Berliner Kaufhaus-Erpresser

Warum Arno Funke nicht mehr "Dagobert" sein will

Heute vor 15 Jahren löste die Berliner Polizei einen ihrer spannendsten Fälle. Zwei Jahre lang spielte der Kaufhaus-Erpresser Arno Funke mit den Ermittlern Katz und Maus. Mit seinen Tricks verblüffte "Dagobert" sowohl die Berliner als auch die Fahnder. Heute ist Funke froh, dass er schließlich doch gefasst wurde.

Foto: Amin Akhtar / Akhtar

"Nicht heute. Verflucht, bloß nicht heute. Wir sind doch so nah dran. Endlich.“ Andreas Grosser steuert seinen Dienstwagen vom Steglitzer Augustaplatz. „Ausgerechnet heute.“ Mit im Wagen sitzen drei Kollegen. Sie ahnen, was in ihrem Teamführer vorgeht, ihnen geht es ja ähnlich. Grosser, ein ohnehin eher ruhiger Beamter, ist heute noch stiller als sonst. Nur die weißen Stellen an seinen Fingergelenken verraten, dass er das Lenkrad des dunklen VW Passat beinahe zerdrückt. Es ist der 22. April 1994.

Seit zwei Jahren haben die Angehörigen der Spezialeinheiten der Berliner Polizei auf diesen Tag gewartet. Das Spezialeinsatzkommando, die Präzisionsschützen, die Männer und Frauen des Mobilen Einsatzkommandos, sie alle haben seit dem Juni 1992 ein Phantom gejagt. Sie haben sich die Nächte um die Ohren gehauen, als gäbe es kein Morgen. Sie haben Telefonzellen observiert, hundertfach. Sie haben Konzepte geschrieben, sie verworfen und sich wieder etwas Neues ausgedacht. Sie haben versucht, sich in die Person des Täters zu versetzen, sind unscheinbarsten Spuren gefolgt. Sie haben nicht aufgegeben, sondern wieder von vorn angefangen, um endlich den Mann zu fangen, der sich selbst nur Dagobert nennt. Über den die Republik spricht, die Presse spekuliert, dem die Gangster in den Gefängnissen Respekt zollen, weil er immer wieder entkommt.

Und jetzt, endlich, so scheint es jedenfalls, geht der Sack zu. Sie haben einen Namen. Arno Funke. Wie profan. Irgendwie hatte man Klangvolleres erwartet. „Er könnte aber auch Meier oder Schultze heißen, Hauptsache, der Spuk hat bald ein Ende, wir kriegen ihn“, denkt sich Grosser. Aber heute? Ausgerechnet heute? Der 35-jährige Kriminalhauptkommissar ist einer von vier Teamführern des Berliner MEK. Er hat kaum geschlafen in der Nacht zuvor, so angespannt war er. Arno Funke. Das musste er sein. „Dagobert“.

Und dann kam tatsächlich ein Auftrag an diesem Freitagmorgen, ein wichtiger Auftrag, keine Frage. Aber eben nicht der Auftrag, den er und seine Leute herbeigesehnt hatten. Statt endlich Dagobert zu stellen, den Kaufhauserpresser, soll Grosser mit seinen Leuten in Lichtenberg einen mutmaßlichen Doppelmörder beobachten. Ein Observationsauftrag, wichtig, na klar. Aber heute? Es war zum Mäusemelken.

Immer neue Lügen

Das heiße Wasser verwandelt die Dusche an diesem Freitagmorgen in ein wahres Dampfbad. Eigentlich will er hier gar nicht weg. Nicht wieder raus, nicht wieder „Dagobert“ sein. Aus dem Flur dringt die Stimme seiner Frau durch die Schwaden. „Holst Du mich heute von der Arbeit ab?“, fragt sie.

Wieder muss er lügen. Schon wieder nicht die Wahrheit sagen. Ausreden erfinden, täuschen und vor allem schweigen, immer wieder schweigen. Gerade seine Malu hat das nicht verdient. Vor fünf Jahren war ihm die Philippinin nach seinem Urlaub auf den Inseln nach Deutschland gefolgt. Hat ihm einen Sohn, Wolfgang, geschenkt, kümmert sich liebevoll um ihn. Sie lieben sich. Sie leben scheinbar glücklich in der Zweieinhalbzimmerwohnung im Ortsteil Marienfelde. Und trotzdem, er muss sie heute wieder anlügen. Er braucht doch das Geld. Für sie. Sie schaffen es sonst nicht. Er schafft es sonst nicht. So kann es doch nicht weitergehen. „Nein“, sagt Arno Funke kurz aus dem Bad heraus, „ich habe heute dienstlich in Magdeburg zu tun. Es kann sogar sein, dass ich über Nacht bleiben muss.“ „Schade, tschüs, lieber Schatz!“ Sie verbirgt ihre Enttäuschung.

Die Wohnungstür fällt ins Schloss. Arno Funke steigt in seine Baumwollhosen, schlüpft, schon ein wenig entschlossener, in ein langärmeliges Hemd, greift zu einem leichten Sportschuh. Es muss endlich zu Ende sein, denkt er. So oder so. Es geht nicht mehr weiter. Es geht nicht mehr. Der Mann, den die Presse nur noch „Dagobert“ nennt, seit er selbst diesen Namen als Erkennungszeichen in einer Zeitungsannonce verwendet hat, „Dagobert sucht seine Neffen“, ist wütend. Weil es nicht voran geht. Weil seine besten Pläne scheitern, und es dauert. Und er lügt. Er wird nachlässig, er macht Fehler. Sie kriegen ihn. Oder soll er sich besser gleich selbst stellen?

Er spricht viel zu lange neuerdings, wenn er anruft bei Karstadt, um die Geldübergabe zu organisieren. Allein das letzte Gespräch war derart unprofessionell, dass er sich am liebsten gar nicht mehr daran erinnern will. Minutenlang hatte er mit einem Mann über die geheime Leitung gesprochen. Mit Horst Schröter, so nannte er sich, ganz bestimmt war er ein Ermittler. Er hatte sogar eine Weile mit ihm gewitzelt, als Schröter ihn bat, die vereinbarte Übergabe nicht wieder zu verschieben und schon gar nicht auf das kommende Wochenende. Seine Tochter wolle am Sonnabend kirchlich heiraten. Und da wolle er natürlich dabei sein.

Ob Dagobert diesen Tag nicht aussparen könne aus seinen Plänen … „Und ich dachte schon, Sie wollen mich einladen“, hatte Arno Funke geantwortet. Darauf Schröter: „Das würde ich auch sehr gerne machen, aber ich nehme an, Sie würden doch nicht kommen.“ Dann hatten sie zusammen gelacht, und Funke hatte Schröter die verlangte Rücksichtnahme zugesagt. Verrückt. Der hatte sich dann sogar noch bedankt.

„Dagobert“ gibt sich einen Ruck. Immer noch schlecht gelaunt geht er die Treppe des Mehrfamilienhauses hinunter ins Freie. Das Wetter lässt auch seine Stimmung ein wenig aufheitern. Obwohl es erst 9 Uhr morgens ist, herrscht an diesem Tag in Berlin schon sehr milde Frühlingsluft. Vielleicht klappt es ja doch. Heute. Endlich. Und wenn nicht? Noch mal lügen? Schweigen? Weiterleben ohne Geld? Immer mit der Angst im Nacken? So tun, als sei nichts? „Nein, wenn es heute nicht geht, dann werde ich mich stellen.“

Arno Funke steigt in einen kleinen Daihatsu Cuore. Während der Fahrt geht er die vor ihm liegende Prozedur in Gedanken noch einmal durch. Und noch einmal. Eine Telefonzelle suchen, anrufen, den Brief mit den genauen Anweisungen für die Geldübergabe deponieren, mit seinem Fahrrad – verdammt, das Fahrrad. Er hat es stehen lassen, angeschlossen vor einer Videothek. Wütend macht Funke kehrt, fährt zurück nach Hause. Als er das Rad einladen will, bemerkt er, dass er noch seinen Kindersitz auf der Rückbank hat. Was für ein Tag. Sitz raus, Fahrrad rein, es nervt. Arno Funke ist gestresst. Und doch bemerkt er im Augenwinkel einen dunklen Wagen. Den hat er doch eben schon mal gesehen, oder? Quatsch, ich sehe Gespenster, muntert er sich auf. Dann lenkt er seinen Wagen weiter in Richtung Treptow. Vielleicht klappt es ja doch heute. Komm schon. Dass er den entscheidenden Fehler bereits am Tag zuvor gemacht hat, das ahnt Arno Funke an diesem Freitagmorgen noch nicht.

Die Nachricht über den vielleicht entscheidenden Hinweis hatte Andreas Grosser in Euphorie versetzt. Kein Wunder nach dieser Ewigkeit, nach dieser unendlichen Sucherei nach einem Kerl, der sie immer wieder überrascht hatte. Der eine Streusandkiste ohne Boden präpariert hatte, in die das Geld abgelegt werden sollte, während er unentdeckt darunter stand. Der ihnen eine elektrische Geldtransport-Schienenlore entgegengeschickt hatte, um endlich groß abzukassieren, der eine Unterwasserseilwinde eingesetzt hatte und eine funkgesteuerte Zug-Abwurfmechanik mit Zeitschaltuhr, von der das Geld während der Fahrt vom Waggon fallen sollte – genau in „Dagoberts“ Arme. Damals waren die Kollegen dem Erpresser sehr nahe gewesen. Er war nur knapp entkommen auf seinem Fahrrad.

Für diesen Donnerstag war wieder ein Telefonat mit „Dagobert“ vereinbart worden. Überall in der Stadt waren deshalb Fahnder in der Nähe von Telefonzellen postiert worden, um dem Spuk endlich ein Ende zu machen. Aber dann hatte „Dagobert“ ausgerechnet an diesem Tag zum ersten Mal nicht aus Berlin, sondern aus einer Telefonzelle in Brandenburg angerufen, aus Potsdam. Wieder nichts.

Andreas Grosser war ziemlich genervt, als sich im Funk eine der Observationseinheiten meldete, der auf der Spanischen Allee in Zehlendorf ein Kleinwagen aufgefallen war, ein Daihatsu Cuore. Darin saß ein Mann, beinahe eingequetscht zwischen Lenkrad und einem Fahrrad, das über den Rücksitz geschoben worden war und den Kopf des Fahrers fast gegen das Armaturenbrett drückte.

Ein Fahrrad als Verräter

Routinemäßig wurde das Kennzeichen des Daihatsu überprüft, der Wagen war auf einen Autoverleih zugelassen. Sofort checkten Ermittler die Firma. Bei der Durchsicht der Bücher fällt ihnen auf, dass der Wagen schon einmal an einem Tag angemietet worden war, an dem auch ein Telefonat mit Dagobert protokolliert worden war. Und an beiden Tagen war der Kunde ein gewisser Arno Funke gewesen. Ein kurzer Datenabgleich. Das war kein „alias“-Name, einen Arno Funke gab es wirklich, samt Wohnanschrift und Familiestand. Verheiratet, ein Kind.

Von diesem Moment an wurde Funkes Haus observiert. Der Plan sah vor, den mutmaßlichen „Dagobert“ am nächsten Tag zu verfolgen und möglichst noch in der Telefonzelle zu überwältigen. Denn auch für diesen Freitag war ein Telefonat vereinbart worden, für die Zeit zwischen 10 und 11 Uhr. Es sollte erneut um die Einzelheiten der Geldübergabe gehen, inzwischen fast schon eine Routineangelegenheit für die Ermittler.

Martin Textor fährt an diesem Morgen des 22. April fröhlich ins Büro. Eigentlich ist er immer fröhlich, denn er liebt seine Aufgabe, seine Arbeit, seine Leute. Seine „Verrückten“ vom SEK, die sich zu jedem gefährlichen Einsatz freiwillig melden. Die zurückhaltenden Präzisionsschützen, die in sich gekehrt im Geiste in die Rolle von Attentätern schlüpfen, um deren Pläne zu ergründen, um dann Anschläge auf Staatsgäste oder ähnliche wichtige Personen verhindern. Die Observationsexperten des MEK, die Verwandlungskünstler, die sich als Handwerker oder Bratwurstverkäufer an die Fersen der Verdächtigen heften, ohne erkannt zu werden. Martin Textor passiert die Schranke zum Polizeigelände am Augustaplatz, wo die Spezialeinheiten ihren Sitz haben. Einen Moment denkt er an Andreas Grosser, einen seiner besten Kollegen, der nun einen anderen Auftrag übernehmen musste.

„Armer Kerl“, murmelt der alte Haudegen. Denn gerade Andreas Grosser hatte mit seinen MEK-Leuten unendlich viel investiert, um Dagobert zu kriegen. Der junge Beamte hatte das „Telefonkonzept“ erarbeitet, und Textor weiß noch ganz genau, wie er zu ihm kam und von dieser Idee sprach. Davon, dass man Dagobert niemals bei der Übergabe bekommen würde, weil er viel zu vorsichtig war.

Wenn, dann würde man diesen Kerl nur beim Telefonieren kriegen. Also hatten sie nach den Gemeinsamkeiten der Telefonzellen gesucht, die „Dagobert“ bei seinen Kontaktaufnahmen nutzte. Alle standen im Westteil der Stadt, alle waren Münzsprecher, alle hatten freie Sicht auf die Umgebung. Das Konzept war schlüssig, aber nur mit ungeheurem Personalaufwand umzusetzen. 9000 Zellen gab es im Jahr 1994 in der Stadt, alle wurden untersucht, ob sie aus Sicht des Täters in Frage kommen. 3000 kamen in Frage. Um nicht zu viele Polizisten einsetzen zu müssen, wurden Hunderte von Zellen als „defekt“ deklariert. Das war Grossers Konzept.

Es ist kurz nach 8 Uhr, als Martin Textor die Tür zur MEK-Leitstelle öffnet und seinen Stellvertreter angrinst. „Ich erwarte um 10.30 Uhr einen Anruf, in dem mir mitgeteilt wird, dass ihr ihn habt, verstanden?“, sagt er augenzwinkernd. Dann geht er in sein Büro.

Und erlebt eine böse Überraschung. Per Funk meldet sich die mit Arno Funkes Überwachung beauftragte MEK-Einheit. „Die Zielperson wurde im Straßenverkehr aus den Augen verloren. Er wird noch in Treptow vermutet.“

"Vielleicht sollte ich auch schwänzen“

Es sieht friedlich aus in Treptow an diesem Frühjahrsmorgen, ein bisschen viel Verkehr vielleicht. Na ja. Arno Funke steuert den Daihatsu an kleinen Einfamilienhäusern vorbei, an verschlafenen Schrebergärten. Ein älterer Herr bindet gerade seinen Dackel vor einer Bäckerei an, ein Schuljunge stellt sein Fahrrad ebenfalls davor ab. „Schwänzt bestimmt“, denkt sich Funke. Vielleicht sollte er auch schwänzen. Nicht telefonieren. Einfach einen Kaffee trinken. Und die Sache auf sich beruhen lassen. Wenn bloß diese Geldsorgen nicht wären. Es hat doch schon einmal geklappt. Damals, als er das KaDeWe erpresst und eine halbe Million Mark bekommen hatte.

Sie hatten schnell gezahlt, nachdem er den Sprengsatz in der Nacht hatte detonieren lassen. Wirklich sehr schnell hatten die gezahlt. Fast sechs Jahre lang hatte er die Familie danach gut ernähren können. Diesmal sollte etwas mehr her. 1,3 Millionen Mark. Doch diesmal lief es nicht einfach. Es dauerte. Es klappte nicht. Sie versuchten, ihn an der Nase herumzuführen. Ständig saß er in der Bredouille. Die Übergaben scheiterten. Ein selbst gebauter Sprengsatz detonierte zur falschen Zeit in einer Karstadt-Filiale.

Seitdem galt er gar als skrupellos. So ein Quatsch. Wenn die nicht zahlten, musste er doch ein Zeichen setzen. Verletzten wollte er niemanden. Es muss jetzt zu Ende gehen. So. Oder so. Arno Funke setzt den Blinker und biegt hinter einem Wäldchen nach links ab in eine kleine Siedlung. Dort entdeckt er eine Telefonzelle, versteckt hinter ein paar Bäumen. Er parkt seinen Wagen einige Meter weiter, läuft eilig zurück. Es ist 10 Uhr.

Funke nimmt den Hörer ab, kein Freizeichen. Die Zelle ist defekt. Schon wieder. Der Hörer kracht scheppernd auf die Gabel, Funke läuft zu seinem Wagen zurück. Er fährt jetzt rastlos durch die Straßen, scheinbar ohne Ziel. Er braucht eine Telefonzelle. Jetzt. Damit es zu Ende geht.

Andreas Grosser und seine Männer haben in Lichtenberg Stellung bezogen, um den gesuchten Doppelmörder zu beschatten. Er hat einen Freund aufgesucht und hilft dem offenbar bei einer Renovierung. „Gibt es irgendwie Anzeichen dafür, dass er die Wohnung bald verlassen könnte?“, fragt er seine Kollegen über Funk. „Negativ“, krächzt es aus dem Empfänger. „So wie wir das sehen, wird das wohl noch die nächsten Stunden andauern.“ Grosser rutscht unruhig auf seinem Autositz hin und her. „Dagobert“ wollte zwischen 10 und 11 Uhr anrufen. Jetzt ist es 10. Ein Kollege steht plötzlich neben Grosser. „Na los, hau ab. Hol ihn dir, wir schaffen das hier schon.“ Grosser nickt. Er ruft seinen Chef an, Textor soll grünes Licht geben. Textor gibt grünes Licht.

"Ich bin Dagobert“

Endlich eine Telefonzelle. Arno Funke seufzt erleichtert. Hagedornstraße, nie gehört. Die Gegend ist gut. Ruhig. Dreigeschossige Häuser aus den 20er- und 30er-Jahren. Der Bahnhof Schöneweide liegt nur fünf Minuten entfernt, im Westen dehnen sich ein paar Industriebaracken. Funke öffnet die Tür der Zelle. Es ist ein Kartentelefon, aber es wird jetzt Zeit. Seine Hände zittern ein wenig, als er die Karte in den Schlitz schiebt. Er vertippt sich. Er mahnt sich zur Ruhe. Es klingelt. Einmal, zweimal, dreimal. Niemand geht ran. Ihm wird heiß, Schweiß sammelt sich auf seiner Stirn, er flucht innerlich. „Geht doch ran.“

Dann, endlich, eine Stimme in der Leitung. Es ist nicht Horst Schröter, sondern ein anderer Mann spricht. Sicher auch ein Polizist. „Hier ist Dagobert“, meldet sich Funke mit betont hoher Stimme. „Heute wird es eine Geldübergabe geben. Weitere Anweisungen folgen.“ Funke ist unwohl. Die Stimme am anderen Ende der Leitung ist ihm unsympathisch, die versuchen Zeit zu schinden. Was sollen diese Fragen. Funke beendet das Gespräch, es hat keine drei Minuten gedauert. Es ist Freitag, der 22. April 1994, 10.14 Uhr.

Die Zivilfahnder Frank L. und Dirk F. sind zwei sehr gut durchtrainierte Polizisten. Über den Jeans tragen sie weite Hemden, die die Waffen im Hosen einigermaßen sicher vor neugierigen Blicken verbergen. Die beiden bilden eine der vielen zivilen Einheiten, die an diesem Morgen in Treptow unterwegs sind, um nach einem Daihatsu Cuore Ausschau zu halten. Die Kollegen haben die Zielperson im dichten Morgenverkehr aus den Augen verloren, Es geht jetzt ein bisschen nach dem Motto Stecknadel im Heuhaufen, irgendwie aussichtslos. Im Rückspiegel entdeckt Frank L. einen Wagen, der ihnen zu folgen scheint. Kollegen. Auch sie auf der Suche, es geht jetzt ein bisschen durcheinander streifen. „Wo sind wir hier eigentlich?“ „Hagedornstraße“, antwortet Dirk F., schon etwas entnervt. Am Straßenrand steht ein Cuore, aber keine Spur von einem Fahrer.

Plötzlich löst sich eine Gestalt aus dem kleinen Baumbestand am Fahrbahnrand. Sie geht zügig auf den Cuore zu, ein Mann. Er trägt Baumwollhosen, ein langärmeliges Hemd, Sportschuhe. Längere Haare, ein Schnurrbart. Er geht auf den Daihatsu zu, zieht einen Autoschlüssel aus der Tasche. Ist das nicht ein Fahrrad in dem Wagen? Das Bild fügt sich, fast in Zeitlupe zusammen, alles passt. Der Mann blickt auf, er sieht die Zivilfahnder an. Erschrickt. Schaut sich noch mal um. Resigniert.

Arno Funke weiß in diesem Moment, dass es heute wirklich vorbei ist. Keine Chance mehr zu entkommen. Vier junge Männer springen aus den beiden Autos, zücken Waffen. Für eine Hundertstelsekunde meldet sich sein Fluchtinstinkt. Weg? Nein, es ist vorbei. Der Mann, der bis zu diesem Moment Dagobert war, denkt an seine Familie. „Was habe ich ihnen angetan? Malu. Wolfgang. Was kommt jetzt auf sie zu?“ Der Ehemann, der Vater, der Nachbar, der Freund – ein Kaufhauserpresser. Tränen? Scham? Wut? Auf das Leben, dieses blöde Leben. Oder doch: Erleichterung? Arno Funke hebt die Hände und bleibt ruhig stehen. Vorbei.

Die vier jungen Männer stürzen sich auf ihn, er geht zu Boden. Sie fixieren seine Hände mit einer stählernen Acht auf dem Rücken. Kaum mehr als zwei Minuten sind vergangen, über den Polizeifunk wird die Festnahme verkündet. Alles spricht durcheinander. Andreas Grosser biegt mit seinem Passat in die Hagedornstraße ein. Er sieht die Kollegen, sieht einen Festgenommenen. Dagobert. Andreas Grosser, der Mann, der das Telefon-Fahndungskonzept durchgesetzt hat, steigt aus seinem Wagen. Ganz schnell will er diesem Mann in die Augen sehen, aber er geht trotzdem ganz langsam auf ihn zu, wie in Zeitlupe. Endlich ein Gesicht. Es lächelt. „Es ist zu Ende, und ich bin auch froh darüber“, sagt der Mann mit dem Schnurrbart. „Ich bin Dagobert!“

In einem Büro der Polizeikaserne am Augustaplatz klingelt das Telefon. Martin Textor nimmt ab, am anderen Ende meldet sich sein Stellvertreter: „10.30 Uhr, Chef, wir haben ihn.“

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