Busbahnhof am Funkturm

Reisen im Bus ist billig, aber eine Qual

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Gian Signorell

Der Zentrale Omnibusbahnbof (ZOB) am Funkturm ist ein Drehkreuz des internationalen Reiseverkehrs. Wer hier ankommt, hat oft ein Reisemartyrium hinter sich, denn Busfahren ist die wohl anstrengendste Art der Fortbewegung. Aber es ist ökologisch - und billig. Eine Reportage vom ZOB.

Der Bus aus Minsk ist überfällig. Um 9.30 Uhr hätte er gemäß Anzeigetafel eintreffen sollen. Jetzt, eine Dreiviertelstunde später, fehlt von dem Bus jede Spur. "Meistens rufen uns die Fahrer in solchen Fällen an. In Osteuropa sehen die das aber ein bisschen anders", sagt Verkehrsleiter Norbert Luka.

Von seinem Schalter aus hat er einen ausgezeichneten Blick auf den zentralen Omnibusbahnhof am Funkturm in Charlottenburg, kurz "ZOB". Etwa halb so groß wie ein Fußballfeld ist das Gelände. Knapp drei Dutzend Haltestellen gibt es, drei Ticketverkaufsstellen, einen Imbiss. Und natürlich das Hauptgebäude, mit der Verkehrsleitzentrale und dem Warteraum.

Dort schnarcht ein Mann. Schlafen aber ist verboten in der Wartehalle. Und eigentlich auch schwer zu bewerkstelligen auf den ausgeformten, orangefarbenen Sitzreihen. Als Verkehrsleiter Luka den Schnarchenden sanft, aber bestimmt aus dem Schlaf holt, streift er die Schuhe wieder über die Füße und setzt sich unwirsch, aber aufrecht und regelkonform in die Sitzschale.

Ein paar Reihen weiter beugt sich Viorica Deleanu über ihren Laptop und tippt. Ein Artikel zu unterschiedlichen Frauenrollen in Rumänien und Frankreich soll es werden, sagt sie. Die Gelegenheitsjournalistin und Jurastudentin aus Rumänien wohnt in Straßburg, studiert in Paris und ist am frühen Morgen in Berlin angekommen. Jetzt wartet sie auf ihre Freunde, die sie abholen sollen.

Schlafen geht gar nicht

Daneben warten Madeleine Keydel (31) und Alessandro Zivelonghi (29) auf den Bus nach München. Die beiden haben am Wochenende die Atomiade besucht, eine alle drei Jahre stattfindende Sportveranstaltung Europäischer Forschungseinrichtungen. Ganz gut gelaufen sei es, sagt Keydel: "Vier Disziplinen, vier Medaillen", sagt sie.

Man muss die Wartenden bewundern. Denn die Wartehalle des ZOB ist nicht eben ein Wohlfühl-Ort. Der ganze Busbahnhof ist es nicht. Die Anlagen stammen aus den sechziger Jahren, triste Zweckarchitektur. Guter Kaffee ist hier nicht zu bekommen, und die Auslagen des einzigen Shops erinnern in ihrer Spärlichkeit schon mal an die ferner Länder, die vom ZOB aus zu erreichen sind.

Dabei kann der ZOB stolze Zahlen vorweisen. Berlin entwickelt sich im Busreisenfernverkehr zu einem Hub. Vom ZOB erreicht man mehr als 350 Ziele in 34 Ländern, darunter sogar Kasachstan. Um 34 Prozent stieg in den vergangenen Jahren das Verkehrsaufkommen: von 2,2 Millionen Fahrgäste im Jahr 2001 auf 3,2 Millionen im letzten Jahr. Das macht den ZOB zu einem der bedeutendsten Busbahnhöfe dieser Art in Deutschland. An verkehrsstarken Tagen werden bis zu 290 Busse abgefertigt.

Müde und abgekämpft steigen die Reisenden aus

Dazu gehört auch der Bus aus Paris, der jetzt mit zwanzigminütiger Verspätung eintrifft. Müde und abgekämpft steigen die Reisenden aus. Die Frage an eine Gruppe junger Frauen, wie die Fahrt denn gewesen sei, wird zuerst mit vielsagendem Augenrollen beantwortet. "Anstrengend", sagt dann Marie Karcher, sie hätten kaum schlafen können, immer wieder habe der Bus an Haltestellen gestoppt. 75 Euro hat die Hin- und Rückfahrt gekostet, gutes ökologisches Gewissen inbegriffen. "Busfahren ist umweltgerecht. Deshalb ziehe ich den Bus dem Flugzeug vor", so die 25 Jahre alte Wirtschaftsstudentin.

Tatsächlich ist der Reisebus laut Umweltbundesamt das ökologischste Verkehrsmittel. Busse verbrauchen pro Person im Vergleich zum Auto, zum Flugzeug und selbst zur Bahn am wenigsten Energie. Daraus resultiert auch der geringe Schadstoff-Ausstoß. Bei einer Strecke von 100 Kilometern belastet der Flugverkehr die Atmosphäre mit einem Kohlendioxid-Ausstoß von 36,9 Kilo je Person. Bei der Bahn beträgt der entsprechende Wert 5,2 Kilo, beim Bus sogar nur 3,2 Kilo. Auch beim Treibstoffverbrauch ergibt sich eine identische Rangliste.

Ruben Adery aus den USA beschäftigen derweil andere Gedanken. Der 23-Jährige hat eine Fahrt nach München gebucht. Jetzt steht er an der Haltestelle, mit dunkler Sonnenbrille, und streckt Einsatzleiter Klaus Neumann sein Notebook vors Gesicht, zeigt mit dem Finger auf den Bildschirm und sagt: "Look!". Adery hat um Mitternacht im Internet gebucht und vergessen, das Ticket auszudrucken. Neumann regelt die Situation: "Da sind wir kulant. Es ist ja online zu sehen, dass der Fahrgast tatsächlich gebucht und mit Kreditkarte bezahlt hat", sagt er und gibt Adery grünes Licht für die Fahrt. Der junge Amerikaner will in München Freunde besuchen. Und wann geht's zurück in die Staaten? "Im Januar, Mann", sagt Adery grinsend in breitem US-Englisch, dreht sich im Türrahmen kurz um, formt die Hand zum Victory-Zeichen und steigt ein.

Sonderregel für Berlin

Rund acht Stunden werden die Reisenden unterwegs sein, auf der viel befahrenen A 9. "Es gibt angenehmere Strecken", brummt Fahrer Achim Titus. Dann knallt die Klappe zum Gepäckraum zu, die Tür schließt, der Bus fährt ab.

Eigentlich verbietet das Personenbeförderungsgesetz aus dem Jahr 1931 das Bedienen von Haltestellen im Inland, wenn die Bahn bereits eine entsprechende Transportmöglichkeit anbietet. Berlin allerdings ist aus historischen Gründen von dieser Regelung nicht betroffen. Experten rechnen damit, dass auf Grund der europarechtlichen Verordnungen in den kommenden Jahren bundesweit eine Liberalisierung erfolgen wird. "Die Bedeutung der Busse als Transportmittel wird zunehmen. Ältere Leute schätzen die Sicherheit, die Jungen mögen die niedrigen Preise", sagt Christian Tänzler von Berlin Tourismus.

Bislang hat die Deutsche Bahn ein Vetorecht für jede neue beantragte Streckengenehmigung. "Dabei stellt der Busreisefernverkehr permanent unter Beweis, dass die genehmigten Linienverkehre nur in einem sehr beschränkten Umfang Kunden von der Bahn gewinnen", sagt Stefan Christian, Geschäftsführer der für den ZOB zuständigen Internationalen Omnibusbahnhof-Betreibergesellschaft.

Mit dem aktuellen Zustand des ZOB ist Christian nicht glücklich. "Die Anlagen sind nicht mehr zeitgemäß". Beim Eigentümer des ZOB, dem Land Berlin, will man eine Investition nicht von vornherein ausschließen. "Tatsächlich hat sich der Busbahnhof seit Öffnung der Grenzen stark entwickelt. Wir prüfen sowohl die Möglichkeit einer Renovierung als auch einen Neubau", sagt der zuständige stellvertretende Referatsleiter Manfred Walk.

Eine Renovierung täte dem ZOB gut

Keinen Neubau, aber wohl eine Renovierung müssen die beiden Design-Studenten Franziska Schulz und Sebastian Simon prüfen, die eben schlaftrunken aus dem Bus aus Kopenhagen steigen. In der Hand von Schulz: ein arg lädiertes Rollbrett, "superteuer", wie die 24-Jährige präzisiert. Übeltäter sei - die Polizei. "Wir sind zufällig in Malmö in eine Demonstration geraten. Da hat uns ein Polizeiwagen voll von hinten gerammt", sagt Schulz. Dabei gehöre das Board noch nicht mal ihr, sondern einem Freund. Sie hat ihn per SMS schon mal vorgewarnt, aber noch nichts von ihm gehört.

Auch in der Wartehalle ist es ruhig geworden. In der ersten Reihe sitzen noch Martin und Sue Jun. Sie wollten den Nachtbus nehmen. Der war aber schon voll. Die Juns haben Erfahrung im Busfahren: Sue wohnt in New York, Martin in Toronto. Wenn sie sich besuchen, nehmen sie den Bus. Das koreanische Ehepaar ist auf Europareise, heute wollen sie nach Prag. "Und wissen Sie, wo wir uns kennen gelernt haben?", fragt Sue erwartungsvoll. Die Antwort: Ausgerechnet in Korea.

Beim überfälligen Bus aus Minsk herrscht immer noch Funkstille. Für Verkehrsleiter Luka ist das kein Grund zur Aufregung: "Manchmal lassen die Osteuropäer auch ganze Fahrten ausfallen, ohne dass wir informiert werden", sagt er. Ein Blick aus dem Schalter der Verkehrsleitzentrale auf das Gelände zeigt: Auf den Minsker Bus wird nicht gewartet, niemand wirft sorgenvolle Blicke auf die Anzeigetafel, niemand erkundigt sich bei Luka nach dem Verbleib. "Bei der Distanz", sagt der lakonisch, "würde ich eh den Flieger nehmen".