeln nicht bestraft werden. Im Sinne des Gesetzes sind sie erst mit der Vollendung des 14. Lebensjahres strafmündig. Sind sie jünger, werden sie den Erziehungsberechtigten oder Betreuern übergeben.