Wie es war

Vor 25 Jahren erschoss Boxer Bubi Scholz seine Frau

Er war ein Idol. Bubi Scholz hatte sich aus dem Nichts zum Superstar hochgeboxt und führte ein glänzendes Promileben in Westend. Doch nach dem Ruhm kam der Abstieg. Nach einem Gelage in seiner Villa erschoss der Boxer seine Frau durch die Toilettentür. Damit endete vor 25 Jahren eine Berliner Aufstiegsgeschichte.

Er gehört zu meiner Kindheit wie die verwilderten Villengrundstücke, in deren Ruinen wir spielten. Bubi Scholz wohnte am Rupenhorn, einer stillen Straße in Neu-Westend oberhalb der Havel mit alten Kastanienbäumen, fernab vom Großstadt-Trubel, direkt am Rand des Grunewaldes.

Für uns Kinder eine Märchenwelt, in der das Box-Idol Bubi Scholz eine geheimnisvolle Rolle spielte. Er beeindruckte uns mit seinem weißen Porsche-Cabrio, vor dem wir uns mit unseren Rollschuhen kichernd auf den Bürgersteig retteten, wenn er mal wieder - das Radio voll aufgedreht - viel zu schnell an uns vorüberbrauste.

Manchmal machten wir "Räuberleiter", versuchten, über die Mauer seines Grundstücks zu lugen. Vergeblich - bis auf Schäferhund Arco, der uns in seinem Zwinger verbellte, war nie jemand zu sehen. Nur den Big-Band-Sound von Ray Conniff hörte man oft stundenlang über mehrere Grundstücke hinweg, erinnert sich die Nachbarin Gabriele von Rex.

Nachts knallten die Champagner-Korken

Was wir nicht wussten: Hier ging das Leben erst nachts richtig los. Zu rauschenden Festen im holzgetäfelten Partykeller erschien die geballte (West-)Berliner Prominenz: Hans Rosenthal, Hardy Krüger, Romy Schneider, ihr Mann Harry Meyen, Bully Buhlan, Harald Juhnke und viele andere, die in jenen Jahren die Klatschspalten der Berliner Tageszeitungen füllten. Zwischen Sauna und eigenem Kinosaal knallten die Champagner-Korken.

Wie ein Magnet wirkte der Sohn eines Schmieds aus Prenzlauer Berg auf Schauspieler genauso wie auf Sportler und Unternehmer. Dass sein sportlicher Ruhm schon Jahre zurück lag, war nicht wichtig. Gustav "Bubi" Scholz war eine Ikone, ein Berliner Markenzeichen wie Hildegard Knef. Er hatte Charme und die Aura des Unbesiegbaren: Zwischen 1946 und 1964 stand er 96-mal im Ring, gewann 88-mal, davon allein 46-mal durch k.o. Er war Deutscher Meister, Europameister, beinahe sogar Weltmeister.

Und wir Kinder dichteten: "Bubi Scholz schießt Kabolz, übers Holz, übers Bett, ins Klosett." Unser Abzählreim. Anderthalb Jahrzehnte später schoss Bubi Scholz tatsächlich - durch die geschlossene Tür der Gäste-Toilette. Er traf seine Frau Helga direkt in den Kopf. Hier, in der weißen Villa am Ende der Sackgasse, fand die Tragödie seines Lebens ihren dramatischen Höhepunkt.

"Willi, ick hab' Zoff mit meiner Frau"

In einer Sackgasse der Depressionen, der Angst und der Alkohol-Exzesse hatte er da schon lange gesteckt. Davon wussten Freunde genauso wie sein Gärtner Willi Weber, der am Sonntag, den 22. Juli 1984, gegen 15 Uhr in den Garten kam, um Wasser in den Swimming-Pool zu lassen. Etwa acht Stunden vor der Tat fand er "Bubi", wie Willi Weber ihn nennen durfte, auf dem Boden des Schwimmbeckens sitzend. Ein volles Glas Wein in der Hand, bekleidet mit seinem berühmten weißen Frotteebademantel - in den glorreichen Zeiten sein Markenzeichen. "Willi, ick hab' Zoff mit meiner Frau!"

Die 49jährige hatte den Gärtner zuvor ebenfalls gewarnt. "Sieh dich vor, Willi, Bubi ist heute knurrig." Auch sie war angetrunken. Die Nacht davor hatten die beiden bei Harald Juhnke Geburtstag gefeiert. Daraus war, wie stets, ein handfestes Besäufnis geworden. Und zu Hause tranken sie den Tag über weiter. Ein ganz normaler "Gammel-Sonntag", wie Scholz später in der Gerichtsverhandlung sagen wird.

Am Abend, um viertel nach acht, verabschiedete sich der Gärtner. "Bevor ich ging, nahm ich ihm noch eine Flasche Gin aus der Hand und warf sie in den Müll." Er habe Angst um Helga gehabt, weil Bubi so wütend auf sie gewesen sei, berichtete er als Zeuge vor Gericht.

Von einem Bummern geweckt

Am nächsten Morgen, kurz vor sieben Uhr, klingelte bei Valeska Voss-Dietrich, damals Redakteurin der Berliner Morgenpost und Rupenhorn-Anwohnerin, das Telefon. "Meine Bekannte Ilse Krebs war dran", erinnert sie sich 25 Jahre später. "Sie war Mieterin im Scholz-Haus, hatte eine kleine Wohnung im ersten Stock. Völlig außer Atem erzählte sie mir, Frau Scholz habe einen schrecklichen Unfall gehabt, und sie könne die Feuerwehr nicht erreichen." Valeska Voss-Dietrich rief direkt bei den Notärzten im Klinikum Westend an.

"Wenige Minuten später hörte ich das Martinshorn des Rettungswagens. Kurz danach wieder ein Anruf von Ilse: ,Frau Scholz ist tot." Jetzt erst erfuhr die Morgenpost-Redakteurin, dass Ilse Krebs von einem lauten Bummern geweckt worden und dann von draußen durch das Toiletten-Fenster geklettert war. Sie sah Helga Scholz auf dem Rücken am Boden liegen. "Kaum war unser Gespräch beendet, herrschte schon Aufruhr in der Straße."

Katrin Mittelstenscheid, deren Elternhaus direkt neben der Scholz-Villa lag und von deren Kinderzimmer man hinunter in "Bubis Garten" sehen konnte, stand in jenen dramatischen Stunden am Fenster - "den ganzen Vormittag lang". Sie beobachtete, wie das Grundstück von der Polizei abgesperrt wurde.

Szenen wie im Krimi

"Ein Szenario wie in Fernseh-Krimis." Gehört habe sie in jener Nacht nichts. "Allerdings waren wir sonst sehr oft Zeugen von lautstarken Ehekrächen. Als meine Eltern mal drüben eingeladen waren, hat Helga heftig mit sämtlichen Männern geflirtet. Zu ihrem eigenen Mann war sie unglaublich biestig, richtig gepiesackt hat sie ihn."

Um 10 Uhr sah Katrin Mittelstenscheid, wie Bubi Scholz im Jogging-Anzug von Polizisten aus dem Haus geführt wurde. Die Hände vors Gesicht geschlagen, schüttelte er immer wieder den Kopf. Anderthalb Stunden später trug man die tote Helga heraus, "zugedeckt mit einer Plastikplane. Das fand ich sehr pietätlos."

Der 54jährige Champ, der nach 29 Ehejahren seine Frau erschossen hatte, wurde ins Untersuchungsgefängnis Moabit gebracht. Er stand unter Schock, wie sein Rechtsanwalt Dr. Manfred Studier der Berliner Morgenpost damals sagte. "Scholz kann es nicht fassen, dass seine Frau nicht mehr lebt und er im Verdacht steht, an ihrem Tod schuld zu sein." Als er wieder vernehmungsfähig war, behauptete der Ex-Boxer, der Schuss habe sich beim Reinigen seiner Waffe gelöst. Was ihm Oberstaatsanwalt Willi Wiedenberg nicht glaubte.

Für den Staatsanwalt brach eine Welt zusammen

Wie lebendig ist bei dem Ankläger nach einem Vierteljahrhundert noch die Erinnerung an diesen spektakulären Fall? "Oh, ich kann mich sehr genau erinnern", erzählt Wiedenberg. Er macht in diesen Tagen Urlaub in seinem Ferienhaus im Schwarzwald, seit vier Jahren ist er pensioniert. "Ich hatte an jenem Morgen Bereitschaftsdienst, war schon sehr früh im Büro. Damals bearbeitete ich zehn große Tötungsdelikte parallel und ging schon auf dem Zahnfleisch. Und dann kam Bubi Scholz dazu, mein Idol. Was da über uns hereinbrach, war unbeschreiblich. Die Medien rannten uns die Türen ein, das Telefon stand nicht mehr still."

Sein Idol? "Natürlich, ich habe alle seine großen Boxkämpfe gesehen. Ich war auch mit meinem Vater dabei, als er 1958 im Olympiastadion Europameister im Mittelgewicht wurde!" Woran muss er zuerst denken, wenn er sich den Angeklagten in Erinnerung ruft? "Mich hat ungeheuer beeindruckt, wie sehr er seine Frau immer hochgehalten hat. Kein einziges schlechtes Wort hat er über sie gesagt." Wenn die Rede auf sie kam, sei er kämpferisch geworden. "Sonst wirkte er während des Prozesses immer in sich gekehrt."

Helga hatte die Hosen an

Häufig sprach Scholz von großer Liebe. Helga und er hätten keine Probleme gehabt, seien wie eineiige Zwillinge gewesen. Die Vernehmungen allerdings, sagt Wiedenberg, hätten das Bild einer "todunglücklichen Ehe" gezeichnet. Dieser physisch so starke Mann brauchte diese Frau - 1,62 Meter klein, zierlich, schmallippig, scharfzüngig: "Sie hatte die Hosen an." Davon ist Wiedenberg überzeugt.

Am 14. Januar 1985 begann unter ungeheurem Medienandrang der Prozess vor einer Strafkammer des Berliner Landgerichts. Wiedenbergs Anklage lautete auf Totschlag. Denn der Oberstaatsanwalt glaubte Scholz nicht, er habe gar nicht gewusst, dass seine Frau auf der Gästetoilette war. Dies hatte der Ex-Champion in einer früheren Vernehmung weinend beteuert.

Langsam kristallisierte sich vor dem Landgericht heraus, wie der Abend tatsächlich verlaufen war. Beide hatten wieder einmal viel getrunken und heftig gestritten. Bei Helga Scholz wurden später 2,5 Promille Blutalkohol festgestellt. Als die Auseinandersetzung eskalierte, flüchtete Helga auf die Gästetoilette.

"Dort verbrachte sie oft Stunden, weil sie unter Verdauungsproblemen litt. Sie hatte einen Schlankheitstick", erzählt Wiedenberg, "ich glaube, es war Bulimie." Ihr Mann forderte sie immer wieder auf, herauszukommen. Er brüllte, drohte, schlug gegen die Tür. Trank immer wieder Whisky mit Rum. Doch Helga kam nicht heraus. Je mehr Zeit verging, desto größer wurde sein Zorn.

Das Gewehr hing über der Bar

Wiedenberg erinnert sich genau: "Sein Anschütz-Kleinkalibergewehr, mit dem er in seinem Garten manchmal auf Spatzen geschossen hatte, hing über der Bar. Das hatte er bei einer Europameisterschaft gewonnen." Scholz lud es durch - und schoss durch die Toilettentür.

Doch den Vorwurf des Totschlags zog der Oberstaatsanwalt bald zurück. Ein technischer Gutachter war bei den Ermittlungen anfangs zu dem Ergebnis gekommen, dass Helga Scholz auch durch einen Querschläger hätte tödlich getroffen werden können. Vor Gericht räumte der Experte allerdings ein, sich geirrt zu haben. Nochmalige Schießproben hätten nun ergeben, dass die Durchschlagskraft der Kugel nur direkt hinter der Tür tödlich war. Wiedenberg: "Das veränderte die Sachlage natürlich total." An ein Versehen glaubte er zwar nicht, sehr wahrscheinlich wirkte nun ein Schuss als Drohung - " die zweite Variante".

Weitere Gutachten hatten ergeben: Scholz hielt die Mündung des Gewehrs in 1,35 Meter Höhe unmittelbar an die Tür und schoss in einem leicht ansteigenden Winkel. Hätte Helga Scholz auf der Toilette gesessen, wäre das Projektil 26 Zentimeter über ihren Kopf geflogen. "Aber: Sie saß nicht dort. Wir vermuteten, dass sie herauskommen wollte und in leicht gebückter Haltung an der Tür stand, um zu lauschen, was ihr Mann macht", erzählt Wiedenberg.

Anklage plädierte auf fahrlässige Tötung

Die Öffentlichkeit war überrascht, als der Oberstaatsanwalt am 30. Januar 1985 nicht auf Totschlag plädierte, sondern drei Jahre und acht Monate wegen fahrlässiger Tötung und unerlaubten Waffenbesitzes beantragte. Wegen des starken Alkoholkonsums sei Scholz nicht in der Lage gewesen, die Konsequenzen seines Handelns zu erkennen, erklärte Wiedenberg seinen Sinneswandel.

Hinzu kam der Bericht des psychiatrischen Gutachters Dr. Gerhard Zeller. Nachdem er Scholz untersucht hatte, kam er zu dem Schluss, dass der Ex-Boxer im Sommer 1984 am Ende gewesen sei. Ein Leben lang habe dieser Aufsteiger von schlichtem Gemüt sein Ansehen und sein Selbstwertgefühl aus seinem intakten Körper, seinem Ruhm und seinem finanziellen Erfolg gezogen. In den letzten Jahren aber sei der Glanz erloschen, Scholz sei gealtert. Seine Frau habe in ihm nur noch den armen Schlucker gesehen und abträgliche Bemerkungen über ihn gemacht.

Aus Dr. Zellers Sicht sagte Scholz zwar nicht die Wahrheit, als er seine massiven Eheprobleme leugnete. "Aber er hat auch nicht gelogen." Denn seine tatsächlichen Schwierigkeiten konnte er weder erkennen noch gefühlsmäßig verarbeiten. Eine reaktive Depression, wie der Psychiater diagnostizierte, eine schwere Verstimmung als Reaktion auf eine unbefriedigende Situation.

"Zum Persönlichkeitsbild und zur Charakterstruktur des Gustav Scholz passt eine Gewalttat wie diese nicht", erklärte der Gutachter abschließend.

Auch Willi Wiedenberg ging nach der Beweisaufnahme davon aus, dass Scholz ohne Tötungsvorsatz geschossen habe. "Das wirkliche Motiv ist nach der Tat in seinem ersten Satz deutlich geworden: Ich wollte sie doch da nur rausholen."

Mit tränenerstickter Stimme erklärte Scholz in seinem Schlusswort: "Kein Urteil der Welt kann mir die Belastung und die Selbstvorwürfe nehmen. Ich bereue, was geschehen ist."

"Der Weg aus dem Nichts"

Der Aufsteiger mit schlichtem Gemüt hatte einen filmreifen Lebensweg - der 1998 tatsächlich Stoff bot für den Fernsehfilm "Die Bubi Scholz Story". Benno Fürmann gab das junge, Götz George das ältere Filmgesicht des Boxers. In seiner Autobiographie "Der Weg aus dem Nichts" beschreibt Bubi Scholz seine Kindheit in Prenzlauer Berg, die grauen Hinterhöfe in der Choriner Straße mit den rotznasigen Gören, und wie es in den Treppenhäusern ewig nach Braunkohlebriketts und "den Wäschepötten mit Windeln für die sich Jahr für Jahr einstellenden Babys" roch. "Die Zimmerlinde war so ungefähr der einzige Baum, den ich als Kind gesehen habe."

Dieses Defizit kompensierte das Kellerkind vom Prenzlauer Berg später mit dem Kauf des Hauses, das am oberen Ende des Rupenhorns unmittelbar an den Wald grenzte. Scholz genoss die Natur, machte stundenlange Spaziergänge mit Schäferhund Arco. Einmal rettete er sich bei seinem morgendlichen Waldlauf vor einem Wildschwein auf einen Baum. "Es hatte mich angegriffen und wartete unten. Eine Stunde musste ich oben bleiben." Die Geschichte eines Augenblickes, in dem selbst der ehemalige Champion Angst verspürte. Er erzählte sie oft und gerne.

Scholz wollte raus aus der Armut

Raus wollte er aus seiner ärmlichen Welt schon früh. Der blasse Bengel mit der blonden Tolle musste Hosen tragen, die mal viel zu lang waren, weil sie auf Zuwachs gekauft waren - oder viel zu kurz, weil Bubi herausgewachsen, aber eine neue Hose noch nicht wieder drin war. Ein Fußball war unerschwinglich, so "zerkloppte ich mir in den Hinterhöfen die letzten Schuhe an Blechdosen".

Seinen ersten Job hatte Bubi schon in den ersten Kriegsjahren. "Ich trug die Berliner Volkszeitung aus. Sie erschien zweimal täglich, morgens und nachmittags." Seine Schwester half ihm. "Bald stellte sich heraus, dass sie mehr Trinkgeld abschleppte als ich." Da kam Bubi auf eine Idee. Er sammelte beim Lutscher-Kauf viele einzelne Pfennige. "Und immer, wenn ein Knickriger unter meinen Kunden die Hand nach dem Wechselgeld ausstreckte - die meisten zahlten mit einem Markstück -, gab ich erst zwei Groschen zurück und begann dann den Rest umständlich Pfennig für Pfennig aus der Hosentasche zu fingern. Selbst die größten Geizhälse sagten dann: ,Lass schon gut sein' oder ,Mensch, hau ab mit deinen Pfennigen'."

Eine Geschäftstüchtigkeit, die sich nach seiner Box-Karriere als Segen erweisen sollte. Seine beiden Parfümerien, die er mit Helga betrieb, florierten nach anfänglichen Schwierigkeiten und ermöglichten es dem Paar, weiter auf großem Fuß zu leben. Außerdem besaß er eine Werbeagentur.

Plötzlich wollte Bubi boxen

Vieles spricht allerdings dafür, dass "der große Bubi" sich von einem Zeitungsjungen das komplette Wechselgeld hätte auszahlen lassen. Seine Freunde schilderten ihn "in den kleinen Dingen" als geizig. Trinkgeld gab es von ihm nie.

Der Krieg war gerade zu Ende, da bewarb sich Bubi als Bäckerlehrling bei Aschinger. Dafür war keine Stelle frei, aber als Koch durfte er anfangen. "Weil es für den praktischen Unterricht keine Lebensmittel gab, lernte ich in dieser Lehranstalt die Rezepte auswendig. Besonders sinnig erschien mir das Erstellen von Diätplänen..."

Wie in dieser Zeit die Boxer-Karriere des Bubi Scholz begann, schildert Erwin Sahm, der damalige Jugendmeister im Boxen. Er beobachtete ihn beim Fußballspielen auf einem Hartplatz, dem späteren Ludwig-Jahn-Stadion, und war beeindruckt, wie flink und elegant er sich bewegte. Sahm gelang es, den Kicker von den Füßen auf die Fäuste "umzupolen" - plötzlich wollte Bubi nur noch boxen.

Der erste Sieg verlieh im Flügel

Am 8. Oktober 1948 stand der junge Mann das erste Mal im Ring. Schauplatz: ein Zirkuszelt an der Leibnizstraße in Charlottenburg. Scholz boxte zum ersten Mal mit seiner Philosophie, die er bis zum Karriere-Ende beibehalten sollte: "Nur keinen Blechschaden erleiden." Wunderbar, dieses Gefühl, als ihm der Ringrichter am Ende den Arm in die Höhe riss. 2000 Zuschauer hatten den Kampf gesehen, 200 Mark Gage hat es gegeben. Ein Sieg, der ihn beflügelte...

Von da an ging es buchstäblich Schlag auf Schlag. Als "der Mann mit den gletscherblauen Augen und dem stechenden Blick" für 500 Mark Gage 1949 gegen den Leipziger Glink gewann, hieß es in den Zeitungs-Kritiken: "Aus der Reihe der Anfänger hat sich Bubi Scholz nun wohl herausgeschoben" Lohn der Mühe: Bubi bezog in Grunewald in der Herbertstraße eine schicke Mansarde. Die erste eigene Wohnung.

Um diese Zeit lernte der Boxer Helga Druck kennen, die spätere Frau Scholz, die am Ende tot im Gäste-WC lag. "In der Leibnizstraße gab es früher den Martini-Markt. Da, wo sonst das Zirkuszelt aufgeschlagen war und ich meine ersten Kämpfe bestritten hatte, waren dann Würstchenbuden, Karussells und Verkaufsstände aufgebaut." Nach dem Training ging Bubi, inzwischen Profiboxer, dort oft vorbei. In den Pausen schlenderten auch die Gymnasiastinnen der nahen Ricarda-Huch-Schule über den Rummel.

Helgas große Klappe imponierte ihm

Bubi Scholz erinnerte sich später: "Eines der Mädchen war Helga. Sie war schlagfertig, schnippisch und besaß, wenn sie in Bedrängnis kam, einen kräftigen Schuss Arroganz." Ihre große Klappe imponierte ihrem Verehrer insgeheim. "Außerdem sah sie richtig toll aus."

Als junger, lebenshungriger Mann kam er von der Bleibtreustraße, wo er in einer Boxschule trainierte, auf seinem Weg zum Kudamm immer am Friseursalon Druck vorbei, den Helgas Mutter führte. Er interessierte sich zunehmend für dieses spröde Mädchen, das sich partout nicht küssen lassen wollte. Bis ihre Mutter ihn fragte, für wie alt er ihre Tochter eigentlich halte. 20, schätzte er. Prustendes Gelächter. "Meine Tochter wird 15!" Das Thema Helga schien zunächst erledigt.

Später wurden die Drinks härter

Anfang der 50er Jahre gewann Scholz neue Freunde. "Sie öffneten mir wenigstens einen Türspalt zu neuen geistigen Räumen." Er ging ins Theater, sah Käthe Haack und O. E. Hasse auf der Bühne - und war begeistert. Das Nachtleben spielte sich im Nachtclub "Badewanne" in der Nürnberger Straße ab.

Ein alter Freund von damals, der Amateur-Boxer Werner Eckert, erinnert sich fast 60 Jahre später am Telefon an diese Zeit. "Was wollen Sie wissen? Wie sehr ich ihn bewundert habe? Meine Wohnung hängt immer noch voller Bubi-Fotos von damals. Wir hatten einen Riesenspaß zusammen, gingen gemeinsam zu Marlon-Brando-Double-Wettbewerben, tanzten Rock'n'Roll und hörten in der ,Badewanne' Duke Ellington oder Louis Armstrong." Live, in Berlin, der geteilten Stadt.

"Damals war Bubi sehr diszipliniert", erzählt Eckert, einer der wenigen Freunde, die ihm bis zu seinem Tod verbunden blieben. Ausschließlich Saft habe er in diesen Nächten getrunken - "da war er eisern! Aber nach seiner Karriere, als er von dem ständigen Druck des Siegen-Müssens befreit war, trank er umso lieber ein Gläschen. Und dann wurden die Drinks immer zahlreicher, immer härter..." Ins Gefängnis habe er ihm später lange, tröstende Briefe geschrieben.

Eine niederschmetternde Diagnose

Zu seinen großen Kämpfen machten die Freunde sich immer schick - "mit Anzug und Fliege!" Auch, als Eckerts Freund 1951 zum ersten Mal Deutscher Meister wurde. Drei Jahre später flog der Champion aus Berlin nach New York, wo er gegen Al Andrews gewann. Dem Mann mit den goldenen Fäusten schien alles zu gelingen.

Bis zu jener Nacht, als Bubi aufwachte und Blut spuckte. Es quoll aus der Nase, aus dem Mund, er spuckte und spuckte. In Panik klemmte er sich Pudel Sherry unter den Arm und raste in seinem Ford nach Westend, ins Paulinen-Krankenhaus. Diagnose: offene Tuberkulose. Der Arzt, der ihm diesen k.o.-Schlag versetzte, machte ihm keine Hoffnung. "Wenn Sie Maurer wären, würde ich sagen, Sie müssten Ihren Beruf wechseln." Zu groß wäre die körperliche Belastung.

"Ich würde also nie wieder boxen können", schrieb Scholz in seinem Buch. "Mir wurde eines klar: dass die sieben Jahre meiner intensiven Vorbereitung, meines Fleißes für die Katz gewesen waren." Er schien am Ende zu sein, geschüttelt von der Angst vor dem Sturz in den Abgrund, vor dem Wieder-arm-Sein.

Unter dem Decknamen Gerhard Schneider verschwand der Rekonvaleszent in einem Sanatorium im Schwarzwald. Die Ärzte, von der Geschwindigkeit des Heilungsverlaufes verblüfft, ahnten nicht, dass ihr Patient sich längst entschlossen hatte, ihre düstere Prognose Lügen zu strafen.

Helga liebte ihren Bubi

Eine große Stütze in jener Zeit war Helga, zu der er den Kontakt nie abgebrochen hatte und die seit einiger Zeit die Hauptrolle in Bubis Leben spielte. Kaum war er aus dem Lungen-Sanatorium entlassen, heirateten die beiden am 10. November 1955. Trauzeuge im Standesamt Schmargendorf war Quizmaster Hans Rosenthal, der in derselben Straße aufgewachsen war wie Bubi. Helga liebte ihren Bubi um seiner selbst willen, daran bestand kein Zweifel. Wer hätte damals prophezeit, dass sie 1980, als sein Buch "Der Weg aus dem Nichts" erschien, öffentlich spötteln würde: "Mein Buch würde heißen: ,Mein Weg mit einem Nichts'."

Mitte der 50er Jahre hatte Bubi zwar eine Frau, aber keinen vernünftigen Beruf. "In diesem Zustand begann ich meine Karriere als Parfümerie- und Frisiersalon-Besitzer. Es wurde schrecklich." Die Läden liefen zunächst überhaupt nicht. In den Geschäften hielt es der Chef nie lange aus. Es zog ihn in den Grunewald, zum Trainieren...

Scholz gibt nicht auf

"Kannste überhaupt noch boxen - oder wirste Kritiker?" zogen ihn seine Kumpels auf. Er konnte noch. Und wie. Bei seinem ersten Kampf nach der Zwangspause schlug er seinen Gegner in der vierten Runde k.o. Und dann kam der 4. Oktober 1958. Michael Dieterici, ehemaliger Redakteur der Berliner Morgenpost, erinnert sich genau. "Ich war 16 und wild entschlossen, mein Idol im Olympiastadion um den Europa-Meisterschaftstitel kämpfen zu sehen." Doch die Karten waren viel zu teuer. "Deshalb schummelte ich mich durch den Eingang: Ich versteckte mich hinter dem breiten Kreuz von Curd Jürgens, lief dicht hinter ihm - und drin war ich!"

Im Schatten der Scheinwerfer verfolgte Dieterici dann den Kampf gegen Charles Humez, den französischen Mittelgewichts-Europameister, mit dem Bubi um den Titel boxte. Und jubelte mit 30.000 Zuschauern, unter ihnen der Regierende Bürgermeister Willy Brandt, Hildegard Knef, Max Schmeling, die Schauspieler Harald Juhnke und O. E. Hasse. Schon in der zweiten Runde brach der Herausforderer dem Franzosen das Nasenbein, in der elften Runde hörte Bubi ihn gurgeln: "Je n`en peux plus!" - ich kann nicht mehr.

Plötzlich Europameister

Der Berliner war Europameister. Bekam einen Riesenkranz um die Schultern gehängt, der Ring wimmelte vor Fotografen, Managern, Betreuern. Die Menge war wie entfesselt. Irgendwann musste die Polizei eine Mauer um Scholz bilden, damit er aus dem Ring klettern konnte. Jetzt hatte er sein Ziel erreicht, hatte sich hochgeboxt. Er war ganz oben.

Vier Jahre später wollte er wissen, ob es vielleicht noch höher hinauf ginge - beim Kampf gegen Harold Johnson um die Halbschwergewichts-Weltmeisterschaft. Ein großer Kampf. Wieder im Olympiastadion. Doch diesmal verlor Bubi - eine von nur zwei Niederlagen, die er in seiner Karriere erlitt. Im Keller seines Hauses sah er sich die Filmaufnahmen wieder und wieder an. Das endgültige Aus kam am 4. April 1964: Nach einem Disqualifikations-Sieg gegen den Italiener Giulio Rinaldi im Kampf um die Halbschwergewichts-EM trat Bubi Scholz zurück.

Der Mann mit den goldenen Fäusten war kein Boxer mehr. Das Rampenlicht war erloschen, für immer. Jetzt war er nur noch Geschäftsmann. Die Parfümerien florierten, aber was bedeutete das schon? Die rauschenden Feste am Rupenhorn konnten seinen Schmerz, nicht mehr im Ring und nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen, nicht betäuben.

Nach der Fehlgeburt kam der Alkohol

Sein Refugium, das zweistöckige Gebäude mit dem Flachdach, das auf uns Kinder immer wie ein Lego-Haus gewirkt hatte, war ein Haus, aus dem niemals Kinderlachen drang. Ein Haus, in dem Helga Scholz auf einer Party glücklich verkündete, sie wäre auf ihre "alten Tage" - mit 39 Jahren - schwanger geworden. Ihr Mann soll sich riesig auf das Baby gefreut haben. Doch sie erlitt eine Fehlgeburt.

Beide griffen nun immer häufiger zur Flasche. Zu ihren Freundinnen sagte sie: "Ein Leben ohne Kind hat doch keinen Sinn. Immer nur arbeiten und saufen..." Sie beklagte ihr "langweiliges Leben" und versuchte, Bubis amouröse Abenteuer zu ignorieren, er hing seinen Erinnerungen an ein Leben voller Siege nach. Bis zu jenem tragischen Tag im Juli 1984.

Beim Prozess folgte das Gericht den Ausführungen des Staatsanwalts und verurteilte den Ex-Boxer zu drei Jahren Haft. Worauf Oberstaatsanwalt Willi Wiedenberg in diesem Zusammenhang noch heute Wert legt: "Es gab mit Sicherheit keinen Prominenten-Bonus, aber auch keinen Promi-Malus, also keine Benachteiligung."

Nur Juhnke hielt zu Scholz

Viele Gefährten von früher gingen nun auf Distanz zu Bubi Scholz - Harald Juhnke aber gehörte zu jenen, die zu ihm hielten. Er besuchte ihn im Gefängnis, so wie Bubi ihn früher im Knast besucht hatte, als der beliebte Schauspieler wegen eines Trunkenheitsdeliktes einsaß. Der Grund: Alkohol am Steuer.

Zweimal versuchte der Häftling Scholz, sich das Leben zu nehmen. Im August 1987 wurde er entlassen. Die junge RIAS-Reporterin, die damals mit dem Ü-Wagen vor dem Gefängnis-Tor stand, war auch ein Nachbarskind vom Rupenhorn. Irina von Bentheim, Tochter des legendären SFB-Reporters Alexander von Bentheim und der langjährigen Morgenpost-Chefreporterin Ursula von Bentheim, kannte Bubi von klein auf.

"Mein Vater war mit ihm befreundet, moderierte viele seiner Box-Kämpfe. Er war am 23. Juli 1984 am Tatort, noch bevor Notarzt und Polizei kamen." Ihr habe Bubi Scholz schon als Kind leid getan. "Er sah immer so traurig aus."

Nach der Entlassung die Depression

Irina von Bentheim hoffte auf ein kurzes Interview, als das Gefängnis-Tor aufging. "Aber leider nahm er mich kaum wahr, murmelte nur, er fahre jetzt nach Hause, und stieg in ein Taxi." Inzwischen war Bubi Scholz 57 Jahre alt. Er schien vieles verdrängt zu haben. Am Rupenhorn begann er kurz nach seiner Entlassung aus der Haft ein neues Leben an der Seite seiner zweiten Frau, die er 1993 heiratete: Sabine, 30 Jahre jünger als er.

Doch das Glück währte nur kurz. Bubi litt mehr und mehr unter Depressionen, verlor das Kurzzeitgedächtnis. Zwei Jahre später stellten Ärzte einen Blasentumor fest, kurz darauf gab es Probleme mit dem Herzen. "Das Bienchen" pflegte ihn. 1997 erlitt er einen ersten Gehirnschlag, 1998 folgten weitere Schlaganfälle.

Inzwischen hatte er das Haus am Rupenhorn verkauft, wohnte in einer Villa in Ruhleben am Machandelweg. Am 12. April 2000 feierte Bubi Scholz mit den engsten Freunden seinen 70. Geburtstag. Dabei war auch Günter Pfitzmann, dessen Anekdoten er lauschte. "Lag es lange genug zurück, konnte er sich erinnern", erzählte der Schauspieler. 1998 stellten die Ärzte eine weitere traurige Diagnose: Alzheimer.

Der Weg aus dem Nichts, der von Prenzlauer Berg ins Charlottenburger Neu-Westend geführt hatte, endete am 21. August 2000 in einem Seniorenheim in Neuenhagen, am Rande der Stadt. Bubi Scholz war an seinem Frühstücksbrötchen erstickt.

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