Sternekoch

Tschüss, Adlon - Tim Raue geht nach Kreuzberg

Die schlechte Nachricht: Spitzenkoch Tim Raue (36) verlässt Ende Juni das Sterne-Restaurant „Ma" der Adlon-Holding an der Behrenstraße in Mitte. Die gute Nachricht: Der exzentrisch-kreative Küchenchef bleibt Berlin mit seiner stark asiatisch inspirierten Küche erhalten. In der Nähe vom Checkpoint Charlie wird Raue gemeinsam mit seiner Ehefrau sein erstes eigenes Restaurant eröffnen.

Foto: Amin Akhtar

An seiner neuen Wirkungsstätte an der Rudi-Dutschke-Straße 26, inmitten des historischen Zeitungsviertels und unweit vom Checkpoint Charlie, will der gebürtige Kreuzberger in seiner alten Heimat den Neuanfang wagen. Nach Angaben von Raue sollen ihm das kulinarische Konzept des „Ma“ und ein Großteil seiner Küchen- und Service-Mannschaft gen Kreuzberg folgen. Das dürfte den Start, der für Ende August geplant ist, erleichtern. Denn Raue plant in seinem neuen Restaurant – zumindest kulinarisch – eine Kopie des „Ma“. Lediglich die Inneneinrichtung in den bis zu zehn Meter hohen Räumen des typischen Berliner Gewerbebaus von 1917 soll mondäner, weltstädtischer als im „Ma“ werden.

Dass Raue die Adlon-Holding verlässt, wo er seit zwei Jahren als kulinarischer Direktor für das „Ma“, „Uma“, „Gabriele“ und „Felix“-Clubrestaurant zuständig war, deutete sich schon Ende 2009 an. Denn bei der Vergabe der begehrten Sterne der Michelin-Tester erhielt Raue – für ihn enttäuschend – erneut nur einen Stern. Allein die Aussicht, als „Hoffnungsträger für zwei Sterne“ in diesem Jahr nominiert zu sein, war dem ehrgeizigen Küchenchef wohl zu wenig, zu lang und – wohl auch unter den schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen der Adlon-Holding – zu vage. Dort musste Raue, der beim Einkauf seiner exquisiten Produkte gern aus dem Vollen schöpft, mit Beschränkungen rechnen.

Denn der Gastro-Bereich auf der Rückseite des noblen Hotels Adlon gilt als defizitär. Deshalb haben auch die 5000 Anleger des „Fundus-Fonds 31“ im März zähneknirschend bis 2011 auf Pachtzahlungen von der Adlon-Holding über insgesamt 2,3 Millionen Euro verzichtet. Thomas Fritsch, der als Anwalt 150 Anleger vertritt, prophezeite: „Selbst wenn die Adlon-Holding von 2012 an wieder Pachtzahlungen leisten sollte, wird der Fonds keine Ausschüttungen tätigen können.“

Für Fritsch sind die Probleme der Holding „schwer verständlich“: „Gerade die Restaurants müssten brummen.“ Er forderte deshalb, dass Fundus zum Wohl der Anleger einen neuen Betreiber suchen müsse. Unter dem massiven Druck der Anleger wirkt der Weggang Raues wie ein Befreiungsschlag der Holding, um dort künftig weit kostenbewusster wirtschaften zu können. Wenn gemeinsam mit Tim Raue wie angekündigt auch Küchenchef Steve Karlsch (17 Gault-Millau-Punkte) das „Ma“ verlässt, ist für das künftig nur noch unter dem Namen „Uma“ firmierende Großrestaurant kaum noch Sterne-Niveau zu erwarten. Was aber auch nicht unbedingt sein muss, denn mit dem „Gabriele“ und dem „Lorenz Adlon“ wird es weiterhin zwei Sterne-Restaurants im Hause geben.

Ob für Raue die Zeit reichen wird, um auf Anhieb erneut einen Stern zu ergattern, wird sich zeigen. Bei einem Start im Spätsommer schon im Herbst gar zwei Sterne zu erwarten, scheint illusorisch. Die muss sich selbst der von der Kritik bislang verwöhnte Raue erst erarbeiten. Und ob dies für ein Restaurant ohne finanzkräftiges Hotel im Hintergrund erstrebenswert und wirtschaftlich sinnvoll ist, darf bezweifelt werden.

Sterne-Koch Kolja Kleeberg brachte es im Magazin „Effilee“ auf den Punkt: „Der Qualitätsunterschied zwischen einem Zwei- und einem Drei-Sterne-Restaurant beträgt vielleicht zehn Prozent, macht aber 90?Prozent mehr Arbeit.“ Das Zeug zum Drei-Sterne-Koch hätten sicher zahlreiche der hiesigen Sterne-Köche. Doch der Aufwand und das damit verbundene unternehmerische Risiko ist vielen zu groß. Vielleicht gilt Berlin auch deshalb als die Stadt der ungekrönten Drei-Sterne-Köche.

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