"Saison-Arbeit"

Was der Bademeister im Winter macht

Ob Freibad oder Strandparty - alle warten auf den Frühling. Und wenige so sehnlich wie jene Berliner, für deren Beruf angenehme Temperaturen ganz unverzichtbar sind. Morgenpost Online hat vier von ihnen besucht, um zu schauen, wie sie überwintern.

Foto: Christian Hahn / Hahn

Der Freibad-Chef

Der Mann trägt immer noch Sonnenbrille, aber statt Basecap eine Mütze mit Wollbesatz. Schließlich ist Winter - auch im Strandbad Wannsee, wo Axel Ott arbeitet. Ott ist der Betriebsleiter, hat 23 Mitarbeiter. Man könnte auch sagen: Er ist der König der Berliner Bäder. Schließlich ist das denkmalgeschützte Areal das Kronjuwel. 210 000 Menschen gingen hier in der vergangenen Saison schwimmen. Mehr Besucher hat kein Bad.

Jetzt ist es menschenleer. Niemand schwimmt, springt, schreit - oder hinterlässt Dreck. Das Strandbad hat Winterpause.

Ott nicht. Der 58-Jährige und ein Techniker halten die Stellung. Ott muss Brandflecken an Strandkörben ausbessern und Graffiti entfernen. Er repariert zerbrochene Fußstützen, erneuert Beschläge, grundiert mit Holzschutzmittel. 260 Strandkörbe stehen in der 500 Quadratmeter großen Halle D wie Dora. Daneben: 60 Bänke, über- und nebeneinander gestapelt. Auch die werden im Winter überholt. Außerdem streicht Ott 14 Bojen mit Anti-Fouling-Mittel. Und er kontrolliert die Heizung. "Die Innenräume und Toiletten werden geheizt, damit die Rohre nicht platzen", sagt Ott. 120 Klos gibt es auf dem Areal und 100 Urinale. "Toiletten", sagt Ott, "nach denen fragt im Sommer keiner". Für Badende hält der Wannsee her.

Täglich geht Ott zum Aufsichtsturm. Auf seinem einstündigen Rundgang prüft er, ob die Scheiben heil sind, ob wer eingebrochen ist, ob die Zäune noch stehen, und wie die Treppen aussehen. Danach zieht er sich ins Büro zurück. Das Radio läuft. Ott trinkt den Restkaffee vom Morgen, sichtet Bewerbungen, gibt Bestellungen auf, vom Reinigungsmittel bis zum Klopapier. Er bereitet die Sommerpartys vor. Er genießt die Stille - und sehnt sich doch den Sommer herbei. "Dann passiert jede Sekunde etwas. Aufsicht, Polizei, Ehevermittler, Schlichter, Schnellrichter, Müllmann, Sanitäter - wir müssen alles auf einmal sein."

Seit 39 Jahren arbeitet er hier. Zu Gast war er schon als Vierjähriger. Ein anhänglicher, ein wilder Junge: "Ich bin meinen Eltern schon vier Mal am Tag ausgebüchst, weil es bei der Aufsicht Bonbons und Cola gab." Sonnenbrille besaß er damals keine. Aber Badehosen. Die trägt er auch im Winter - immer dann, wenn er in anderen Bädern einspringen muss.

Der Herr der Dampfer

Nach dem Silvesterfeuerwerk in der Nähe des Brandenburger Tors war schnell Schluss. Die letzten sechs Vergnügungsdampfer der Stern und Kreisschiffahrt, die im Winter noch unterwegs waren, machten fest. Die insgesamt 40 Boote der Flotte gehen auf Landurlaub und werden in den Werften von Spandau und Köpenick einer ausgiebigen Schönheitskur unterzogen. Es gehe um die Verlängerung des "Schiffsattests", um das, was für Autos die TÜV-Plakette ist, erklärt Jürgen Loch, einer der beiden Geschäftsführer.

Mit Ultraschall etwa wird gemessen, ob der Rumpf noch immer die vorgeschriebene Stärke hat, es wird Rost entfernt, an manche Stelle kommt ein verstärkendes Blech. Ganze Küchen werden ersetzt, Trinkwassertanks kontrolliert, drei Schiffe erhalten darüber hinaus erstmals Rußpartikelfilter.

Für Jürgen Loch gibt im Jahr nie mehr zu tun als im Winter, der für ihn am 14. März endet, wenn in Mitte die ersten Schiffe wieder Berliner und Touristen über die Spree schippern. Dieser Tage nun entwirft Loch in seinem Büro an der Treptower Puschkinallee den nächsten Fahrplan, bringt Kooperationen auf den Weg und kümmert sich ums Marketing.

Rund 240 Menschen sind während der Saison an Bord der Schiffe beschäftigt. Das Ende der Saison bedeutet für die meisten von ihnen das Ende ihrer Anstellung bei der Stern und Kreisschiffahrt. Während einige zur Modernisierung und Aufarbeitung der Schiffe mit in die Werften gehen, muss sich das restliche Personal nach neuer Arbeit umsehen. "Manche der Kellner beispielsweise gehen in dieser Zeit in die Skigebiete", sagt Jürgen Loch.

Und wenn die Sonne wieder dauerhaft hervorkommt, braucht er auch wieder reichlich Mitarbeiter. Denn Jürgen Loch spekuliert, dass der Fremdenverkehr in Berlin von den Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise profitieren wird. "Ich vermute, dass die Zahl internationaler Gäste sinkt. Andererseits werden noch mehr Deutsche nach Berlin kommen, die ihre Zweitreise des Jahres nun nicht ins Ausland, sondern nach Berlin führt." Jürgen Loch hat also genug Gründe, dem Beginn der Saison entgegenzusehnen.

Der Eisverkäufer

Zwischen acht und neun Uhr herrscht im Zoo Ruhe vor dem Publikum. Die Tierpfleger misten die Ställe aus und füttern ihre Tiere. Manfred - genannt Manni - Boden füllt seine Eisbestände auf. Im Sommer. Dann verkauft er 71 Sorten. Von März bis Oktober ist Hauptsaison. Acht fliegende Händler preisen die abgepackte Ware an. Nur Manni ist auch im Winter, bei Schnee und bei Regen, vor Ort: Jeden Morgen füllt er den Magnum-Automaten im Affenhaus auf. Genauestens beäugt von Gorilla-Mann Ivo. "Er wartet auf mich", sagt Manni, "ich gehe zu seiner Scheibe. Er brummt mich an. Dann ist gut."

Der Mann ist in einem Alter, in dem andere längst in Pension gehen. Er hängt an seinem Beruf. "Zu Hause hätte meine Frau sonst eine Menge Arbeit für mich."

Als Einzelgesellschafter verkauft er Eis im Botanischen Garten, Olympiastadion, Velodrom sowie in der Max-Schmeling-Halle, außerdem auf Sonderveranstaltungen wie dem Sommerfest des ZDF, auf CDU-Parteitagen, Kanzlerfesten und sämtlichen Messen unterm Funkturm. Jüngst auf der Grünen Woche hatte er drei Milchbars in Betrieb.

Am Anfang war der Mais. "Mais aus den USA war mein erster Verkaufsschlager auf dem Messegelände. Dann fiel mir auf, dass am Nachbarstand nie genug Eis vorrätig war. Ich habe bei Schöller angerufen und nachgefragt." Prompt wurde ihm das Geschäft angeboten. 1968, zur Grünen Woche, stieg er mit drei Mitarbeitern in den Eisverkauf ein. Dem Produkt blieb er treu - nur die Marke hat er vor zwanzig Jahren gewechselt. Zur Fußballweltmeisterschaft 2006 hat er 48 Eisverkäufer ins Olympiastadion geschickt. Zu allen sechs Spielen.

Seine Erfahrung: Hitze ist schlecht fürs Geschäft. "Dann trinken die Leute lieber Selter." Die ideale Verkaufstemperatur betrage 25 Grad. "Wichtig ist, dass die Sonne scheint und es ein bisschen warm ist. Die besten Verkaufsmonate sind März und April. "Dann sind die Zoo-Besucher ausgehungert nach Eis." Der Eismann selbst hat andere kulinarische Vorlieben: Rollmöpse und Bratheringe.

Die Strandparty-Macherin

Ja, genau so sieht das Gegenteil von Sommer aus: Der "Bundespressestrand", diese Beach-Bar am Ufer der Spree mit Blick auf das Kanzleramt, ist von Schnee bedeckt. Dürr schauen da und dort Palmenstängel aus dem steinharten Sand, auf einem Teich schwimmt Eis.

In wärmerer Jahreszeit sitzen hier die Mitte-Berliner in leichter Kleidung bei Pina Colada und Lemon-Bier, während über Lautsprecher Elektro-Lounge aus Ibiza erklingt. Nicht aber dieser Tage. Chefin Johanna Ismayr wirft einen Blick über ihr unwirtliches 5000-Quadratmeter-Areal und schlägt den Mantelkragen hoch.

Dabei ist ihr innerlich ganz wohlig zumute. Denn dieser Winter ist anders als in den vorangegangenen Jahren. "Da plagten uns täglich Sorgen wie: Brechen bei der Kälte die Leitungen, reißt der Wind ein Loch ins Zeltdach, überstehen wir überhaupt finanziell den Winter bis zur Eröffnung um Ostern?"

Heute muss sie nicht zittern. "In diesem Winter brauchen wir nicht zu bangen, denn wir sind gut gebucht", so Ismayr. So kommt etwa DJ Ötzi für eine Pressekonferenz ins Zelt, auch ein Kaviar-Züchter aus Mecklenburg-Vorpommern hat zu einer Medienpräsentation an den Bundespressestrand eingeladen.

Und sonst? Wie sieht der Winter aus für sie und ihre vier Mitarbeiter? "Da säen wir, um im Sommer zu ernten", lächelt die Mutter zweier kleiner Kinder. Also werden ab September, wenn der Bundespressestrand für die Öffentlichkeit schließt, Unternehmen kontaktiert, Angebote für Firmenveranstaltungen geschrieben, überarbeitet, neuerlich versandt, es gibt Begehungen des Bundespressestrandes mit Interessenten, es müssen neue Flyer entworfen werden und immer wieder: nachhaken. Lohn der Mühe sei ein "voller Veranstaltungskalender", sagt Ismayr, 100 bis 150 Events im Jahr, geschlossene Veranstaltungen, die neben dem normalen Bar- und Restaurant-Betrieb steigen.

Gewiss habe sie "zwischendurch schon mal den Kanal voll", sagt Johanna Ismayr. Aber nie so voll, dass sie sich bei so viel Aufwand um die Bespielung ihres Veranstaltungsorts mitunter wünschte, ein Restaurant zu besitzen, das rund ums Jahr geöffnet ist. "Nie. Auch nicht im Winter", sagt sie energisch. "Gastronomie kann doch jeder: Auf den Knopf drücken, und das Licht geht an."

Ihr Bundespressestrand fordere sie als Eventmanagerin, sagt sie: "Das hier ist ein Ort, der von immer neuen Ideen lebt." Und gute Ideen haben eben ständig Saison. Auch im Winter.