Bespitzelungsaffäre bei der Bahn

Sarrazin wirft Mehdorn vor, die Unwahrheit zu sagen

Berlins scheidender Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) hat Bahnchef Hartmut Mehdorn vorgeworfen, in der Bespitzelungsaffäre bei der Bahn nicht die Wahrheit gesagt zu haben. Denn aus seiner Zeit in dem Konzern wisse er, dass wesentliche Geschäftsvorfälle "immer" dem zuständigen Vorstand berichtet würden.

Foto: ASA

Das Timing war perfekt: Die Axel Springer Akademie, an der sämtliche jungen Journalisten des Verlags ausgebildet werden (Bild, WELT-Gruppe, Hörzu etc.), hatte Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) zum Interview-Training für den neuen Lehrgang eingeladen. Der seit Langem vereinbarte Termin fiel nun ausgerechnet in die Woche von Sarrazins Berufung an die Bundesbank. Der streitbare SPD-Mann kam trotz Terminstress und stellte sich den Fragen der Nachwuchsreporter.

Jeweils sechs von ihnen nahmen Sarrazin in die Zange. Ein Interview-Marathon unter Live-Bedingungen. Natürlich ging es um den Wechsel nach Frankfurt, um seine Bilanz in Berlin – und schließlich um die Bahn, deren Chefrevisor und späterer Netz-Vorstand er zwei Jahre lang war. Dabei kam es zu folgendem Wortwechsel:

Morgenpost Online: Herr Sarrazin, werden Sie auch bei der Bundesbank veranlassen, die Mitarbeiter zu bespitzeln?

Thilo Sarrazin: Ich muss meine Mitarbeiter dort nicht bespitzeln. Ich schaue mir die Akten an, die sie mir vorlegen.

Morgenpost Online: Sie waren im Vorstand der Bahn. Hat Hartmut Mehdorn Ihrer Meinung nach tatsächlich nichts gewusst?

Sarrazin: Da kann ich nur den Kopf schütteln. Ich war vier Monate Leiter der Konzernrevision, bis ich in den Vorstand wechselte. Mehdorns Aussage, er habe nichts gewusst, ist vollständig lachhaft. Er war damals mein unmittelbarer Chef, an den ich berichtet habe. Wesentliche Geschäftsvorfälle werden immer dem zuständigen Vorstand berichtet. Mehdorn sagt da nicht die Wahrheit.

Morgenpost Online: Sie wechseln zur Bundesbank, aber wären Sie nicht der bessere Bahnchef?

Sarrazin: Die Bahn hätte ich sicherlich besser geführt.

Morgenpost Online: Würden Sie Herrn Mehdorn empfehlen zurückzutreten?

Sarrazin: Nicht jedem ist das Gefühl für den richtigen Zeitpunkt des Rücktritts gegeben. Mehdorn darf jetzt nur aus einem einzigen Grund bleiben: Die SPD stellt den Finanz- und den Verkehrsminister und könnte deshalb auch den neuen Bahnchef benennen. Das möchte aber Merkel selber machen, falls sie demnächst mit Guido Westerwelle regiert. Deshalb soll die Entscheidung noch bis Oktober aufgeschoben werden.

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