Berlins historische Mitte

Die Petrikirche soll wiederauferstehen

Einst stand am Gertraudenplatz in Mitte Berlins höchstes Bauwerk, die St. Petrikirche mit ihrem 96 Meter hohen Turm. 1960 wurde mit dem Abriss des im Krieg stark beschädigten Gotteshauses begonnen. Nun gibt es Pläne, die Kirche wieder aufzubauen - allerdings nicht unbedingt in ihrer alten Form.

Auf der sechsspurigen Gertraudenstraße quälen sich täglich rund 45.000 Fahrzeuge durch die Innenstadt. Ausgerechnet an dieser autobahnartigen Straße soll nach dem Willen des Senats ein Stadtplatz wieder erstehen, der zu den ältesten Adressen Berlins gehört.

Wie dieser aussehen soll, darüber gibt es unterschiedliche Vorstellungen. Während die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ein archäologisches Museum sowie ein Büro- und Geschäftshaus vorsieht, soll nach einem Beschluss des Gemeindekirchenrates der fusionierten St. Petri-St. Marien-Gemeinde auf dem Platz wieder ein Gotteshaus gebaut werden. Schließlich stand hier einst Berlins höchstes Bauwerk, die St. Petrikirche mit ihrem 96 Meter hohen Turm. Nun wird nach einer Lösung gesucht, die allen Ansprüchen gerecht wird.

Angesichts der aktuellen Situation gehört heute viel Fantasie dazu, sich an dieser unwirtlichen Stelle einen belebten Platz mit Kirche vorzustellen. "Wer den Mut aufbringt, die Strecke entlang der Leipziger und Gertraudenstraße zu Fuß zu bewältigen, wird weder auf historisch bedeutsame Gebäude noch auf einladende Restaurants, Cafés oder attraktive Läden treffen", beschreibt der frühere Senatsbaudirektor Hans Stimmann die aktuelle Situation. "Die Strecke durch die ältesten Teile Berlins hat den Charme einer Stadtautobahn, die durch eine Großsiedlung führt - nur ohne Lärmschutzwände."

Entwürfe von fünf Architekten

Um der geschichts- und strukturlosen Autotrasse etwas entgegenzusetzen, hat Stimmann fünf befreundete Architekten gebeten, eine neue Petrikirche zu entwerfen. Die Entwürfe von Romano Burelli, Hans Kollhoff, Christoph Sattler, Natascha Meuser sowie Petra und Paul Kahlfeldt "sollen nichts vorwegnehmen, sondern zum Nachdenken anregen und zur erhofften Revision erinnerungsloser Stadtbaukunst anregen", so Stimmann in seinem am 1. Juni erscheinenden Bildband "Berliner Altstadt. Von der DDR-Staatsmitte zur Stadtmitte" (Verlag Dom Publishers, 38 Euro). Die Kirche, ist Stimmann überzeugt, könnte eine wichtige Funktion für den Platz übernehmen: Sie würde der "heute penetrant dominierenden Straßentrasse" ein architektonisches Zeichen entgegensetzen.

Auf dem Petriplatz erinnert lediglich noch eine Informationstafel an die vermutlich insgesamt fünf Kirchen, die an diesem Ort nacheinander vom 13. Jahrhundert an standen. Die letzte Petrikirche wurde 1852 vollendet, die Ruine der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kirche am Sonntag, dem 24. Mai 1964, gesprengt. Dass es nunmehr Zeit für eine sechste Petrikirche an diesem Ort ist, findet nicht nur der ehemalige Pfarrer Gerhard Boß, der die Sprengung damals mit seiner Pentax dokumentierte: "Das Zentrum Berlins verlor mit der St. Petrikirche nicht nur ein historisches Gebäude", sagt der 77-Jährige. Der Stadt ging auch ein lebendiger Ort verloren.

Mit dieser Auffassung steht Boß nicht allein. Der Gemeindekirchenrat der fusionierten St.Petri-St.-Marien-Gemeinde hat bereits vor einigen Monaten beschlossen, den Neubau einer Kirche an diesem historischen Platz zu befördern - auch wenn das aufgrund der Grundstücksverhältnisse schwierig werden dürfte. "Wenn an diesem Ort wirklich etwas Neues entstehen soll, wollen wir als Gemeinde mitreden", sagt sein Amtsnachfolger, der Pfarrer Gregor Hoberg (41).

750 Jahre lang ein Kirchenort

Schließlich sei hier 750 Jahre lang ein Kirchenort gewesen. Hoberg war gerade in Zürich, um sich die Entwürfe von 36 Studenten anzuschauen, die unter Anleitung ihres Professors Hans Kollhoff ebenfalls Vorschläge für eine neue Kirche erarbeitet haben. "Ich bin gespannt auf die Vorschläge der renommierten Architekten", sagt Hoberg. Bisher kenne er nur den kollhoffschen Entwurf. "Kollhoffs Idee, einen Turm als Kirche im Stile einer weiterentwickelten Gotik zu bauen, gefällt mir sehr gut", sagt Hoberg.

Die Gemeinde, so Hoberg, wolle sich auch finanziell an dem Projekt beteiligen. In welcher Form und vor allem in welcher Höhe, sei jedoch noch genauso offen wie die Nutzungsfrage. "Klar ist nur, dass wir hier nicht einfach eine Kirche für die Gemeinde hinsetzen wollen", sagt der Pfarrer. Der Gemeinde mit ihren 3000 Gliedern reiche da die Marienkirche am Alexanderplatz durchaus. "Wir denken eher an einen besonderen Kommunikationsort, den die Innenstadt auf jeden Fall dringender braucht als noch ein weiteres Hotel."

Derzeit ist das Areal der fünf Petrikirchen von Bauzäunen umstellt. Seit März 2007 wird am Petriplatz, dem Gründungskern von Alt-Cölln, unmittelbar an der Kleinen Gertraudenstraße, Brüder- und Breiten Straße im Vorfeld der geplanten Neugestaltung des Platzes und des Umfeldes gegraben. Eine Ausstellung am Bauzaun informiert über Geschichte und künftige Planung.

Bereits 2900 Gräber haben die Archäologen an der 1285 erstmals namentlich erwähnten Kirche gefunden und Tausende Skelette geborgen. In diesem Jahr wird dann im Bereich der Brüderstraße nach weiteren Spuren der Petrikirche gesucht. Wenn die Archäologen mit ihrer Arbeit fertig sind, soll die Umgestaltung starten.

Senat plant ohne Kirche

Auch der Senat will den Petriplatz als Stadtplatz wieder beleben. Eine neue Kirche indes ist nicht Teil der Senatspläne. "Die Gemeinde ist mit ihrer Idee bislang noch nicht an uns herangetreten", so die Leiterin des Hauptstadtreferats bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Annalie Schoen. Nach den derzeitigen Planungen sollen zwei landeseigene Grundstücke am Platz durch einen Bebauungsplan langfristig gesichert werden: "Zur Breiten Straße hin wäre hier Platz für ein Büro- und Geschäftshaus. An der westlichen Seite, dort wo das alte Gebäude steht, könnten wir uns ein archäologisches Zentrum vorstellen, wo die bedeutenden Funde, die wir hier gefunden haben, ausgestellt werden könnten", sagt Schoen. Zudem sei eine Verschwenkung der Brüderstraße nach Osten geplant. "Die Pläne der Kirchengemeinde würden insoweit mit unseren kollidieren, als dass sie dort, wo sich die archäologische Fundstätte befindet, ihre Kirche bauen wollen."

Möglicherweise ließen sich jedoch beide Anliegen vereinen. "Wir werden das Gespräch mit der Gemeinde suchen", sagt die Stadtplanerin. Ein Gestaltungswettbewerb, der demnächst in Auftrag gegeben werden solle, könne dann ja Vorschläge für eine gemeinsame Nutzung liefern.

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