Tierpark

Berliner geben Atlas der Tiere heraus

Die Biologen Klaus Rudloff (65) und Christian Kern (29) vom Tierpark Berlin haben einen Atlas der Säugetiere Europas, Nordafrikas und Vorderasiens herausgegeben. Auf Initiative von und mit Eckhard Grimmberger (66) stellten sie ein umfassendes Werk mit zahlreichen, zum Teil einzigartigen Fotos zusammen. Mit Morgenpost Online sprachen sie über die Arbeit am Buch und die Tiere.

Morgenpost Online: Sie haben ein Buch über die Säugetiere Europas, Nordafrikas und Vorderasiens publiziert – und gleich als erstes ein Känguru aufgeführt. Wie kommt das Tier nach Europa?

Eckhard Grimmberger: Bennett-Kängurus sind Neubürger, die bereits in England und in Brandenburg leben. Schnee macht ihnen nichts aus, denn ursprünglich stammen sie aus Tasmanien. Dort schneit es oft.

Morgenpost Online: Die Kängurus hüpfen in England und Brandenburg wild über die Felder?

Grimmberger: Sie können auch in Parks vorkommen. Entscheidend ist, dass sie sich über mehrere Generationen selbstständig fortpflanzen und nicht wie Zoo-Tiere gemanaged werden. Manche haben nur ein paar Jahre durchgehalten, so wie in Baden-Württemberg, dann haben wir das Vorkommen nur gekringelt.

Morgenpost Online: Hörnchen, Mäuse und Hamster – in Ihrem Buch sieht man ein Nagetier nach dem anderen. Woran liegt das?

Christian Kern: Wir haben keine Art bevorzugt. Das Buch repräsentiert die tatsächliche biologische Verteilung der Ordnungen, und die Leser sehen die tatsächliche Artenverteilung im Freiland: Nagetiere und Fledertiere stellen eben die allermeisten Arten.

Grimmberger: Das Wissen über die großen Tiere ist fast nicht mehr zu überblicken. Dagegen ist über die kleinen Tiere wenig bekannt – deshalb haben wir uns ihnen gewidmet. Das hängt mit der Wahrnehmung zusammen. Größere Tiere können feindlich und gefährlich sein. Das fasziniert, man guckt hin und überlegt: „Wie verhalte ich mich?“. Auf eine Spitzmaus tritt man eher drauf. Einer meiner Brüder ist Jäger, der kennt alle großen Tiere – aber dass es so viele Mäuse gibt, das war ihm neu. Die Maus ist eben grau und unscheinbar. Aber auch die kleinen Säuger sind interessant, sie zeigen ein vielschichtiges Verhalten, sie haben eine Persönlichkeit. Wenn man Fledermäuse pflegt, lernen manche sofort, von der Pinzette Nahrung aufzunehmen, sie sind neugierig. Wieder Andere sind ängstlich oder bissig. Ich sehe da keine so großen Unterschiede zu Menschen.

Morgenpost Online: Haben sie ein Lieblingsfoto?

Kern: Ja, das Walross vom Schweizer Fotografen Jean-Lou Zimmermann. Das auf einer Eisscholle liegende mächtige Tier ist einfach schön!

Klaus Rudloff: Mir gefällt die Gruppe der Wisente gut. Der Fotograf Ralf Hausmann hat im Morgennebel den Blickkontakt zu der Gruppe hergestellt.

Morgenpost Online: Sie zeigen mehr als 1000 Fotos von über 400 Säugetierarten. Welche Säugetiere fehlen und warum?

Grimmberger: Es fehlen Kleinsäuger aus schwer zugänglichen Gebieten wie dem Iran, die man aus politischen Gründen kaum bereisen kann. Andernorts – wie in Marokko – bestand die Schwierigkeit darin, die Tiere zu fangen. Es gibt nur wenige Fachleute, die sich mit Feldforschung beschäftigen. Die Forschung geht heute immer stärker in Richtung Molekularbiologie und Genetik. Die Forscher brauchen nur ein klein bisschen Tierblut oder ein kleines Stück vom Schwanz oder Ohr und machen molekularbiologischen Untersuchungen; so werden manchmal neue Arten entdeckt oder abgespalten und beschrieben. Diese Wissenschaftler fangen die Tier in Schlagfallen – sie fangen sie also tot. Dagegen ist die Feldforschung am lebenden Tier – welche Merkmale hat es und wie ist sein Verhalten – inzwischen in den Hintergrund getreten. Was wir gemacht haben, ist fast altmodisch. Wir sind Außenseiter in der Szene.

Morgenpost Online: Wie kamen sie an Ihre Bilder? Wo gab es Schwierigkeiten?

Rudloff: Oft durch Zufall. Ich wollte schon seit längerem mit meinem Kollegen Kämmerling vom Zoo Cottbus nach Israel fahren, weil wir da noch nicht waren. Das war eine Fahrt ins Blaue mit der Kamera. Alexander Kantorowitsch, ein Kollege und Kurator vom Zoo Kiryat-Motzkin, hat uns angesprochen, wir sollten mal vorbeikommen. Dann haben er und seine Kollegen uns durch 22 Einrichtungen geschleppt. Über russische Kollegen, die wir dort trafen, wurden wir weitervermittelt in die Mitte der Negev-Wüste. Dort sitzt der Wissenschaftler Georgi Schenbrot. Er hat eine neue Spitzmaus beschrieben, Crocidura ramona - die Ramon-Spitzmaus. Schenbrot hatte als einziger auch Fotos. Wir hätten nie gedacht, dass wir die kriegen. Schenbrot hat uns aber, weil wir persönlich da waren, doch viele seiner Aufnahmen zur Verfügung gestellt, sowie seine Fotos gegeben sowie einen Großteil seiner noch nicht publizierten Verbreitungskarten von Rennmäusen. So etwas kann man nicht einfach telefonisch bestellen, dazu muss man die Leute persönlich treffen.

Morgenpost Online: Welches Tier ist denn am wenigsten bekannt?

Kern: In Deutschland recht unbekannt dürfte der Russische Desman sein, ein großer, im und am Wasser lebender Maulwurf....

Rudloff: … oder der Tigeriltis, ein kontrastreich braun-weiß gefärbter Verwandter unseres heimischen Iltis'....

Grimmberger: …oder die Mausschwanzfledermaus. Sie hat einen völlig freien, nackten Schwanz. Ich hatte das Glück und die Gelegenheit ein Exemplar bei mir zu Hause zu pflegen. Sie kann rückwärts gehen, wenn sie sich verstecken will, und tastet dann mit der Schwanzspitze in Spalten. Bei den meisten anderen Fledermäusen sind die Schwänze in die Flughaut einbezogen.

Morgenpost Online: Die Neuheiten betreffen also die Kleinsäuger?

Grimmberger: Die großen Tiere sind ja schon mehr erforscht.

Rudloff: Über die Kleinsäuger weiß man im Vergleich zu den großen Säugern einfach noch zu wenig. Nehmen wir die Taurus-Felsenspitzmaus, die 1971 von Frau Spitzberger in der Türkei entdeckt und erstmalig beschrieben wurde. Sie ist danach nie mehr gefangen worden.

Kern: Oder die Maushamster aus schwer zugänglichen Regionen Irans und Afghanistans. Über die Tiere weiß man fast nichts, weil die Feldforschung dort sehr schwierig ist.

Grimmberger: Ähnlich ist es mit den Birkenmäusen im Kaukasus.

Rudloff: Umgekehrt wurde der zweitkleinste Fuchs, der Blanfords Fuchs, zunächst nur für Afghanistan beschrieben. Aber jetzt findet man ihn auch am Sinai, Westarabien und NO-Ägypten.

Morgenpost Online: Warum denn, ist er da neulich erst hingelaufen oder suchten dort erst jetzt Forscher nach ihm?

Rudloff: Wenn wir das mal wüssten!

Grimmberger: Ja, oftmals gab es zuvor keinen, der sich mit Kleinsäugern in einem Gebiet beschäftigt hat. Nehmen Sie Vietnam. Dort gibt es bestimmte Kleinsäuger schon lange und sie stehen auch schon lange auf dem Speiseplan der Bevölkerung. Aber erst seit kürzerer Zeit beschäftigen sich Wissenschaftler mit ihnen – deshalb werden dort so viele Arten neu entdeckt.

Rudloff: Ein Beispiel aus unserem Buch auf Seite 378. Dort zeigen wir Fotos von zwei verschieden Dachsarten. Bei einem geht der schwarze Strich, also die Fellfärbung, über die Ohren, die sind also auch schwarz gefärbt. Bei dem anderen geht die Färbung an den Ohren vorbei. Daraufhin sagte ein Kollege zu mir, dass ihm das früher noch nie aufgefallen ist.

Kern: Man muss dazu wissen, dass es zwar viele Publikationen gibt zur Beschreibung von Arten – aber nicht immer sind entsprechende Fotos vorhanden.

Morgenpost Online: Was macht ihr Buch so einzigartig?

Grimmberger: Der Wert besteht darin, zum ersten Mal für die gesamte Region ein Buch mit Fotos zusammen gestellt zu haben. Es gibt ähnliche Bücher über die Tierwelt Nordafrikas, Australiens und über einzelne Länder. Aber es gab bisher nichts über Europa. Da war in den üblichen Bestimmungsbüchern an der polnischen Ostgrenze Schluss, Nordafrika und Vorderasien wurden nie einbezogen. Das war bei den Ornithologen schon lange anders. Deshalb schließen wir mit unserem Querschnitt eine Lücke, auch wenn er nicht vollständig ist. Es fehlen zwar keine Arten, aber wir haben von einigen Tieren wie bestimmten Mäusen oder dem ägyptischen Wiesel nur Fotos von Museumspräparate, die weniger aussagekräftig sind. Und von manchen haben wir nicht mal einen Balg. Insgesamt fehlen uns nur zehn bis zwölf Aufnahmen von Tieren aus dem Verbreitungsgebiet.

Morgenpost Online: Welche Fotos sind neu?

Kern: Zum ersten Mal zu sehen sind unter anderem Farbaufnahmen von der Großen marokkanischen Rennmaus.

Rudloff: Wir zeigen auch die unterschiedlichen Fleckenformen des Iberischen Luchse. Alle drei Varianten haben wir über Alex Sliwa aus dem Zoo Köln bekommen. Dabei ist schon ein Bild von dieser Luchsart sehr selten.

Grimmberger: Auch der Mausschläfer und die Felsenschläfer sind in dieser Qualität nirgends zu sehen, dazu gibt es Erstaufnahmen von den Goldhamsterverwandten; neu sind auch die Bilder der Zypernstachelmaus und der Zypernhausmaus. Das Taurusziesel ist erst 2007 neu beschrieben worden, die Originalaufnahmen hat uns einer der Beschreiber zur Verfügung gestellt.

Morgenpost Online: Wie lange hat die Arbeit am Buch gedauert?

Rudloff: Sieben Jahre, wir haben das Manuskript Januar 2009 abgegeben.

Morgenpost Online: Wer hat alles daran mitgewirkt?

Grimmberger: 120 Kollegen haben uns Aufnahmen zur Verfügung gestellt. Außerdem haben uns 20 bis 30 Leute Zugang zu Museen und Tierkollektionen verschafft, dort haben wir selbst fotografiert. So ist Christian Kern an die Universität Ulm gefahren um dort eine einzige Tierart, den Transkaukasischen Mull-Lemming zu fotografieren. Dort forscht jemand an ihnen, weil sie kein Y-Chromosom haben. Ich bin nach Marokko gereist, um die große Rennmaus zu finden. Ich selbst habe schon immer und überall, wo ich im Urlaub war – Nordkreta, Sizilien oder Marokko – Mäuse gefangen und fotografiert. Dieses Sammeln hat sich nun ausgezahlt

Morgenpost Online: Welches ist Ihre älteste Aufnahme in dem Buch?

Rudloff: Die Aufnahme von einem Berberlöwen aus dem 19. Jahrhundert aus dem Zoo Berlin.

Morgenpost Online: Für welchen Leser ist es gedacht?

Rudloff: Es ist ein Buch auch für den stärker interessierten Amateur. Wir haben uns um wissenschaftliche Exaktheit bemüht, denn wir wollen, dass es auch Mitarbeiter zoologischer Gärten, Museen und zoologischer Institute und Studenten nutzen.

Morgenpost Online: Welche dieser Tiere kann man in Berlin sehen?

Grimmberger: In Berlin leben bis zu 15 Arten der beschrieben Fledermäuse. Dann gibt es bei uns die Wald-, Zwerg-, Wasser, Garten- und Hausspitzmaus – also fünf Arten. Bei den Mäusen kommen wir auf rund zehn Arten, darunter Feld-, Erd-, Rötel- oder Hausmaus. Dann natürlich den Fuchs, Hase, Igel Wildschwein oder Steinmarder und Maulwurf.

Morgenpost Online: Und was gibt es nur im Tierpark oder Zoo zu sehen?

Kern: Auch eine Menge, im Tierpark Berlin etwa den Alpensteinbock, Rentier, Gemse, Elch, Rothirsche verschiedener Unterarten, Wildkatze, Karakal, Manul, Serval, Oman-Falbkatze, Mesopotamischer Damhirsch, Arabische Oryxantilopen, Mhorrgazellen...

Rudloff: Nicht zu vergessen die Levantewühlmaus, Gundi, Buschschliefer. Im Zoo zeigen sie Wisent, Nilflughund, Kleine Wüstenspringmaus, Fettschwanzrennmaus, Säbelantilope, Murmeltier, Zwergmuntjak, Wasserreh, Seehund und den Fennek oder Wüstenfuchs im Nachttierhaus.

Morgenpost Online: Wie viele der abgebildeten Tiere sind bereits ausgestorben?

Rudloff: Auerochse und Berberlöwe, außerdem der Kaspi- oder Mähnentiger. Wir zeigen übrigens ein Farbfoto vom letzten in einem Tiergarten gehalten Kaspitiger namens Soraya; das Foto wurde im Tierpark Hagenbeck in Hamburg aufgenommen. Und wir haben auch ein Foto von der nordafrikanischen Kuhantilope aus dem Zoo Berlin, die wie die oben genannten Arten ebenfalls ausgestorben ist, oder besser ausgerottet wurde.

Morgenpost Online: Im Buch ist auch das einzige Foto von der Bayerischen Kleinwühlmaus zu sehen – sie ist wohl in Deutschland ausgestorben ist, aber im nahen Österreich wieder entdeckt wurde. Ähnlich wie der Ziesel, den gab es noch bis in die 50er-Jahre in der DDR an der tschechischen Grenze gab.

Grimmberger: Was die Verbreitung betrifft, muss man die Karten so lesen, dass sie weniger die exakte Verbreitung der Tiere angeben, als vielmehr einen Punkt, wo ein Säugetierkundler arbeitet, der in seinem Umfeld was gefangen hat.

Morgenpost Online: Für wen ist der Anhang gedacht – vor allem die Abbildungen der Pfoten und Schwänze?

Kern: Das sind gängige feldbiologische Unterscheidungsmerkmale

Rudloff: Wir wollten zeigen, wie man die Tiere erkennen kann, ohne sie auseinander zu nehmen.

Der Biologe Klaus Rudloff (65) ist Kurator für Säugetiere, darunter Primaten, Haustiere, Raubtiere und kleine Säuger im Berliner Tierpark. Christian Kern (29) ist ebenfalls Biologe und Kurator. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Raubtiere, Unpaarhufer und Paarhufer sowie Nagetiere. Eckhard Grimmberger ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie und ein ein Fledermauskenner. Er beschäftigt sich seit der Schulzeit mit Zoologie und ist wie Rudloff und Kern auch versierter Tierfotograf.

Eckhard Grimmberger; Klaus Rudloff; Christian Kern: Atlas der Säugetiere Europas, Nordafrikas und Vorderasiens. Natur und Tier Verlag, Münster. 496 Seiten, 437 Verbreitungskarten, 1094 Farbfotos, ISBN 978-3-86659-090-8. Preis: 98 Euro.