Knochenfunde

Naturkundemuseum lüftet Dinosaurier-Geheimnisse

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Mareen Kirste

Im Berliner Naturkundemuseum haben Wissenschaftler eine 100 Jahre alte Schatztruhe voller Original-Dinosaurierknochen geöffnet. Die sperrige Holzkiste ist ein Überbleibsel der Tendaguru-Expedition, auf der deutsche Forscher im April 1909 im heutigen Tansania mit ihrer Suche nach Dinosaurier-Knochen begannen.

Als der Paläontologe Lutz Berner die einzelnen Bambusstäbe aus dem Gehäuse der Transporttrommel löste, wurde es am Donnerstagvormittag im Sauriersaal des Naturkundemuseums in Berlin totenstill. Die Zuschauer warteten gespannt, als der Wissenschaftler aus dem dichten Stroh das erste Stück herausholte. Es handelte sich um eine kokussnuss-förmige, mit Halmen umwickelte Frucht des Affenbrotbaums. Sie hatte Anfang des 20. Jahrhunderts einer Expedition als Transportgefäß für ihre Funde gedient, wie Daniela Schwarz-Wings, Kuratorin für fossile Reptilien, den dicht gedrängten Zuschauern erklärte. Den Inhalt der ausgehüllten Frucht schüttete sich Berner auf die Hand: kleine helle Gesteinsbrocken, versehen mit Ziffern aus schwarzer Tinte. Es sind Überreste von Sauriern, die vor mehr als 140 Millionen Jahren auf der Erde lebten.

„Die Stücke sind mit dem Kürzel J3 gekennzeichnet, dem Namen der Fundstelle im Süden Tansanias“, sagte die Kuratorin. Später seien die Fundstücke mit „WJ“ für Werner Janensch beschriftet worden. Von 1909 bis 1913 leitete er die Expedition in das Gebiet rund um den Tendaguru-Hügel im damaligen Deutsch-Ostafrika und heutigem Tansania. Zu seinen bedeutendsten Funden zählt das weltgrößte Dinosaurierskelett in der Vorhalle des Museums.

Wirbel- und Gliedmaßenknochen des zweibeinigen Dysalotosaurus

Das 100-jährige Jubiläum der Tendaguru-Expedition, die am 17. April 1909 begann, feierte das Museum an diesem Donnerstag mit der spektakulären Trommelöffnung. Sie ist eine von rund 30 übrig gebliebenen Transporttrommeln, die seit Expeditionsende im Keller des Museums gelagert wurden. Mit der Untersuchung der Inhalte sei das Paläontologenteam des Museums noch die nächsten Jahrzehnte beschäftigt, sagte Schwarz-Wings.

Die Fundstücke aus der Trommel seien vermutlich Wirbel- und Gliedmaßenknochen des zweibeinigen Dysalotosaurus, wie Wolf-Dieter Heinrich, ehemaliger Oberkustos für Wirbeltierpaläontologie, auf ddp-Anfrage sagte. Das werde die Präparation der Exponate klären. Viele der geöffneten Bambustrommeln hätten bereits Knochen dieser Saurierart enthalten.

Kiste enthielt auch Fruchtschalen und eine Konservenbüchse

Dass nach 100 Jahren einige von ihnen bis heute verschlossen blieben, findet Heinrich richtig. „Es ist kein Zeichen für Kapazitätenmangel im Museum. An den Tendaguru-Funden arbeiten in Berlin mehr als 30 Wissenschaftler“, sagte Heinrich. Er habe die Aufbewahrung der verschlossenen Trommeln während der Zeit als Oberkustos von 1976 bis 2006 selbst angeordnet. Für einen Forscher sei es interessant, nach 50 oder 100 Jahren mit neuen Fragestellungen an einen Fund heranzugehen, von dem die wichtigsten Stücke bereits präpariert seien.

In der 100 Jahre alten Bambustrommel fand Berner insgesamt vier mit Baumwolle angefüllte Fruchtschalen und eine flache Konservenbüchse. In allen Gefäßen befanden sich Gesteinsbrocken, die in ihrem Innern vermutlich Knochen des Dysalotosaurus enthalten. Ein aus solchen Knochenfunden rekonstruiertes Sauriermodell steht bereits im vorderen Bereich des Sauriersaals.

In den kommenden Jahren werde ein neues Expeditionsteam zum Hügel Tendaguru reisen und die Grabungen neu aufnehmen. „Heute liegen die Knochenreste in sieben oder acht Metern Tiefe. Dafür benötigen wir Bagger und entsprechende Technik“, sagte Heinrich. Gemeinsam mit dem geologischen und paläontologischen Institut der Universität von Daressalam, die größte Stadt Tansanias, begeben sich Forscher des Naturkundemuseums auf die Spuren von Werner Janensch. Derzeit suche das Museum noch Sponsoren, so die Kuratorin Schwarz-Wings.

( ddp )