Kriminalität

Was eine Polizistin täglich in Kreuzberg erlebt

Zwischen Dealern, Obdachlosen und Partygängern: Auf den Straßen in SO 36 in Berlin-Kreuzberg spielen sich jeden Tag Dutzende Dramen ab. Es ist das Revier von Polizeiobermeisterin Janina L. Morgenpost Online hat sie in ihren Schichten begleitet.

Die Zeit reicht nur für einen schnellen Schluck aus der Wasserflasche. "Kotti unten, erschleichen von Leistung, Täter wird festgehalten", ruft der Polizist in den Aufenthaltsraum der Wache. Polizeiobermeisterin Janina L. springt auf. Im zügigen Schritt geht es vor die Tür des Polizeiabschnitts 53. Ihr Kollege sitzt bereits im Auto. Abfahrt.

Montag, 10.02 Uhr. Janina L. steuert den Wagen in Richtung Kottbusser Tor. Ohne Martinshorn und Blaulicht. Ein Schwarzfahrer wurde erwischt, jemand hält ihn fest. Zwei Minuten später meldet sich die Zentrale über Funk: "Einsatz abbrechen, Täter geflüchtet!"

Doch die Polizistin und ihr Kollege erhalten sofort einen neuen Auftrag: Scheibenwischer-Mafia am Kottbusser Tor vertreiben. "In diesem Tempo wird es bis Schichtende 17 Uhr weitergehen", sagt Janina L. "Willkommen auf Streife im Kiez SO 36."

Der Bereich von Janina L. zieht sich von der Oberbaumbrücke bis zum Mendelssohn-Bartholdy-Park und vom Paul-Lincke-Ufer bis zur Köpenicker Straße. Die Bielefelderin liebt Kreuzberg seit ihrer Kindheit. Seit dem 14. Lebensjahr verbrachte sie die Ferien bei ihrer Tante im Kiez. Die Menschen, die Atmosphäre, das Durcheinander zieht sie an. Eigentlich wollte sie nach der Schule studieren, aber sie ging zur Behörde. "Die Stadt war dabei meine Wahl, nicht die Polizei."

10.30 Uhr, über die Kreuzung hallt ein Warnruf: "Heyahey". Für die rumänischen Fensterputzer, das Signal zum Rückzug. Beim Anblick des Streifenwagens flüchten sie. "Nicht alle rennen. Es gibt einige, die kommen auf uns zu und betteln um Geld", sagt Janina L.

Über Funk ertönt der nächste Auftrag. "Manteuffelstraße, eine Anruferin hat verdächtige Pakete im Gebüsch gefunden." Die Polizistin wendet ihren Wagen, Funkname 534. "Man weiß nie, was hinter solchen Einsätzen steckt", sagt sie. Eine Bombe? Drogen? Müll? Die Polizistin hat viel erlebt in den vergangenen Jahren. Verrücktes. Gefährliches. Trauriges. Jeden Tag spielen sich Dutzende Dramen in ihrem Revier ab, verursacht durch Hunderte der 65 000 Einwohner. Der Ausländeranteil in SO 36 liegt bei über 30 Prozent. Jugendarbeitslosigkeit und Armut sorgen täglich für Konflikte im Zeitungsviertel. "Kreuzberg bietet einsatztechnisch alles - außer Nazis", sagt Janina.

10.35 Uhr. Vor einem Altenheim wartet die Hausmeisterin. Sie zeigt den Beamten eine weiße Plastiktüte, die sie in der Rabatte beim Harken entdeckt hat. Darin liegen drei verschnürte Päckchen. "Neulich habe ich hier eine Pistole ausgegraben", sagt die Türkin. Janina L. sichert den Fund. Es geht zurück zum Abschnitt in die Friedrichstraße.

11.30 Uhr. Zwei Sätze kann die Polizistin in den Computer schreiben, dann stürzt ihr Chef ins Zimmer. Über ihnen, auf der Meldestelle, ist ein Mann, der mit Haftbefehl gesucht wird. Janina und ihre Kollegen ziehen sich schwarze Lederhandschuhe über. "Jetzt geht mir der Puls hoch", sagt sie. Etwas außer Atem spricht sie den Gesuchten an und greift zu. Die Überrumpellungstaktik wirkt. Der Obdachlose wollte einen neuen Ausweis, bekommt aber Handschellen. Janina durchsucht seine Taschen. Feuerzeug, Teleskopschlagstock, Schlagring. Kollegen bringen den Mann in die Zelle.

11.55 Uhr. Schreibarbeit zum Drogenfund. Die Päckchen müssen danach zum Landeskriminalamt am Tempelhofer Damm. Dort werden sie untersucht. Das Ergebnis: Haschischplatten. Jede von ihnen 430 Gramm schwer. Straßenverkaufswert: etwa 10.000 Euro. "Da haben wir jemandem den Tag richtig versaut", sagt Janina L.

Solche Sätze sind selten. Die 26-Jährige ist höflich und wird es immer mehr, umso unhöflicher ihr Gegenüber ist. Ab einem bestimmten Punkt aber weicht ihre freundliche Art einer Bestimmtheit, die vermuten lässt, dass Janina L. keinen Spaß mehr versteht. Dann funkeln ihre Augen, die Wangen färben sich rot, und ihre Hand geht zur Pfefferspraydose am Gürtel. Wie beim nächsten Einsatz.

Meistens sind diese Leute sturzbetrunken

12.10 Uhr, die Zentrale meldet eine "Hilope" vor einem Supermarkt in der Köpenicker Straße. "Hilope" steht für hilflose Person. "Meistens sind diese Leute sturzbetrunken, mitunter aggressiv", sagt die Polizistin. Der Mann mit dem Zauselbart - ein Magdeburger auf Trebe - schläft unter Bäumen. Er will seine Ruhe. Janina L. hilft ihm auf, er schimpft, stinkt und hat eingenässt. Aber er kann gehen. Einsatzende.

Es knackt im Funkgerät. 12.41 Uhr, ein neuer Auftrag. Zielort: "Oranienstraße 158, vor der Apotheke". Ein Passant ist in einer weißen Subsatz ausgerutscht. Zehn Minuten später ist klar, dass dort Milch in den Boden sickerte. Die Flasche liegt am Bordstein. Der Anrufer ist weg. "Und dafür holt man die Polizei?" Janina schüttelt den Kopf.

Mittag in Kreuzberg. Das Funkgerät ist seit wenigen Minuten stumm. Wagen 354 biegt in die Graefestraße ein. Ziel ist das "King of Falafel". Als der Koch den Wrap in Silberpapier wickelt, steht der Kollege von Janina L. in der Tür. "Hilope nach Btm-Missbrauch". Polizisten lieben Abkürzungen. Diese steht für: Eine Person hat Drogen genommen und ist jetzt hilflos. Die Fahrt geht zum Gröbenufer.

Vor der Haustür steht der Notarzt. Er gibt Entwarnung. "Der Patient hat seit drei Tagen keine Drogen genommen, deshalb geht's ihm nicht so gut." Janina ist froh, dass der Süchtige lebt. Mit dem Tod hat sie schlechte Erfahrungen.

Als Hospitantin kam sie zum Abschnitt 53 - und blieb

"Schlimm sind Suizide", sagt die Polizistin, "schlimmer aber noch sind die Lebensgeschichten dazu". Wie im Fall der Rentnerin, die sich kürzlich aus der zweiten Etage stürzte. "Als wir klingelten, dachte ihr Ehemann, sie schläft noch auf der Couch." Auf dem Tisch im Wohnzimmer hatte die Frau zuvor ihre Bestattungsunterlagen ausgebreitet, ihre Hausschuhe standen ordentlich nebeneinander, gleich unter dem Fenster. "Der Mann erzählte von ihrem Leben. Ich war nur noch am Schlucken", sagt Janina L.

Die Sonne spiegelt sich in der Spree. Die 26-Jährige blinzelt über das Wasser. Seit zehn Jahren ist sie bei der Polizei, mit 17 fing sie dort an. Drei Jahre diente sie in einer Hundertschaft, als Hospitantin kam sie zum Abschnitt 53. Und blieb. "Die Arbeit hier ist Stress pur", sagt sie. "Am Ende des Tages bekommt man nicht mehr auf die Reihe, was alles erledigt wurde."

Das Funkgerät piept. Die Aufträge kommen jetzt im Minuten-Takt: 15.55 Uhr, Buschbrand im Böcklerpark - gelöscht. 16.12 Uhr, Fußstreife im Görlitzer Park - Dealer vertreiben. 16.25 Uhr, Fußstreife U-Bahnhof Schönleinstraße - Rauschgifthändler aufschrecken. Als sie wieder in ihr Auto steigen, wirft die Polizistin die Wischanlage an. Jemand hat auf die Frontscheibe gespukt. Die Rache der Vertriebenen.

"Wagen 354, bitte in die Skalitzer, Dieb bei Kaisers." Es ist 17 Uhr, ein junger Pole mit Angst in den Augen sitzt im Büro des Ladendetektivs. Vor ihm stehen zwei Wodkaflaschen und ein Duschbad im Wert von 30,97 Euro. Der Jugendliche aus Küstrin muss am nächsten Tag vor den Richter, über Nacht bleibt er in Gewahrsam. Janina L. lässt die Handschellen um seine dünnen Arme klicken. Das Handy klingelt, es ist ihr Freund. Er wartet in Hoppegarten. "Kann noch dauern, ein, zwei Stunden", sagt sie, "so ist halt mein Job".

Mittwochnachmittag. Die Spätschicht beginnt für die Polizeiobermeisterin um 16.45 Uhr. Umziehen, Waffe holen, Schluck aus der Wasserflasche. Es geht los. 17.08 Uhr, "Hilope" am Kotti - Einsatz storniert, "Hilope" weg. 17.30 Uhr, Görlitzer Park, Fußstreife - eine Gruppe Schwarzafrikaner flüchtet in alle Richtungen. 18 Uhr, ein Radfahrer ist in der Alexandrinenstraße fast von einem Abschlepper überfahren worden. Dann meldet die Funkzentrale eine Körperverletzung. In der Falkensteinstraße wartet eine Radfahrerin. Sie wurde geschlagen. Der Täter randaliert in einer Kneipe.

19.15 Uhr, Janina spricht mit dem Opfer. Die Frau mit dem Bluterguss auf der Wange ist Kolumbianerin und versteht kaum Deutsch. Der Täter kommt aus Wolfen, ist 1,90 Meter groß, betrunken, trägt Armeejacke und Cargohose. Ein Atem-Alkoholtest ergibt 1,8 Promille. Die Frau hatte ihr Rad an der Kneipe vorbei geschoben. Der Mann stürmte heraus, schlug zu. Einfach so. Das berichten drei Zeugen. "Was soll das mit den Handschellen, verpiss dich!", raunt der Hüne Janina L. an. Sie kann ihn beruhigen. Ihre Augen funkeln, die Wangen sind gerötet. Sie war höflich, jetzt ist sie bestimmt. Der Schläger kommt in Gewahrsam, die Anzeige steht. "Ich mache viel Präventionsarbeit mit Kindern, das ist das Gute an meinem Job", sagt Janina. "In ihre Augen zu sehen hilft, das Böse von der Straße vergessen zu machen."

Schluss mit Lustig: Die Herren-Party wird aufgelöst

Zumindest für einen Moment. 20.30 Uhr, in der Oranienstraße will eine Kiezgröße mit Holzbein die Wohnung einer Frau nicht verlassen. 21.10 Uhr, in der Ritterstraße hört eine Nachbarin Kinderschreie aus einer Wohnung. 22.45 Uhr, Schlägerei am Anhalter Bahnhof. 23.50 Uhr, Araber bedrohen den Inhaber eines Spätkaufs in der Lindesstrasse mit Messern. 00.01 Uhr, Diebstahl auf einem Bahnsteig am Kotti. Einige von Janina Ls. Kollegen sind seit über 30 Jahren in SO 36 eingesetzt. "Der Abschnitt ist nicht meine Enddienststelle", sagt die 26-Jährige. Sie will noch studieren und später ganz in die Prävention wechseln.

"Gleich werden wir so viel Polizisten sehen, wie den ganzen Tag nicht." Es ist 1.35 Uhr, über Funk haben Kollegen aus dem Viktoriapark um Hilfe gerufen. Der Korpsgeist reißt sämtliche Kollegen der Wache von den Stühlen hoch. Alles fliegt in Richtung Golgatha-Bar. Vor Ort ist die Situation bereits geklärt. 40 Beamte umzingeln 50 betrunkene Teenager. Es gab Streit, die Lage hat sich entspannt.

1.55 Uhr, Ruhestörung in der Wassertorstraße. Der Gastgeber der Herren-Party gelobt Besserung. 2.30 Uhr, Ruhestörung in der Wassertorstraße. Die Herren-Party wird aufgelöst.

Der Schichtwechsel naht. Janina L. fährt ihren Wagen in den Görlitzer Park. Im Licht der Scheinwerfer flüchten Dutzende Karnickel über den Rasen. Die Polizistin geht plötzlich auf die Bremse: Das Tor zum Fußballfeld steht offen. Der Zaun wackelt verdächtig. Es ist 2.55 Uhr. "Um diese Zeit und an diesem Ort, muss man mit allem rechnen." Ihre Hand geht zum Gürtel.

Mit der Taschenlampe entdeckt sie einen Mann auf der Zaunspitze. Langsam steigt er herab, kratzt sich am Kopf. Am Draht, in zwei Meter Höhe, hängt ein Transparent. "Lena, ich liebe dich!" Seine Freundin wohne auf der anderen Straßenseite, sagt der Mann. Janina L. lächelt. "Weitermachen", sagt sie, steigt in den Wagen und legt den Rückwärtsgang ein. "Schade, dass ich nicht Lena heiße."

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