Jugendgewalt

Warum sich Kirstin Heisig nicht frustrieren lässt

Sie gilt als der Schrecken von Neukölln. Jugenrichterin Kirstin Heisig kämpft gegen die hohe Quote jugendlicher Straftäter in ihrem Kiez, dem Rollbergviertel zwischen Hermann- und Karl-Marx-Straße. Und genau dort traf Morgenpost Online die couragierte Richterin zum Spaziergang.

Foto: M. Lengemann

Der Schrecken von Neukölln" ist ungefähr einen Meter fünfundsechzig groß und bewegt sich ziemlich schnell; er trägt einen langen grauen Schal und lacht erstaunlich viel. Zum Beispiel über diesen Namen. "Schrecken", na ja, sagt Kirsten Heisig: Na ja, und lacht. Schon vergessen, wer das über sie gesagt hat, und wann. Es wird viel gesagt und geschrieben über die Richterin Kirsten Heisig, gerade in letzter Zeit. Sie hatte schon einige Namen: "Richterin Courage" zum Beispiel oder "Mrs. Tough" - und "Der Schrecken". Das waren die netteren.

Das Sagen und Schreiben hat damit zu tun, dass Kirsten Heisig ziemlich deutlich werden kann, wenn sie irgendwo Probleme findet. Und damit, dass sie sich einen Bezirk vorgenommen hat, in dem sie nicht lange nach ihnen suchen muss. Dessen Name zuverlässig auftaucht, wenn es um Begriffe wie "gescheiterte Integration" und "Parallelgesellschaft" geht oder um Jugendgewalt. Für die ist Kirsten Heisig zuständig in Neukölln. Genauer: im Rollbergviertel, jener tristen 70er-Jahre-Neubaulandschaft im Norden, zwischen Hermann- und Karl-Marx-Straße.

Natürlich haben wir uns genau dort verabredet, in einer Seitenstraße, vor dem Gemeinschaftshaus "Morus 14". Einmal in der Woche, hatte die Richterin erzählt, kommen dort Nachbarn, also: "Kiezbewohner", mittags zum Essen zusammen, sie hätte auch schon gekocht, da möchte sie mal wieder vorbeischauen. Es ist nicht besonders schwierig, sich mit Kirsten Heisig zu verabreden. Eine andere Sache ist ihre Zeit. Denn sie will Zeit für vieles haben, und manchmal geht das nur parallel. "Mal wieder vorbeischauen" ist ein Satz, den Kirsten Heisig ziemlich häufig sagt.

Mittagessen mit Kiezbewohnern

Das Mittagessen ist noch in der Vorbereitung, aus der Küche kommen Menschen mit weißen Schürzen und roten Wangen, an der Tür wacht eine resolute Rentnerin, da fährt draußen ein Taxi vor. Kirsten Heisig springt heraus, sie kommt direkt vom Hauptbahnhof, sie kommt aus Bremen, da war eine Veranstaltung, sagt sie, es ging darum, wie man mit Jugendgewalt umgeht. Die Berliner Richterin wurde dazu geladen, um von ihrem Modell zu berichten. Sie hätte sich mal wieder ganz schön herumschlagen müssen, sagt Kirsten Heisig. Sie ist es nicht anders gewöhnt. Ihr Modell, das "Neuköllner Modell", hat mindestens so viele Gegner wie Freunde. Seit gut einem Jahr wird es umgesetzt, etliche Monate hatte Heisig vorher mit Kollegen daran gearbeitet.

Es geht dabei darum, dass jugendliche Kriminelle ihre Strafe konsequenter und vor allem schneller bekommen als bisher. Bevor sie vergessen, verdrängen, den nächsten Überfall, Diebstahl, die nächste Prügelei begehen, denn das tun die meisten von Heisigs "Kandidaten". "Beschleunigte Verfahren" nennt die Richterin das. An deren Ende steht nicht selten der Arrest. Am Anfang eine engere Vernetzung, ein besserer Austausch zwischen Gericht und Polizei. Die Zuständigkeiten der Jugendrichter wurden geändert; jeweils einer ist nun für einen Polizeiabschnitt zuständig, unter anderem, damit Vorgänge nicht auf irgendeinem Amtsweg stecken bleiben. Und auch das hat längst nicht allen gefallen.

Wir müssen da lang, einmal linksherum, sagt Kirsten Heisig. Es sind ja noch ein paar Minuten bis zum Essen. "Ich wollte mal eben bei meinem Abschnitt vorbeischauen." Ihr Abschnitt ist der Polizeiabschnitt 55, Rollbergviertel eben, sie hat ihn sich selbst ausgesucht. "Ich dachte, wenn du so einen Rabatz machst, dann musst du auch an einem schwierigen Ort arbeiten", sagt sie. Und dass sie die Polizisten brauche, gerade die von der Basis, denn die wüssten, wo es brennt, welche Kandidaten anfingen, schwierig zu werden.

Es sind nur ein paar Schritte, die Richterin läuft entschieden, schnell, aber sie hat den Atem, um gleichzeitig zu reden, und sie redet viel. Sie will viel erzählen. Von den Stadtteilmüttern zum Beispiel, die sie regelmäßig besucht. Von der türkischen Männergruppe, bei der sie in der vergangenen Woche war. Von "Projekten" und Ideen, von der "Community", von Tätern und Opfern und Eltern. Der Weg ist zu kurz.

"Hallo, guten Tag, Heisig, Amtsgericht Tiergarten", sagt Kirsten Heisig und eilt die Treppe hoch.

Aus dem Gericht ins Rollbergviertel

Im Amtsgericht Tiergarten, in Moabit, hat sie eigentlich ihren Arbeitsplatz. Im Grunde müsste sie weder Treppen laufen noch Projekte besuchen, aber, das erzählt sie später: Irgendwann saß sie dort, im Gericht, und dachte, so wolle sie nicht weiterarbeiten. Sie merkte, aus diesem Saal heraus konnte sie nicht viel ändern. Nicht genug. Und Kirsten Heisig sah einigen Änderungsbedarf. Sah die "Kandidaten" vor sich, 12-, 13-, 14-Jährige, die geprügelt, gestohlen, manchmal sogar vergewaltigt hatten, oft nicht nur einmal, für die Gewalt ganz selbstverständlich zum Alltag gehört. Die Statistiken der immer brutaleren Straftaten. Die offenbare Ohnmacht diesen Straftätern und Statistiken gegenüber. Und vielleicht auch die fehlenden deutlichen Worte. "Klare Problembenennung" nennt Kirsten Heisig das.

Die klare Problembenennung hat sie nicht überall beliebt gemacht. Als sie sagte, dass die Gewalt eine Gewalt sei, die überwiegend von Jugendlichen aus türkischen und arabischen Familien ausgehen würde, wurde ihr vorgeworfen, sie ethnisiere das Problem. Als sie Arrest als charmante Abschreckungsmaßnahme bezeichnete, fand das manch einer zu drastisch. Als sie Eltern von Schulschwänzern nicht mehr nur Bußgeld, sondern Haft androhte, wenn diese nicht bezahlten, ebenfalls. Dabei ging es Heisig eigentlich vor allem um eins: möglichst viel zu tun, damit möglichst wenige "Kandidaten" bei ihr landeten. Möglichst früh. Deswegen ist sie in die Hauptschulen gegangen und in die Jugendheime, deswegen hat sie Abende für türkische und arabische Eltern veranstaltet, manchmal klappte der Dialog, manchmal klappte er nicht, aber, wie gesagt: Sie lässt sich nicht frustrieren.

Wir müssen wieder los, das Essen, wir rennen inzwischen fast, einmal die Karl-Marx-Straße entlang, Kirsten Heisig guckt sich um, rechts und links und nach hinten, als dürfte ihr hier nichts entgehen. Sie kennt die Gegend schon lange, sie kannte sie schon, sagt sie, als Neukölln noch eher ein klassischer Arbeiterbezirk war. Anfang der 80er-Jahre kam Kirsten Heisig aus Krefeld ("vom linken Niederrhein") zum Studium nach Berlin, damals wohnte sie auch drei Jahre in Neukölln. Zum Jurastudium, das war schon lange klar gewesen. Und selbst wenn nach dem Studium nicht die Senatsverwaltung angerufen hätte, um sie in den Justizdienst zu holen - Richterin wäre Kirsten Heisig so oder so geworden.

Sie erzählt das, während wir die Morusstrasse hochhetzen: Schon mit zehn Jahren hätte sie gewusst, dass es nur einen Beruf für sie gab: Richterin. "Weil ich dachte, wenn es Krawall gibt, muss einer den Hut aufhaben. Entscheiden. Und ich war immer entscheidungsfreudig." Und dann gab es da noch diese Serie im Fernsehen, "Ehen vor Gericht", eine der ersten Gerichtsshows. Kirsten Heisig saß begeistert davor, verfolgte den Streit und wie sich schließlich einer in die Mitte, zwischen die Streitenden stellte und den Fall entschied. In ihrer kindlichen Vorstellung, sagt sie, dachte sie: Prima, der Frieden ist jetzt wieder hergestellt. Dass es in der Realität nicht so ist, auch außerhalb von Neukölln nicht, tut ihrer Begeisterung allerdings auch Jahrzehnte später keinen Abbruch. Nein, sagt sie, nein: "Ich bin nicht zu frustrieren." Und lacht.

Im Gemeinschaftshaus ist es inzwischen sehr voll, es sind viele ältere Menschen, die vor den steil gefalteten Servietten sitzen, vor allem Deutsche. Sie wolle auch sehen, wie die sich hier fühlten, im Viertel, ob man was mitkriege von Veränderungen. Es dauert ungefähr zwei Minuten, bis die Ersten auf sie zusteuern, "Frau Heisig", sagt eine ältere Dame, "Frau Heisig, ich wollte mich bei ihnen bedanken." Und: "Es ist so wichtig, was sie macht." Da ist Kirsten Heisig schon weiter, sie muss an viele Tische, sie möchte mit vielen reden. Irgendwann kommt sie doch noch dazu, sich hinzusetzen, inzwischen ist auch der ehemalige Quartiersmanager Gilles Duhem da, er leitet das Haus. Sie haben schon viel geredet, in den vergangenen Monaten. Was sie verbinde, sagt Kirsten Heisig, sei, dass sie vor sich hin arbeiten, einfach machten, um zu schauen, was passiert. "Papier ist schon genug vollgeschrieben worden, Konzepte sind gut und schön. Aber man muss auch etwas machen." Viele hier machen etwas. Für einen Moment scheint alles ziemlich hoffnungsvoll im Gemeinschaftshaus im Rollbergviertel, mit all den Menschen, die sich engagieren gegen die Ohnmacht, und all den Projekten und Ideen.

Manche Fälle sind zum Verzweifeln

Aber so ist es natürlich nicht. Harte Strafen für die Jungs, sagt Duhem, seien ganz gut, das spräche sich herum. Vielleicht schrecken sie ein paar ab. Es gibt andere, bei denen ist das sehr schwierig, das weiß Kirsten Heisig, das weiß der ehemalige Quartiersmanager. Die Jugendlichen aus hochkriminellen arabischen Clans, sagt sie, das sei sehr schwierig. Sie würde die Kinder aus den Familien herausnehmen, sagt sie. "Knallhart. Per Sorgegerichtsentscheid. Sie haben sonst keine Chance." Sie sagt, sie sage das, auch wenn sie weiß, dass sie sich damit wieder einmal nicht beliebt macht. "Ich sage es trotzdem. Der Staat hat auch ein Wächteramt gegenüber den Kindern."

Dann müssen wir weiter. Kirsten Heisig hat den nächsten Termin, wieder um die Ecke, im Jugendrechtshaus auf der Lessinghöhe, eine Delegation aus den Niederlanden ist zu Besuch, Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky hat sie dazu geladen. Mit Buschkowsky, das ist nicht schwer zu erraten, versteht sie sich gut. Wir gehen also wieder los, im Laufschritt, sie sagt, es gäbe schon Fälle, die seien zum Verzweifeln. Straftäter, bei denen ihr die Luft wegbliebe, auch nach 17 Jahren als Richterin noch. Gerade habe sie den Lebenslauf eines 14-Jährigen gelesen, der hätte eine drei Jahre Jüngere vergewaltigt, ein Register von massiven Gewaltvorfällen - "Da geraten wir an unsere Grenzen. Da ist nichts mehr mit Prävention, da geht nur noch vollstreckbare Jugendstrafe." Einmal hat sie einen Jungen zu sechs Jahren und sieben Monaten verurteilt. Verurteilen müssen. Für mehrere Momente ist das Lachen aus Kirsten Heisigs Gesicht verschwunden.

Daheim auf der "Insel der Glückseligen"

Wir laufen weiter, gerade ist irgendwo der Unterricht zu Ende, Schulkinder rennen quer über den Bürgersteig, Kirsten Heisig schlängelt sich durch. Sie hat selbst zwei Kinder, Mädchen, 12 und 14, ungefähr so alt wie die "Kandidaten" der Richterin. Aber ihre Töchter, sagt Heisig, lebten im Vergleich auf einer "Insel der Glückseligen", in Steglitz, gehen auf ein bodenständiges Gymnasium. Eigentlich rede sie mit ihren Mädchen erstaunlich wenig über ihre Arbeit. Eine andere Welt. Manchmal nennt Kirsten Heisig ihre "Kandidaten" nicht "Kandidaten", sondern "Schützlinge".

"Hallo, guten Tag, Heisig, Amtsgericht Tiergarten." Die Delegation ist noch unterwegs, der Kaffee wartet. Kirsten Heisig hält kurz inne. Einmal, sagt sie, hat sie sich doch geärgert über einen dieser Namen, die ihr gegeben wurden.

Einmal nannte sie jemand "Richterin Gnadenlos". "Richter Gnadenlos", so war auch der ehemalige Hamburger Bürgermeister und Innensenator Ronald Schill genannt worden. Der habe doch nur rumkrakeelt, ohne ein Konzept zu haben. "Ich will doch, dass am Ende etwas dabei rauskommt."

Kirsten Heisig, geboren am 24. August 1961 in Krefeld. Nach dem Abitur 1981 Umzug nach Berlin, Jurastudium an der Freien Universität. 1987 erstes Staatsexamen, anschließend Referendariat. Nach dem zweiten Staatsexamen 1990 Eintritt in den Justizdienst in Berlin, zunächst als Staatsanwältin für den Bereich Betäubungsmittelkriminalität. Ab 1992 Richterin, zunächst für allgemeine Strafsachen, ein Jahr später für Jugendstraftaten. Zunächst zuständig für den Bezirk Pankow, später Friedrichshain und Kreuzberg - und seit 2008 für das Neuköllner Rollbergviertel. Sie gilt als Initiatorin des sogenannten Neuköllner Modells, das unter anderem vereinfachte Jugendstrafverfahren beinhaltet. Sie warnt seit Jahren vor zunehmender Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen und legt einen Schwerpunkt ihrer Arbeit auf Prävention. Kirsten Heisig ist verheiratet, hat zwei Töchter und lebt mit ihrer Familie in Steglitz.

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