Canisius-Kolleg

Sieben Missbrauchsopfer sind mit Namen bekannt

An dem von Jesuiten betriebenen katholischen Canisius-Kolleg in Berlin-Tiergarten sind über Jahre hinweg Schüler von Lehrern sexuell missbraucht worden. Rektor Pater Klaus Mertes hatte das in einem Brief an mehr als 600 ehemalige Schüler mitgeteilt. Nun ermittelt die Polizei.

Foto: Sergej Glanze

Am von Jesuiten geführten Canisius-Kolleg in Berlin sind Schüler jahrelang von Patres sexuell missbraucht worden. Bislang seien sieben Opfer namentlich bekannt, sagte Rektor Klaus Mertes am Donnerstag. Erzählungen von Schülern ließen den Schluss zu, dass es zugleich eine Dunkelziffer gebe.

Nach seinen Angaben passierten die Übergriffe wahrscheinlich zwischen 1975 und 1983. Die namentlich bekannten Täter seien nicht mehr an dem privaten Gymnasium tätig und hätten den Jesuitenorden bereits Ende der 80er-Jahre verlassen. Beide seien offenbar sehr beliebt gewesen. Die Opfer waren laut Mertes zum Tatzeitpunkt zwischen 13 und 16 Jahren alt.

Die Berliner Polizei habe in dem Fall ein Ermittlungsverfahren von Amts wegen eingeleitet, sagte eine Sprecherin am Donnerstag. Ermittelt werde gegen Unbekannt. Eine Anzeige habe es bislang nicht gegeben. Allerdings müsse man auch in jedem Einzelfall prüfen, ob die Straftat bereits verjährt sei. Laut Strafrecht verjährt ein schweres Sexualdelikt nach zehn Jahren. Wenn die Opfer laut Polizei zum Tatzeitpunkt jedoch minderjährig sind, setzt die Frist erst ein, wenn die Opfer 18 Jahre geworden sind. Damit wären die Taten am Berliner Kolleg verjährt, sobald die Schüler 28 Jahre alt wurden. Nach Angaben des Rektors sind die Opfer heute etwa 40 Jahre alt.

Erstmals habe er in den Jahren 2004/2005 von zwei betroffenen Schülern über die Vorfälle erfahren, sagte der Rektor. Er sei damals von ihnen um Schweigen gebeten worden. Nach bisherigen Erkenntnissen habe in jedem Fall ein einmaliger Missbrauch stattgefunden, der aber immer „nach einem bestimmten Muster“ verlief. Entscheidend sei nun „eine Selbstprüfung der Institution Schule, der Institution Kirche und der Institution Orden“.

Inzwischen habe es am Gymnasium eine Schulversammlung zum Thema gegeben, sagte der Rektor. Dort seien den Schülern und Lehrern alle bislang verfügbaren Fakten benannt worden. „Das Interesse der Opfer hat Vorrang vor dem Image der Schule“, sagte der Rektor. In einem Brief vom 19. Januar 2010 an die ehemaligen Abiturjahrgänge schreibt Mertes unter anderem: „Mit tiefer Erschütterung und Scham habe ich diese entsetzlichen, nicht nur vereinzelten, sondern systematischen und jahrelangen Übergriffe zur Kenntnis genommen.“ Eine Kopie des zweiseitigen Schreibens übergab der Geistliche am Donnerstag der Öffentlichkeit.

Mertes, der seit 1994 das Canisius-Kolleg leitet, räumte weiterhin ein, dass es an der Schule immer wieder Gerüchte über die Vorfälle gegeben habe. „Auf Gerüchte kann ich aber kein Verfahren in Gang setzen.“ Auch scheinen sich einige der Opfer bereits vor der Zeit von Mertes an Lehrer und Schulleitung gewandt zu haben – offenbar ohne Erfolg. Es gehöre auch zur Erfahrung der Opfer, dass es im Canisius-Kolleg und im Orden bei solchen, die eigentlich eine Schutzpflicht gegenüber den betroffenen Opfern gehabt hätten, „ein Wegschauen gab“, heißt es dazu in dem Brief.

Der Jesuitenorden in Deutschland hat jahrelangen sexuellen Missbrauch am Canisius-Kolleg eingeräumt. An der Täterschaft zweier Patres gebe es keinerlei Zweifel, erklärte der Sprecher der Deutschen Provinz der Jesuiten, Thomas Busch, am Donnerstag in München. Seinen Angaben zufolge besitzt Schulleiter Klaus Mertes das „uneingeschränkte Vertrauen“ der Ordensleitung.

Mit den weiteren Ermittlungen hat die Schule die Missbrauchsbeauftragte des Ordens, die Berliner Rechtsanwältin Ursula Raue, beauftragt. Sie habe Kontakt mit den beiden Beschuldigten – einer der beiden Pater bestreite die Vorwürfe auch nicht, heißt es in einem Bericht des „Tagesspiegels“.

Am Canisius-Gymnasium herrschte am Donnerstag große Unsicherheit. Einige Schüler erzählten, sie hätten erst am Morgen durch die Berliner Morgenpost von den Missbräuchen erfahren. „Das war keinem Schüler bekannt“, sagte ein 19-Jähriger. Im Unterricht habe man daraufhin kurz mit den Lehrern darüber geredet.

Auch viele Eltern erfuhren erst durch die Medien von den Vorwürfen. „Ich finde es sehr problematisch, diese Dinge einige Jahre lang gar nicht bekanntzugeben, obwohl einzelne Fälle bekannt waren“, sagte eine Mutter. Es sei jedoch typisch für die Schulpolitik, sehr stark das positive Image der Schule bewahren zu wollen.

Das private Canisius-Kolleg gilt als Berliner Elite-Gymnasium. Viele frühere Absolventen sind heute in führenden Positionen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft tätig.