Landespolitik

Jetzt schaltet Klaus Wowereit auf Angriff um

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Hajo Schumacher

Foto: dpa / dpa/DPA

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit hat rapide an Zustimmung verloren hat. Eine gewisse Lustlosigkeit schien sich nach fast neun Jahren Amtszeit zu zeigen. Doch jetzt hat sich Wowereit offenbar entschlossen, um jede Stimme zu kämpfen. Und entdeckt die Landespolitik neu.

Der heimliche Star der Sozialdemokraten war nachhaltig verstimmt. Er fühlte sich verfolgt. Die Partei schien sich gegen ihn verschworen zu haben, die Öffentlichkeit war auch nicht mehr so begeisterungswillig wie einst, Journalisten erwiesen sich als stetes Ärgernis, und der Job nervte auch bisweilen. Mitarbeiter hielten Sicherheitsabstand. Wenn beim Chef auf etwas Verlass war, dann auf seine schlechte Laune. Mitte der 90er-Jahre war Gerhard Schröder sein Charme abhanden gekommen. Oftmals ungenießbar, erledigte er als Ministerpräsident seine Regierungsgeschäfte in Niedersachsen zunehmend lustlos. Die SPD hatte ihm die Kanzlerkandidatur 1994 vorenthalten, Rivale Oskar Lafontaine sich im Jahr darauf auf einem legendären Parteitag in Mannheim gegen den unbeholfenen Rudolf Scharping an die Parteispitze geputscht. Und Schröder? Der Niedersachse pflegte seine Feindbilder und grummelte. Selbst engste Vertraute zweifelten, ob der Mann, der einst vor Energie strotzte, sich überhaupt noch mal würde motivieren können.

Klaus Wowereit hat viel gemeinsam mit dem Mann aus Hannover, der später dann sieben Jahre lang Kanzler in Deutschland war. Beide sind politische Raubtiere und immer dann am besten, wenn Kampf gefragt ist. Ihr größter Feind ist das Tagesgeschäft, die Routine, der dauernde Gleichklang. Klaus Wowereit hat fast neun Jahre als Regierender Bürgermeister in Berlin absolviert; seither herrscht Beförderungsstopp.

Nach mehr als drei Jahrzehnten in Berlin hat Wowereit nahezu jede Kleingartenparzelle abgeschritten, alle Klagen über Hundedreck gehört, jede Messe, jede Gala, jedes Museum in der Hauptstadt bisweilen dutzendfach besucht. Das tägliche Einerlei hat ihn schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht – Mitte der 90er-Jahre. Damals war Wowereit schon zehn Jahre lang Bildungsstadtrat im Bezirk Tempelhof. Die Langeweile war ihm anzumerken. Motivation kommt in der Politik ebenso rasch abhanden wie in jeder anderen Branche.

Hoffen auf neue Umfragen

Wie einst Schröder verdrehten sich der beiderseitige Überdruss von Volk und Vertreter zu einer Abwärtsschraube. Wowereit fühlte sich verfolgt und missverstanden, die Bürger nicht angemessen repräsentiert. Lange Monate hoffte der Regierende Bürgermeister insgeheim auf die Umfragen der verschiedenen Meinungsforschungsinstitute, die ihm seine Großartigkeit doch noch bestätigen würden. Doch selbst die Demoskopen boten keine Hoffnung. Unbarmherzig wurde Wowereit in den Beliebtheitslisten nach unten durchgereicht und rangiert derzeit sogar hinter den grünen Oppositionsführern Ramona Pop und Volker Ratzmann. Die sind zwar unbekannter, aber eben beliebter.

In die Weihnachtsferien nach Südafrika hatte der Regierende Bürgermeister einen Stapel interner Studien mitgenommen, die bestätigten, was er bislang gern als üble Nachrede abgetan hatte. Der Knuddelfaktor war dahin, die Berliner nachhaltig verstimmt. Sie hielten ihren Anführer für abgehoben, weit weg von den kleinen Sorgen der Laubenpieper und Kiezbewohner. Offenbar war das keine vorübergehende Delle, die sich mit der nächsten Umfrage im neuen Jahr erledigen würde, sondern eine tief greifende Erosion im Verhältnis zwischen dem Menschenfischer und denen, die ihm plötzlich nicht mehr ins Netz gehen wollten. Die Liebe war erkaltet. Hinzu kam ein zweiter Vorwurf, den Wowereit bislang auch gern zur Seite gewischt hatte: Er kümmere sich nicht genug um die Berliner Wirtschaft.

Zwischen den Jahren, im Urlaub am anderen Ende der Welt, hat Wowereit sich besonnen. Offenbar hat der Regierende das wachsende Unbehagen an seiner Amtsführung erstmals ernst genommen. Fest stand: Ein bequemes „Weiter so!“ würde bis zur Wahl in eineinhalb Jahren, im Herbst 2011, kaum reichen. Also entweder in Selbstmitleid abgewählt werden oder aber: Attacke.

Klar, dass Wowereit sich für Angriff entschied, der allerdings nicht gleich reibungslos funktionierte. Sein Haiti-Vergleich, der vor allem Eis-ängstliche Senioren und Menschen, die ausgerutscht waren und sich verletzt hatten, empörte, schien eine Fortsetzung von Wowereit im Jahr 2009 zu bedeuten. Dabei wollte der er nur lässig sein. Aber umgehend merkte er, was es bedeutet, wenn man bei den Leuten erst einmal unten durch ist: Lockere Sprüche, die früher durchgewunken worden wären, schlagen plötzlich mit Wucht zurück. Einstige Nachsicht verwandelt sich in Skepsis, die nichts mehr erlaubt. Immerhin hat der Haiti-Schock einen pädagogischen Nebeneffekt: Wowereit spürte, dass die Lage wirklich ernst war.

Umso beharrlicher verfolgt der Regierungschef nun seine Mission „Zurück zur Erde“. Wie in seinen besten Tagen ackert sich Wowereit durch die Stadt, fährt U-Bahn, absolviert Treffen mit Bürgern, hört wieder auf das, was in seiner Stadt gesprochen wird. Auch die selten helle, aber notorisch aufmüpfige Hauptstadt-SPD, die ihm in den letzten Jahren zusehends entglitten war, kann sich auf eine Charme-Offensive gefasst machen. Selbst den Vorwurf mangelnden ökonomischen Engagements ging Wowereit an: Mit Gewerkschaften und Unternehmern begründete er ein Bündnis zur Förderung der Industriepolitik. Wowereit hat offenbar verstanden, dass alle künftigen Chancen untrennbar an seine Wiederwahl 2011 geknüpft sind. Abgewählte Bürgermeister liegen im Marktwert weit hinter Regierungschefs, die zweimal im Amt bestätigt wurden.

Wowereits größte Herausforderung bestand wohl darin, sich in einer neuen ungewohnten Rolle zurecht zu finden. Über Jahre galt der oberste Berliner mal als jugendlicher Held oder als netter Hauptstadt-Bär, mediengewandt, kultursinnig und weltoffen, wie gemacht als Repräsentant einer liberalen Metropole, der lässig eine rot-rote Stadtregierung kommandiert, vor der niemand Angst haben musste. Doch nichts funktioniert in einer hysterischen Medienrepublik zuverlässiger als die Gewöhnung. Auch am schillerndsten Exoten hat sich der Wähler bald satt gesehen. Wie einst Schröder musste sich auch Wowereit mit dem furchtbaren Gedanken arrangieren, als ziemlich unspektakulär wahrgenommen zu werden, eben als Repräsentant einer 20-Prozent-Partei. Seit der Raubauz Thilo Sarrazin die Stadt verlassen hat, fehlt dem Regierenden zudem ein praktischer Prügelknabe, der die Pfeile freiwillig auf sich zieht. Keine Vorzugsbehandlung mehr, kein Wowi-Vorteil oder Berlin-Bonus, sondern nur ein einziges Erfolgsrezept: Täglicher Kampf um jede Stimme. Alternative? Keine.

Wowereit musste zudem einsehen, dass ihm derzeit kein Weg in die Bundespolitik offen steht. Solange die beiden Niedersachsen Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier die Schultern geschlossen halten, dürfte es für den Berliner kaum Chancen auf einen Wechsel geben. Zumal sein Alleinstellungsmerkmal, die Koalition mit der Linkspartei, massiv an Attraktivität verloren hat. Seit dem Abschied Oskar Lafontaines müssen die Linken zunächst ihre Neigung zum Chaos beherrschen, derweil die Grünen eine Koalition mit der Union offenbar für mindestens so spannend halten wie ein rot-rot-grünes Experiment. Folgerichtig umwirbt Wowereit nun heftig die Öko-Partei.

Wie einst Schröder steht auch Klaus Wowereit im Ruf, dann am besten zu sein, wenn es ernst wird. Die Voraussetzungen sind ideal.