Berliner Merkwürdigkeit

In diesem Laden in Mitte ist alles umsonst

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Antje Raupach
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In diesem Laden ist alles umsonst

Wie sieht eine Welt aus in der Geld keine Rolle spielt? In der Brunnenstraße 183 in Mitte, kann sich jeder ein Bild davon machen. Denn in diesem „Geschäft" gibt es alles umsonst. Jeder Besucher kann maximal drei Gegenstände mitnehmen, unabhängig davon, ob er etwas abgibt. Doch schon morgen könnte damit Schluss sein.

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Geld spielt hier keine Rolle. Denn im Berliner "Gift-Shop" an der Brunnenstraße ist alles umsonst: Vom Buch über den PC-Monitor bis hin zum Geschirr. Doch damit könnte bald Schluss sein. Dem besetzten Haus, in dem sich der Umsonst-Laden befindet, droht die Räumung.

So sieht sie also aus, eine Welt ohne Geld. Orangefarbene Siebzigerjahre-Eierbecher, vergilbte Bücher mit Eselsohren, matte Glasvasen mit kleinen Sprüngen und ein riesiger Haufen Computermonitore. All das und noch mehr Krimskrams stapelt sich ungeordnet auf knapp 30 Quadratmetern in einfachen Holzregalen. Mitten in Berlin in der Brunnenstraße 183. Es ist der „Gift-Shop“.

Früher hieß er „Umsonst-Laden“. Aber das ist schon einige Jahre her. Seit sieben Jahren gibt es diesen konsumfreien Raum, indem Gegenstände des Alltags ihre Besitzer wechseln. Aber nicht gegen Bares. Die Dinge können einfach mitgenommen werden, unabhängig davon, ob man was abgibt. Jeder kann kommen und sollte aber auch wirklich nur das mitnehmen, was er braucht. Daran wird man als „Kunde“ auch ständig erinnert: In großen schwarzen Buchstaben ist „Take only what you really need“ an die Wand gepinselt.

Nur eine einzige Regel hat das „Betreiberkollektiv“ aufgestellt: Jeder Besucher darf maximal drei Gegenstände mitnehmen. Was es ist, ist völlig egal. Natürlich kommen auch immer wieder Leute vorbei und bringen nur Sachen hin, die sie nicht mehr gebrauchen können. Auch an diesem Nachmittag. Ein junges Pärchen, Mitte zwanzig, schleppt zusammen einen riesigen Umzugskarton in den Laden. Gefüllt ist die Kiste mit vielen Sektgläsern, noch original verpackt, gebrauchten, aber sauber gereinigten Töpfen und jede Menge zusammengestückeltes Geschirr. „Falls ihr das gebrauchen könnt, würden wir das gerne hier lassen“, sagt die junge Frau. „Wir würden es sonst wegschmeißen.“ Sie stellen den Karton hin und gehen.

Eine Welt ohne Konsum auf 30 Quadratmetern

Die Grundidee des Projekts ist schnell erklärt: Diese kleine Welt auf 30 Quadratmetern soll ein Gegengewicht zu der aus Weltsicht der Betreiber "konsumgepeinigten Welt", die sich vor der neongelben Tür des Ladens befindet, darstellen. Denn Dinge seien dann nicht mehr Waren, sondern das, was sie sind: Gebrauchsgegenstände. Schön sieht das aber nicht aus. Eher trostlos. Wie lange es den "Umsonst-Laden" noch geben wird, ist ungewiss. Denn dem besetzten Haus, in dem der Laden untergebracht ist, droht die Räumung.

Aber noch hat er geöffnet. Immer wieder kommen Leute herein und sehen sich um. Greifen nach Gegenständen, die sie häufig erst mal mit dem Jackenärmel entstauben müssen. Man sieht sofort, wer Stammkunde ist und wer zum ersten Mal vorbeischaut. Die Leute, die zum ersten Mal hier sind, fragen Manuela Pieper, Mitglied des Betreiberkollektivs, ob sie die Dinge jetzt tatsächlich einfach so mitnehmen dürfen. „Ja, klar. Dafür sind sie ja da“, antwortet sie. „Alle möglichen Leute kommen her und nehmen Sachen mit“, sagt die 32-Jährige. „Man kann die gar nicht auf einen Nenner bringen. Es sind Alte, Junge, mit und ohne Geld.“

Alles ist willkommen im „Umsonst-Laden“. Außer Computermonitoren, denn davon haben sie mehr als genug. Wenn sie diese nicht bald loswerden, wird das Betreiberkollektiv Richtung BSR fahren müssen, um sie zu entsorgen. Oder entwerten.

"Gift-Laden", Brunnenstraße 183, Berlin-Mitte, täglich geöffnet von 13 bis 20 Uhr