Skulptur

Mauerspringer kehrt an seinen Sprungort zurück

Das Bild von der Flucht des Volksarmisten Schumann ist wohl eines der berühmtes Fotos zum Mauerbau. Drei Berliner wollten daraus eine Skulptur für die Gedenkstätte an der Bernauer Straße, dem Sprungort, schaffen. Doch der Senat lehnte ab. Nun wird die Skulptur trotzdem in der Straße aufgestellt.

Vor anderthalb Jahren waren die Brüder Florian und Michael Brauer sowie deren Freund Edward Anders mit ihrer Idee an die Öffentlichkeit getreten. Das wohl weltweit bekannte Foto des von Ost nach West über den Stacheldraht springenden Volksarmisten Hans Conrad Schumann hatten die drei Ost-Berliner für sich neu entdeckt. Als Schumann, damals 19 Jahre alt, am 15. August 1961 an der Bernauer Straße nach Wedding floh, hatte der Fotograf Peter Leibing auf den Auslöser seiner Exacta gedrückt und das letztlich berühmte Foto der Zeitgeschichte geschaffen.


47 Jahre später, so die Idee der Brauers und ihres Freundes Anders, sollte der „Mauerspringer“ in Form einer Skulptur im Rahmen der Neugestaltung der Gedenkstätte Bernauer Straße aufgestellt werden. Geplant war eine mannsgroße Skulptur, die am Ende des geplanten Gedenkweges auf einem Sockel quasi als „Aha-Effekt“ den Touristen als Fotomotiv dienen sollte. „Wir brauchen etwas Sinnliches für die Touristen. Unser ,monument of the jumping soldier' würde dieses Bedürfnis befriedigen“, sagte Florian Brauer damals.

Ein 30 Zentimeter großes Modell hatten die drei, der Handwerker Florian Brauer, der Bootsbauer Michael Brauer und der Bildhauer Anders bereits Anfang 2008 angefertigt. Doch Berlin lehnte ab. Tenor: Die geplante figürliche Skulptur passe nicht in die eher abstrakte Gestaltung der Gedenkstätte.

In einem freundlichen, aber ablehnenden Brief der Senatskanzlei vom 25. März des vergangenen Jahres hieß es überdies: „Eine denkmalmäßige Herausbildung der Figur des Grenzsoldaten wäre aber nicht nur aus konzeptionellen, sondern auch aus inhaltlichen Gründen schwer vermittelbar, insbesondere an die Opfer und ihrer Familien, weil die doch oft oberflächlichen Betrachter das Denkmal nicht auf die Person Schumann, sondern auf die Uniform, die er trug, beziehen könnten.“ Und was die Gedenkstätte auf keinen Fall wünsche, ist, den Grenztruppen ein Denkmal zu setzen. Für Florian Brauer, der ein Mann der drastischen Worte, hieß das: „Die lehnen meinen Realitätskram ab, so wie ich deren Modernitätsscheiß hasse.“

Bonn stellt das Modell aus

Die Enttäuschung war groß, ist aber mittlerweile einer gewissen Schadenfreude gewichen. Denn was die drei Künstler damals noch nicht wussten: Bonn, genauer das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, griff ein Jahr später zu. Auf der Suche nach Exponaten für die mittlerweile am 21. Mai dieses Jahres in Bonn gestartete Ausstellung „Bilder im Kopf – Ikonen der Zeitgeschichte“ war Elke Mittmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Bonner Museums, über das Pressearchiv auf die Brauers und ihre Idee der Mauerspringer-Skulptur gestoßen.

Sie nahm Kontakt auf. Mit dem Ergebnis, dass das kleine 30 Zentimeter große Mauerspringer-Modell nun bis zum 11. Oktober in Bonn und anschließend im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig zu sehen ist.

„Uns geht es nicht um Fragen des Gedenkens. Die Haltung des Senats und der Gedenkstätte kann man durchaus teilen. Uns geht es um die Rezeptionsgeschichte von Bildern, um die Frage, in welchen Kontexten Bilder interpretiert werden“, sagte gestern Elke Mittmann. „Deswegen haben wir die Skulptur angekauft.“ So wird der Mauerspringer zum Beispiel auch in einem Post-Popart-Kunstwerk von Devin Miles oder die Sprung-Szene in einem mit dem Deutschen Filmpreis prämierten studentischen Filmprojekt der Akademie Baden-Württemberg, das mit einem Werbespot für Bier wirbt, dargestellt.

Doch damit endete die Geschichte der Brauers und ihres Mauerspringers noch nicht. Die Brauer-Brüder ließen nicht locker, um ihre ursprüngliche Idee umzusetzen. Und fanden in dem Potsdamer Investor Dirk Bösel einen Unterstützer. Bösel, der nach Angaben der Brauers an der Bernauer Straße 32 zwei Bauprojekte vorbereitet, gestattet auf dem privaten Grundstück das Aufstellen der bereits von den Brauers aus Hartschaumresten angefertigten 1,80 Meter hohen Skulptur des Mauerspringers. Und das kostenfrei. Über die Information auf dem Bauschild an der Bernauer Straße waren die Brauers auf den Unternehmer gestoßen.

Am Freitag um 12 Uhr soll das Kunstwerk, unweit des Sprungortes nun aufgestellt werden und dort bis zum Frosteinbruch Mitte November verbleiben. „Nun können die Japaner ihre Kameras zücken. Und wir wollen mal sehen, was mehr Aufmerksamkeit erregt, unser Mauerspringer oder der Informationspavillon der Gedenkstätte“, sagt Florian Brauer.

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