Museumsinselfestival

Mitten in Berlin kann man Hula lernen

In Berlin ist vieles möglich. Zum Beispiel spirituelle Tänze aus Hawaii lernen. Aber nicht in der Tanzschule, das wäre zu einfach. Geübt wird vor aller Augen, auf der Grünfläche des Lustgartens. Dafür muss man schon etwas Mut mitbringen. Doch die Blicke der Passanten sind Teil des Hula-Kurses des Museumsinselfestivals.

Britta aus Charlottenburg muss an diesem Abend ganz schön mutig sein. Einen leuchtend gelben Wickelrock um die Hüften steht sie mitten im Lustgarten auf einer Rasenfläche. Und als die Frau, die vor ihr auf dem Grün sitzt, auch noch anfängt, rhythmisch zu trommeln und dazu mit kehliger Stimme Worte mit wahnsinnig vielen Vokalen zu singen, zieht sie endgültig die Aufmerksamkeit der Touristen auf sich, die bei strahlendem Sonnenschein vor dem Alten Museum herumsitzen und -liegen. Ein wenig erleichtert wirkt sie deshalb schon, als sich zögerlich drei weitere Damen nähern. Es ist der erste Tag des offenen Hula-Workshops, der im Rahmen des diesjährigen Museumsinselfestivals stattfindet.

Über den Gruppenzuwachs freut sich vor allem Monika Lilleike, Leiterin der Hula-Schule „Hula ma Kahikini“, was so viel bedeutet wie Hula-Schule des Ostens oder der aufgehenden Sonne. Daran angelehnt ist auch die auffällige Farbe des „Pàu“, wie der Wickelrock heißt. Den vier Meter langen, doppelt gelegten und gerafften Stoff binden sich kichernd nun auch Ivica, Annegret und Karola um, die erste Lektion gewissermaßen.

Lockere Kleidung ist hilfreich

Und schon stehen alle vier Schülerinnen barfuß vor Monika Lilleike – und vor gefühlten 100 neugierigen Augenpaaren. Ivica, die via Internet von dem Kurs erfahren hat und sich später noch ärgern wird, trotz des Rates „lockere und bequeme Kleidung“ mitzubringen, eine Jeans angezogen zu haben. Annegret aus Charlottenburg, die im vergangenen Jahr auf Hawaii Lust auf diesen „erdbetonten Tanz“ bekommen hat. Freundin Karola, deren exotischste Hobby-Erfahrung bis dato Flamenco ist. Und eben Britta, deren Hawaii-Trip schon fünf Jahre zurückliegt und die Hula bereits an einer anderen Berliner Schule ausprobiert hat.

„Hula ist nicht nur ein Tanz, sondern ein Lebensgefühl“ sagt sie. „Er verbindet einen mit der Erde, man spürt eine Urkraft.“ Nicht alle Freunde und Bekannten der Charlottenburgerin konnten ihre Begeisterung für diesen etwas besonderen Zeitvertreib gleich nachvollziehen. „Hula? Das mit dem Reifen?“ ist eine häufige Reaktion. „Mitkommen und es ausprobieren wollte niemand“, erzählt sie, aber ihre Auftritte habe man sich gern angeschaut. Auch wenn man Britta ihre Erfahrung ansieht, wie sie so mit gebeugten Knien auf der Wiese steht, ganz vorn, diesmal ist auch sie Anfängerin, denn es gibt ganz verschiedene Hula-Richtungen.

„Hula Olapa“ steht auf dem Progamm und diese Schule hat weniger von lieblichem Aloha-Spirit inklusive Blumenketten, sondern etwas sehr Kraftvolles, man fühlt sich an Haka, den rituellen Tanz der Maori auf Neuseeland erinnert. Tatsächlich hat sich Hula von der Grundstruktur auch aus der hawaiianischen Kampfkunst „Lua“ entwickelt.

Bewegungen auf Kommando

Die Berlinerinnen werden an diesem Tag erst einmal mit den Grundschritten „Kaholo“ und „Hela“ vertraut gemacht, setzen einen Fuß nach dem anderen nach links, dann nach rechts, auf Kommando auch diagonal nach vorn und bewegen die Arme dazu. Ein Asiate nähert sich, macht ein Foto. Drei junge Mädchen stehen am Rand und überlegen, ob sie nicht mitmachen sollen, wollen dann aber doch keine fünf Euro bezahlen. „Stolz! Elegant!“, feuert Monika Lilleike ihre Schülerinnen an. „Sie trauen sich hier was, was sonst niemand macht.“

Die Frau mit dem streng zurückgebundenen, hüftlangen Haar und der warmen, freundlichen Stimme ist natürlich die eigentliche Exotin. Lilleike darf sich auch „Kumu Hula“, Hula-Meisterin, nennen, was für eine Weiße sehr ungewöhnlich ist. An der Freien Universität von Berlin hat sie in den 90er-Jahren Theaterwissenschaften und Ethnologie studiert und damals angefangen, sich für experimentelles Theater zu interessieren. „Ich habe zunächst überlegt, nach Afrika zu gehen und dann sehr lange nach einem Ort gesucht, an dem ich außereuropäisches, praktisch orientiertes Theater studieren kann“, erzählt sie.

Durch einen „Riesenzufall“ sei sie schließlich auf die „Asian Pacific Performance Studies“ der „University of Hawaii at Manoa“ gestoßen und habe sich 1997 dorthin aufgemacht. „Am 8. Januar kam ich auf Honolulu an, in Deutschland minus, dort bestimmt plus 20 Grad.“ Mit Auslands-Bafög und Rücklagen finanzierte sie sich erst einmal ein Jahr Studium. Das, was heute ihr Beruf ist, lernte sie allerdings nicht an der Uni, sondern in einem Hotel in Waikiki kennen. „Was ich sah, war natürlich moderner und vor allem eher touristischer Hula, aber trotzdem war mir sofort bewusst: Das sind Künstler.“

Sprachunterricht auf Hawai

Deren Kunst wollte sie kennenlernen und in den fünf aufeinanderfolgenenden Jahren plus noch einmal sieben Monate, die es dann doch auf der Insel wurden, lernte sie noch viel mehr. „Dass die Hawaiianer in ihrer Heimat Bürger dritter Klasse sind und ihre Kultur nicht geschätzt wird zum Beispiel.“ Lilleike erzählt, wie Hula bereits im 19. Jahrhundert in den Untergrund ging und nur heimlich, verborgen vor den Augen der amerikanischen Missionare, in den Familien gelehrt wurde. Und dass es seit den 60er-Jahren die auch politisch motivierte „Hawaiian Renaissance“ gibt, bei der es auch um die Neubewertung der eigenen Kultur geht.

Ein Vertreter dieser Bewegung ist auch ihr eigener Lehrer John Keola Lake gewesen, der im vergangenen Jahr starb. In der von Lake geleiteten traditionellen Hula Schule, Hâlau Hula genannt, lernte die Wahl-Berlinerin das „Tanz-Schauspiel“, zu dem nicht nur die Bewegung und die alten Gesänge gehören, sondern auch Kostümierung, Geschichte, Bau der Instrumente, Sammeln der pflanzlichen Materialien, mit denen die Röcke gefärbt werden und vieles mehr.

Um ihn so gut wie möglich verstehen zu können, nahm Lilleike auf Hawaii auch anderthalb Jahre Sprachunterricht. Ein Jahr lang musste sie sich allein auf ihre Prüfung vorbereiten, die sie als Teil einer Gruppe absolvierte. Dazu gehörte es auch, dem Meister zu dienen. „Das Training ist an sich eher streng und nicht so paradiesisch, wie man es sich vorstellen mag“, sagt Lilleike. Respekt- und Ehrerweisung sei die Grundlage für das Lehrer-Schüler-Verhältnis. „Kumu heißt übersetzt Meister oder Quelle und ist vom Ursprung her verwandt mit dem Wort Guru.“ Ihr Meister trug ihr auf, als Botschafterin nach Deutschland zurückzugehen und als er sah, dass ihr Bemühen ernsthaft war, verlieh er ihr den Titel „Kumu“.

Sieht einfach aus, erfordert aber Kondition

Anderthalb Jahre ist die Gründung ihrer eigene Schule nun her, und ein Teil der Schüler, mit denen sie angefangen hat, ist an diesem Abend im Lustgarten ebenfalls anwesend. Die „Fortgeschrittenen“ sitzen ein paar Meter weiter und flechten aus Farnkraut Kränze für ihren Auftritt am Sonnabend beim „Polynesischen Picknick im Tiergarten“. Alfons ist der einzige Mann, der heute dabei ist. Er ist mit seiner Ehefrau Dagmar zum Hula gekommen. „Wir haben früher auch schon Tanzkurse gemacht“, erzählt er, so als sei Hula nicht minder ungewöhnlich als Foxtrott oder Tango.

„Gewöhnungsbedürftig“ sei es trotzdem anfangs gewesen, gibt er immerhin zu. Beim ersten öffentlichen Auftritt im Rahmen der ITB vor Besuchern aus Polynesien sei man auch ziemlich aufgeregt gewesen. „Das mag einfach aussehen, erfordert aber sehr viel Kondition“, erzählt Ocean-Christina, die selbst die alte hawaiianische Heilungsarbeit lehrt und deshalb ebenfalls eine Zeit lang dort gelebt hat. „Tiefe Zustände“ erlebe sie manchmal dank des Tanzens. „Die Bewegungen haben eine Bedeutung, diese steht zum Beispiel für Ruhe“, sagt sie, wiegt sich in den Hüften und macht in derselben Höhe fließende Bewegungen mit den Händen.

„Spüren Sie den Wind, den Himmel über sich, die Erde unter ihren Füßen“, lässt sich Monika Lilleike derweil vernehmen und schlägt weiter auf ihre Trommel „Ipu Heke“, die aus zwei Kürbissen besteht, welche ineinander gesteckt und verklebt wurden. Am Ende gibt es für die Anfängerinnen Dehnübungen und eine kleine Feedback-Runde. Den Schülerinnen hat es gefallen, vielleicht werden sie ja sogar mal einen der regulären Kurse von Monika Lilleike besuchen. Deren größter Traum wäre es, eines Tages Tochter und Adoptivsohn ihres „Kumu“ einladen zu können. Damit sie sehen können, was sie als Botschafterin der hawaiianischen Kultur im fernen, kalten Deutschland auf die Beine gestellt hat.

Hula-Kurs

Der Workshop „Hula Olapa“ findet immer dienstags, 18–19 Uhr, im Lustgarten statt. Anfänger 21.7.–1.9. (6 Mal), Fortgeschrittene, 11.8.+8.9. (2 Mal). 5 Euro pro Stunde. Bequeme Kleidung erforderlich. Treffpunkt: Granitschüssel vor dem Alten Museum.

Hula-Schule

„Hula ma Kahikina“ heißt die Schule von Monika Lilleike. Kurse finden etwa im Bewegungsstudio „LaMove“ in Kreuzberg statt.

www.hula-makahikina.de

Anmeldung: Tel. 76 68 63 43 „Polynesisches Sommerpicknick“ mit Workshops und Aufführung, 25.7., 11–19 Uhr, Tiergarten

Museumsinselfestival:

Das Programm reicht von Bollywood-Dance und Hatha-Yoga bis hin zu Kalligrafie, Tai-Chi und Tango Argentino. Kosten: ab 5 Euro/Stunde.

www.museumsinselfestival.info/

Telefonische Informationen unter: 266 42 42 42.

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