Alte Försterei

Die Fans von Union retten ihr Stadion

Jahrelang verfiel das Stadion des Fußballklubs Union Berlin. Der Verein hatte kein Geld, das Land wollte nichts geben. Jetzt wird die "Alte Försterei" doch saniert. Aber ohne die Fans wäre das Projekt wohl gescheitert. Viele helfen in ihrer Freizeit bei den Sanierungsarbeiten mit. Manche nehmen sogar Urlaub dafür.

Wenn das kein Ansporn ist: 8:0 steht da im Stadioneck, groß und deutlich. Ein klarer Heimsieg für den 1. FC Union. Nur dass derzeit eben kein Fan-Gebrüll durch die Arena an der Alten Försterei in Köpenick schallt, sondern der beißende Lärm von Trennschleifern, dumpfen Hammerschlägen und bellenden Bohrern. Steffen flext, Marek schweißt, Thomas entgratet, Siggi malert. So sieht ein Stadionumbau à la Unionista aus: Die Anhänger schuften für ihr Stadion, mal kommen 40 Freiwillige am Tag, mal sind es 80 oder 90.

Seit zehn Monaten hält dieser Ostberliner Subbotnik schon an, umsonst und draußen. In Kürze werden sie fertig sein, gerade baut eine slowakische Firma die lang ersehnten Dachelemente zusammen. Außer diesem Unternehmen sind nur noch sechs Bauarbeiter und eine Bauleiterin für das Großvorhaben fest angestellt. Den Rest erledigen die Fans des Drittligisten.

So viel, wie eben geht, bleibt beim Alten. Nur schöner soll es eben werden. Mit dürren Worten beschreiben die Union-Anhänger das, was sie hier tun. Und was sie erwarten. Sie lieben den rauen Charme "ihrer" Försterei, die eng an den Fußballrasen angrenzenden Stehplatztribünen, die Südkurve, in der die Besucher auf wirklich durchgehenden geschwungenen Stufen stehen können. Zeugen einer Fußball-Zeit, in der es noch keine hypermodernen Arenen gab, die nach Wirtschaftsprüfungsagenturen oder Online-Anbietern benannt sind.

Und die Union-Fans lieben natürlich das Backsteinhäuschen mit der Spielstandanzeige, bei der ein Uralt-Unioner nach jedem Tor per Hand die Nummerntafeln auswechselt. Diese Technik bleibt erhalten, doch drum herum ist alles neu. Die Tribünen, Podeste und Treppen sind nun betoniert. 20.500 Zuschauer wird das überholte Stadion fassen. "Trotzdem ist es kein Betonstadion", sagt Marek Jordan, der Schlosser, während er das Schweißgerät kurz aus der Hand legt. Hinter den Tribünen sieht man immer noch ins Grüne. Eine Überdachung wollten alle Anhänger. "Es wird trockener für uns", sagt Jordan. "Und es wird lauter." Da glänzt sein Blick besonders. Die Akustik unter den Dächern wird sich schließlich verstärken, viele können das kaum erwarten. Zusammengerechnet hat Jordan hier mehr als 100 Arbeitstage verbracht, seit der Umbau im Juni 2008 begann. Selbst als eingefleischtester Zuschauer würde man es wohl kaum schaffen, so viel Zeit in einem Stadion zu verbringen, wenn man nur das Treiben auf dem Rasen verfolgen würde.

Das Stadion ist die Familie

"Manche sehen die Försterei als Familie", sagt die Bauleiterin Sylvia Weisheit. Und morgens um sieben stehen sie dann bei der 46-Jährigen an. "Das sind Hartz-IV-Empfänger und genauso Arbeitnehmer, die ihre Urlaubstage hier auf der Baustelle verbringen." Sie führt alle an. Mit großen Baustellen kennt sie sich aus, daher hat der Vereinspräsident sie geholt. Außerdem geht sie seit 30 Jahren zu Union-Spielen. Sechs Bautrupps gibt es in der Regel. Je einen für das Malern und fürs Mauern, für Stahlarbeiten, das Zaunsetzen, für Erdarbeiten und fürs Betonieren. "Mal bringt jemand seine Frau mit", sagt Sylvia Weisheit, "oder heute hat einer seinen Bruder dabei." Ein Sozialprojekt sei dieses ganze Mitmachspektakel eben auch, sagt sie gern.

Eines, das zu Beginn doch nur eine Notgeburt war. Ein Hoffnungsschimmer für den Verein, wieder einmal. Jahrelang hatte es so ausgesehen, als würde die Alte Försterei nie saniert. Der Verein konnte nicht zahlen, und das Land Berlin wollte nicht. Nach langem Ringen durfte der Fußballklub im Frühjahr 2008 aber doch das Gelände in Erbbaupacht übernehmen und ein Sanierungskonzept vorstellen, das sehr auf die Spendenbereitschaft des "Eisern Union"-Blocks zählte. Die Verbundenheit der Fans ist legendär. Ihnen ist das sehr ernst. "Bluten für Union", hieß auch schon einmal eine Hilfskampagne. Die Fans spendeten Blut und die erzielten Erlöse wieder ihrem Verein.

Image des Underdogs

Es ist die Solidarität, die nur Vereine erfahren können, die das Image von Underdogs haben, die sich allein gegen die Welt wehren müssen; sie wissen, dass ihnen niemand helfen wird. Hamburg hat St. Pauli, die Kiez-Kicker, die sich zumindest dem Mythos nach gegen den übermächtigen großbürgerlichen HSV behaupten müssen. In München gilt 1860 als den proletarischen Klub, die Bayern waren zuerst die Akademiker und später die Reichen. In Berlin liegen die Dinge etwas anders: Zwar mag Hertha BSC diese Saison zumindest eine Zeit lang um den Meistertitel mitgespielt haben, aber dieser Klub aus dem Westen der Stadt interessiert bei den "Eisernen" aus Köpenick, ganz im Osten der Stadt gelegen, eigentlich niemanden besonders. Für Union zu sein, das ist seit den Vorwendezeiten gleichbedeutend damit, in Opposition zum Berliner FC Dynamo, kurz BFC genannt, zu stehen. Dieser Verein war in den 80er-Jahren, von Stasi-Chef Erich Mielke gelenkt, Serienmeister in der DDR. Aufgabe Unions war es, zuverlässig gegen die Kicker in den weinroten Trikots zu verlieren. Von Staat und Partei hatten die "Eisernen" also nichts zu erwarten - und vermutlich lernten sie damals, dass man sich am besten auf sich selbst verlässt. Bis heute redet man unter Unionern vom BFC als von den "Unaussprechlichen".

Dass die "Eisernen" aber dieses Mal von Muskelkraft förmlich überrannt würden, hatte wohl niemand geahnt. "Komplizierte Bauabläufe haben mich in diesem Job eigentlich keine Nerven gekostet", sagt Sylvia Weisheit. "Viel schwieriger war es, 100 Leute morgens unterzubringen, wenn sich nur 50 für den Tag angemeldet hatten." "Aufbauhelfer" nennen sich die Fans stolz, mehr als 900 waren bisher dabei. So wurden die Sanierungsarbeiten an die zwei Millionen Euro günstiger als geplant. Verflogen ist alle Skepsis, die einige der Arbeiter zu Beginn hatten, wie sie zugeben. "Ich hatte nicht erwartet, dass es so professionell zugehen würde", sagt der Schweißer Jordan. Dann muss er aber weitermachen, die Zeit drängt.

So wie Jordan hoffen viele darauf, schon im Mai im neuen alten Stadion ihrem Verein zujubeln zu können. Der Verein hat gerade das, was man in Fußballerkreisen "einen Lauf" nennt, der Aufstieg in die Zweite Bundesliga gilt als sicher. Vor allem wollen die Fans nicht mehr in den Jahn-Sportpark in Prenzlauer Berg fahren müssen, das momentan der Berliner Ausweichspielort für Union ist. Denn ausgerechnet an diesem Ort trug der verhasste BFC seine Europapokalspiele aus - dass so eine Örtlichkeit für Unioner niemals zu einem wahren Zuhause werden kann, ist nur zu verständlich. Da kann der BFC inzwischen fünftklassig sein.

Durchhalteparolen sind gefragt

Genüsslich schielen die schuftenden Fans allerdings auf das 8:0, das tagein, tagaus auf der Spielstandanzeige an der Waldseite ihres Stadions prangt. So hoch gewann Union vor knapp vier Jahren gegen den BFC. Als Durchhalteparole sei die Anzeige ursprünglich gemeint gewesen, sagt die Bauleiterin. Jetzt ist sie ein Symbol für das Durchstarten. "Selbst wenn erst nach der Sommerpause hier wieder gespielt wird, ist das immer noch ein super Ergebnis", sagt Steffen Müller, der wie alle anderen auf dem Bauplatz ein euphorischer Fan ist. Aber gleichzeitig ist er ein besonnener, nüchterner Ingenieur.

Im Alltag kümmert er sich um die Qualitätssicherung in einem Werk für Flugzeugturbinen, an Wochenenden und freien Tagen werkelt er in der Alten Försterei. Frau und Sohn müssen dann auf ihn zu Haus verzichten, weil er gerade wieder einmal an seinem Lieblingsplatz auf der Gegengeraden des Stadions tätig ist. Dann schleift er an neuen Geländern und "Wellenbrechern", das sind ebenfalls Absperrungen, die die La-Ola-beschwingten Fans vor dem Absturz von den Rängen bewahren sollen. Eben dort, nahe der Mittellinie, ist auch sein Stammplatz als Zuschauer, sagt er. Welcher Block das ist, was für ein Buchstabe, das kann er gar nicht sagen. "So etwas spielt keine Rolle, man kann sich überall frei bewegen." Auf diese Bauart schwören alle, seit 1920 sieht das Stadion so aus. Stehplätze und keine Barrieren, lautet die Grundregel der Arena. Daher müssen die neuen Dächer auch frei schwingen, es durften keine störenden Stützpfeiler eingebaut werden.

"Selbst dabei wurden wir Fans gefragt", sagt Müller. Seit 1978 geht der 41-Jährige zu Union, immer mit Jahreskarte, seit Jahren auch mit Spenderausweis. Jetzt kennt er viele seiner Tribünennachbarn so gut wie nie zuvor, weil alle früher oder später auch auf dem Bau auftauchtesn. Oder sie spenden etwas Geld, und davon wiederum wird jeden Tag Kuchen gekauft und Kaffee ausgeschenkt für die Bauhelfer. Den Anfang machte die "Fußballmutti Milena Milde" - sie nennt sich wirklich so -, und zwar gleich am 2. Juni 2008. Den ersten freiwilligen Stadionbauern brachte sie ein Eis. Dann eröffnete sie ein Spendenkonto. Heute berichtet der Verein in der Lokalpresse, wie es um die Arbeiten steht: "Wir suchen Leute für alle Tätigkeiten, speziell aber für Malerarbeiten", lässt Klubsprecher Christian Arbeit dort verlauten.

Mit Rucksäcken, Thermoskannen und Körben ziehen zwei Köpenicker Unioner täglich los und machen die Runde zu allen Arbeitstrupps. "Eine Feinfühligkeit herrscht hier", sagt Ingenieur Müller, "die normalerweise nicht gerade dem Ruf von Fußballfans entspricht." Die Baustelle als sozial kompetentes Freiwilligencamp, nicht als Macho-Bude. Das meint Steffen Müller. Dies könne doch ein gutes Signal sein. Und dann lässt er wieder mit seiner Flex die Funken fliegen.