Selbstständigkeit

Wenn Frauen Unternehmen gründen

Nicht immer sind Frauen als Angestellte Befehlsempfängerinnen. In Berlin werden am Samstag Unternehmerinnen ausgezeichnet, die den Sprung in die Selbstständigkeit geschafft haben.

Foto: Sven Lambert

Aus Mutterliebe wurde Stefanie Zschieschan-Steinfest zur Unternehmerin - heute beschäftigt sie 120 Mitarbeiter. Ihre Geschichte ist so anrührend wie packend: Im Januar 2005 kam Zschieschan-Steinfests Tochter Emilia als Extrem-Frühchen behindert zur Welt und musste auf der Intensivstation beatmet werden.

Monatelang bangte die damals 29 Jahre alte Mutter im Krankenhaus, sah den zarten, schwachen Körper von 705 Gramm ihrer kleinen Emilia, die an Schläuche angeschlossen im Brutkasten lag. "Es war klar: Ich kann sie erst zu mir nach Hause holen, wenn dort ihre Pflege gewährleistet ist", erzählt Zschieschan-Steinfest. Doch einen passenden Intensivpflegedienst fand sie nicht. "Ich fragte unseren Fallmanager von der Versicherung: Was muss ich tun, damit ich meine Tochter endlich zu uns holen kann?" Der riet ihr nicht ganz ernst gemeint: "Gründen Sie doch selbst einen Pflegedienst."

Inzwischen eine gestandene Unternehmerin

Eine verfahrene Situation, in der die junge Mutter über sich hinaus wuchs: Die frühere Airbus-Projektmanagerin machte sich tatsächlich daran, einen Businessplan für einen eigenen Kinderpflegedienst aufzustellen, überzeugte Kreditgeber von ihrem Konzept und gründete ein eigenes Unternehmen. Ihr "Kleine Strolche Kinder-Intensivpflegedienst GmbH" betreute zunächst wie geplant ihre Tochter Emilia - und ist heute ein mittelständisches Unternehmen mit 120 Mitarbeitern, das längst schwarze Zahlen schreibt. Inzwischen ist Stefanie Zschieschan-Steinfest 34 Jahre alt, hat drei Kinder und ist gestandene Unternehmerin.

Eine Geschichte, die auch die Jury des Preises "Berliner Unternehmerin des Jahres" begeistert hat. Sie hat Stefanie Zschieschan-Steinfest als eine von drei Kandidatinnen für die Auszeichnung nominiert. Der Preis wird am Samstag von Wirtschaftssenator Harald Wolf im Zuge des fünften Unternehmerinnentages verliehen, der im Ludwig-Erhard-Haus in Charlottenburg in den Räumlichkeiten der IHK Berlin ausgerichtet wird.

Der Unternehmerinnentag unter dem Motto "Erfolg hat viele Gesichter" soll mit Podiumsdiskussionen und Infoständen gleichermaßen Diskussionsforum wie Informationsbörse sein, für angehende Existenzgründerinnen und bereits erfolgreich aktive Unternehmerinnen, die sich austauschen wollen. Die Anerkennung durch den Senat ist keine Symbolpolitik: "Diese von Frauen geführten Unternehmen sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Berlin", sagt Kathrin Decker, Projektleiterin des Unternehmerinnentages. "Diese Frauen schaffen mit ihren Firmen Arbeitsplätze und zahlen Steuern." Darum liegt es im Interesse der Stadt, Existenzgründerinnen zu fördern. Die Wahl zur "Unternehmerin des Jahres" soll Mut machen und Frauen, die sich mit dem Gedanken tragen, sich selbständig zu machen, ermuntern, ihre Idee weiter zu verfolgen.

Der Weg ist steinig

Doch der Weg von der Gründungsidee hin zum funktionierenden Betrieb ist lang und steinig. Davon berichtet auch die zweite Nominierte, Ulrike Saade. Die heute 56-Jährige kam 1980 in den unternehmerischen Bereich, als sie in Schöneberg in einen alternativen Fahrradladen mit einstieg. "Damals war ich 26 und Lehrerin. Ich dachte mir: Du willst noch mal was anderes machen." Ihr erklärtes Ziel: Das Fahrrad als Fortbewegungsmittel in Berlin zu fördern. Damals auch ein politisches Anliegen. Also gab sie vor 30 Jahren den ersten Fahrradatlas für West-Berlin mit heraus. Die neue Tätigkeit machte ihr so viel Spaß, dass sich die Lehrerin beurlauben ließ und lieber lernte, in der Werkstatt an Fahrrädern zu schrauben.

Nach mehreren Jahren als Geschäftsführerin eines Fahrradladenverbandes gründete Saade im Jahr 2000 schließlich das Unternehmen "Velokonzept", das Fahrradmessen und Kampagnen veranstaltet. Ihre Verbeamtung auf Lebenszeit gab Saade auf. "In den ersten Jahren verdiente ich weit weniger als zuvor als Lehrerin und es dauerte, ehe ich in die Gewinnzone kam. Dennoch war es mir ein wichtiges Bedürfnis, mich selbständig zu machen, obwohl es mir - vor allem in der Anfangsphase - auch viele schlaflose Nächte bereitet hat." Heute beschäftigt "Velokonzept" zwölf Mitarbeiter in Tiergarten. An Existenzgründerinnen hat Ulrike Saade einen klaren Tipp: "Hört auf Euer Bauchgefühl.", sagt sie. "Frauen sind mitunter weniger selbstbewusst als Männer, aber wenn die Idee gut ist und man weiß, dass es der richtige Weg ist, sollte man den Schritt wagen."

Pflegedienst für Migranten

Das sagte sich auch die dritte Unternehmerin im Bunde: Nare Yesilyurt-Karakurt. Mit 31 Jahren gründete die einstige Krankenschwester "Deta Med", einen Pflegedienst für Migranten. "Im Zuge meines Studiums forschte ich viel über Migranten und stellte fest: Die Großfamilienstrukturen, wie man sie in Kreuzberg oder Neukölln vermutet, die gibt es in dem Maße gar nicht." Zumindest sei es nicht so, dass jüngere Migranten ihre Eltern pflegen. Eine Marktlücke, dachte sich Nare Yesilyurt-Karakurt. Das war 1999.

Doch der Weg in die Selbständigkeit war schwer. "Ich war die einzige, die an die Idee eines speziell an die kulturellen Erfordernisse von Migranten angepassten Pflegedienstes glaubte." Dabei war sie sich sicher: Das wird ein Erfolg. "Meine Eltern und Freunde rieten mir ab, mich damit selbständig zu machen. Keiner glaubte an mich, schon gar nicht die Banken." Übrigens, sagt sie rückblickend, sei es ein Fehler gewesen, damals ihre beiden kleinen Kinder mitgenommen zu haben, zu den Verhandlungen über Kredite. "Die Banker dachten, die Frau ist Mutter, die kann gar kein Unternehmen aufbauen."

Aber Yesilyurt-Karakurt konnte. Ein Arzt, der das Potenzial in dem Konzept der damaligen Krankenschwester erkannte, half bei der Kapitalbeschaffung. "Mit sechs Krankenpflegerinnen fingen wir dann an", sagt Yesilyurt-Karakurt. "Und es lief überhaupt nicht. Bis ich darauf kam, dass viele Menschen der Gastarbeitergeneration gar nicht richtig lesen konnten. Unsere Printwerbung verstanden sie gar nicht." Also schaltete die heute 42-Jährige Werbung beim türkischsprachigen Berliner Sender Metropol FM. "Damit gewannen wir dann die ersten Patienten."

In Nare Yesilyurt-Karakurts Betrieb arbeiten heute überwiegend Migranten aus Berlin. "Ich bilde vor allem Frauen aus, die Kinder haben", sagt die Unternehmerin. Was für andere Arbeitgeber ein Manko ist, sieht sie als Vorteil: "Mütter wollen Vorbild sein für ihre Kinder. Mütter strengen sich an." Und das färbe wiederum ab auf die Kinder. So gelinge Integration generationenübergreifend. Heute beschäftigt und integriert Yesilyurt-Karakurt auf diese Weise über 200 Mitarbeiter in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt.