Nahverkehrs-Chaos

S-Bahn fährt auch 2011 mit weniger Zügen

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Bei der Berliner S-Bahn wird auch 2011 noch kein Vollbetrieb möglich sein. Das hat der Geschäftsführer nun eingeräumt. Es wird bei Gedränge in den Bahnen bleiben. Die Grünen fordern den Kauf neuer Züge, der Fahrgastverband den Einsatz weiterer Regionalbahnen.

Am 13. Dezember will die Berliner S-Bahn wieder zum Normalfahrplan zurückkehren. Dann sollen alle 15 Linien im 332 Kilometer langen Netz wieder bedient werden. Doch eine vollständige Rückkehr zu dem Angebot vor den Zeiten der Krise ist der S-Bahn nicht möglich. „Wegen des anhaltend hohen Kontroll- und Wartungsaufwandes stehen uns auch 2011 nicht genügend Wagen zur Verfügung haben“, musste S-Bahn-Geschäftsführer Peter Buchner jetzt zugeben.

Die Folge des Fahrzeugmangels: Der sogenannte Vollzug, also der aus acht Wagen bestehende Zugverband, wird auch in Zukunft die Ausnahme, Dreiviertel- und Halbzüge (also Züge mit sechs oder vier Wagen) die Regel sein. Leidtragende sind wie schon in den vergangenen Monaten die Fahrgäste, die vor allem während des Berufsverkehrs dicht gedrängt in den Wagen stehen müssen. Noch stärker trifft es Rollstuhlfahrer, Eltern mit Kinderwagen oder Fahrgäste mit Fahrrädern, die oft gar keine Chance haben, noch mitzukommen.

Lediglich auf den besonders nachgefragten Linien wie der S3 (Spandau–Erkner) und S5 (Westkreuz–Strausberg Nord) will die S-Bahn zumindest teilweise wieder mit Vollzügen fahren. Dagegen sind für die wichtigen Nord-Süd-Linien S1(Oranienburg–Potsdam) und S2 (Bernau–Blankenfelde) generell nur noch Sechs-Wagen-Einheiten vorgesehen. Bis Oktober 2008 fuhren auf diesen Linien überwiegend Züge mit voller Behängung, also mit acht Wagen.

Auch auf den Ringbahn-Linien S41 und S42 wird es laut Buchner beim Einsatz von Dreiviertelzügen bleiben. Für Jens Wieseke, Sprecher des Berliner Fahrgastverbandes Igeb, ist dies „in den Hauptverkehrszeiten definitiv zu wenig“. Auch Berlins Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) hatte die S-Bahn wiederholt aufgefordert, das Platzangebot auf der Ringbahn zu verbessern.

Doch S-Bahn-Chef Buchner fehlen dafür die Wagen. Er rechnet damit, dass ihm Ende 2010 bestenfalls 546 der vorhandenen 632 Viertelzüge tatsächlich für den Linienbetrieb zur Verfügung stehen. Das wären zwar erheblich mehr als die aktuell 340 einsatzfähigen Viertelzüge. Für ein Komplettangebot benötigt die S-Bahn aber mindestens 552 Viertelzüge. Mittelfristig werden sogar noch mehr gebraucht, weil die S-Bahn ab Herbst 2011 mehr Züge zum dann eröffneten Hauptstadtflughafen Berlin Brandenburg International (BBI) einplanen muss. Mehrbedarf entsteht ihr langfristig auch durch die geplante Verlängerung der S-Bahn über Spandau hinaus und die vom Land gewünschte neue Linie S21 über den Berliner Hauptbahnhof.

S-Bahn-Chef Buchner verweist auf die vielen zusätzlichen Sicherheitschecks, die dazu führten, dass ein Teil der Fahrzeugflotte stets in der Werkstatt stehen muss. Mit der Wiederinbetriebnahme der 2006 stillgelegten Werkstatt Friedrichsfelde und dem Drei-Schicht-Betrieb in Oranienburg seien die Kapazitäten für die Wartung zwar deutlich erhöht worden, dennoch fallen Züge in größerer Zahl aus, weil Radscheiben, die sich als „nicht rissfest“ erwiesen, nach kurzer Zeit erneut ausgetauscht werden müssen. Bislang ist bei der S-Bahn nicht absehbar, wann für die Baureihe 481 Radsätze mit längerer Haltbarkeit zur Verfügung stehen werden, sagte Buchner.

Auch die vor Monaten angekündigte Reaktivierung von 20 stillgelegten Viertelzügen der alten Baureihe 485 lässt auf sich warten. Die S-Bahn ist noch immer dabei, die Ausschreibung für den Auftrag (Volumen: mehr als zehn Millionen Euro) vorzubereiten. Nur einige Züge werden noch 2010 einsatzfähig sein. Die müssen aber zunächst vier Züge im Bestand ersetzen, die „irreparabel beschädigt sind“.

Grünen-Verkehrsexpertin Claudia Hämmerling bezeichnet die von der Bahn für Dezember angekündigte Rückkehr zum Normalbetrieb als „Mogelpackung“, die der Senat nicht akzeptieren dürfte. Sie fordert von der Bahn, schon jetzt neue Wagen zu bestellen. Der Fahrgastverband schlägt vor, als Ersatz mehr Regionalzüge auf der Stadtbahn und auch im Nord-Süd-Verkehr einzusetzen. „So könnte die S-Bahn Züge frei bekommen, die sie auf der Ringbahn oder der stark genutzten S5 einsetzen kann“, sagte Igeb-Sprecher Wieseke.

( Thomas Fülling )