Erbe der Bauausstellung

Stararchitekten kämpfen für den Kreuzberg-Turm

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Sabine Gundlach

Foto: Amin Akhtar

Zur Internationalen Bauausstellung 87 hat der amerikanische Architekt John Hejduk in Kreuzberg seine Vision vom sozialen Wohnungsbau verwirklicht. Sein Komplex mit dem markanten Wohnturm gilt heute als Ikone der Postmoderne. Dieser soll nun verändert werden. Baumeister aus aller Welt protestieren.

Aufruhr in der internationalen Architektengemeinschaft. Die geplanten und teilweise schon in Angriff genommenen Veränderungen an dem sogenannten „Kreuzberg Turm“ des bedeutenden US-Architekten John Hejduk rufen in Berlin sowie weltweit bekannte Baumeister auf den Plan. So protestieren neben Architekten wie Jan Kleihues oder Matthias Sauerbruch auch amerikanische Baukünstler wie Peter Eisenman oder Daniel Libeskind gegen den Eingriff in das Werk von John Hejduk.

Die Tochter des im Jahr 2000 verstorbenen Architekten, selbst eine anerkannte Architekturhistorikerin in den USA, hat sich jetzt mit einem Schreiben an die Morgenpost gewandt, in dem sie für den Erhalt des Erbes ihres Vaters plädiert. „Die Veränderungen, die der Eigentümer plant, verändern die komplette Idee des Gebäudes und zerstören ein wichtiges Werk der späten Moderne“, schreibt Professorin Renata Hejduk aus Arizona.

Ikone der Postmoderne

An der Charlottenstraße 96-98/Ecke Besselstraße realisierte John Hejduk im Rahmen der renommierten Internationalen Bauausstellung (IBA) in Berlin 1987 seinen Entwurf für einen sozialen Wohnungsbau-Komplex. Der 14-Geschosser mit zwei zur Seite gestellten fünfstöckigen Mietshäusern, damals „Wings“ (Flügel) genannt, mag äußerlich nicht gängigen Schönheitsattributen entsprechen, gilt aber gleichwohl als Ikone der Postmoderne und bautypologisch herausragendes Werk seiner Zeit.

Der Wohnturm in Kreuzberg, der mit seinen sieben zweigeschossigen hellen Wohnungen zunächst als Atelierhaus für Künstler geplant war, steht für Hejduks späte Entwürfe. Sie offenbaren seine Faszination von geometrischen Formen und das Spiel mit Metaphern. So erscheinen beispielsweise die grünen Überdachungen der kleinen Balkone wie Augenlider, die Flügelgebäude des Ensembles wirken so wie ein Gesicht. Hejduks Entwurf widersetzte sich mit den Grau- und Grüntönen bewusst vorherrschenden Trends. Das Hochhaus unweit der Mauer sollte den Mietern damals zudem Weitblick ermöglichen.

„Bruch des Urheberrechts des Architekten“

Dass das Gebäude jahrelang vernachlässigt wurde und durchaus sanierungsbedürftig ist, wird von den Initiatoren einer Petition gegen Eingriffe in die Fassade nicht bestritten. „Wir fordern aber, dass das ursprüngliche Design erhalten und nicht zerstört wird“, sagt Matthias Reese. Der Architekt und ehemalige Projektleiter beim Bau des Jüdischen Museums betrachtet die bereits erfolgte Demontage einzelner Fassadenelemente und die Veränderung des Farbtons einer der beiden Mietshäuser als „Bruch des Urheberrechts des Architekten“.

Man würde ja auch nicht hinnehmen, „wenn Mona Lisa plötzlich ein Schnurrbart ins Gesicht gemalt wird“, sagt auch Jan Kleihues. „Mein Vater (Josef-Paul Kleihues, d. Red) hat als Direktor der IBA in den 80er-Jahren viele internationale Architekten wie Hejduk, Rossi oder Sterling nach Berlin gebracht“, erinnert Kleihues, der im Übrigen selbst viele Jahre in dem Wohnturm lebte und die offen gestaltete Wohnung sehr geschätzt hat.

Bei dem Protest ginge es nicht nur um den Schutz für einen der wenigen realisierten Bauten ihres Vaters, sagt Renata Hejduk der Berliner Morgenpost. „Es geht auch um den Schutz aller Bauten der IBA, die von den wichtigsten Architekten des 20. Jahrhunderts realisiert wurden“.

Umabauarbeiten vorläufig eingestellt

Die Eigentümerin des Gebäudeensembles hat offenbar aufgrund des weltweiten Protestes unterdessen die Arbeiten vorläufig eingestellt. Zu einer Stellungnahme war jedoch keiner der Geschäftsführer der Berlinhaus Verwaltung GmbH persönlich zu erreichen. Stattdessen erreicht uns ein Fax. In dem betont die Eigentümerin, sich als verantwortungsvolles Unternehmen zu verstehen, „das Sanierungsmaßnahmen nicht nur zur Werterhaltung und Wertsteigerung durchführt, sondern sich der Interaktion solcher Maßnahmen mit dem Umfeld und dessen besonderen Gegebenheiten bewusst ist.“

Man führe bereits erste Gespräche, um einen Konsens zu finden. Renata Hejduk hat bereits Anfang des Jahres Kontakt zu dem Unternehmen gesucht. Es scheint, die Berlinhaus GmbH hat erst jetzt nach dem weltweiten Protest realisiert, welche Bedeutung den Wohnkomplex baugeschichtlich auszeichnet. „Offenbar war das der Eigentümerin nicht bewusst“, sagt Matthias Sauerbruch. Der Architekt des Büros „Sauerbruch Hutton“ plädiert angesichts weiterer anstehender Sanierungen von Bauten der 80er-Jahre für eine Kennzeichnung des IBA-Erbes.

Wohnen nicht mehr sozial

Die Mieter des Kreuzberg-Turms plagt zudem noch ein ganz anderes Problem, das bei der Architekturdebatte ein wenig untergeht – die Mieterhöhung. Vor acht Jahren betrug die Warmmiete für die zweigeschossige Wohnung im Turm noch knapp 600 Euro. Seit vergangenem Jahr müssen die Mieter für ihre knapp 80 Quadratmeter bereits bis zu 982 Euro Warmmiete zahlen. Auch die soziale Idee des Gebäudes scheint Vergangenheit.