Lala Berlin

Eine charmante Chaotin erobert die Modewelt

Sie vergisst Termine, zickt bei der Modelauswahl und hasst künstliche Brüste: Leyla Piedayesh. Doch die Gründerin des Modelabels Lala Berlin macht alles mit so viel Charme, dass man ihr nicht böse sein kann - und vor allem mit Kreativität. Anne Klesse begleitete die Erfolgsdesignerin, die sich noch immer kein Chanel-Kostüm leisten kann, bei der Arbeit.

Mit dem Handy am Ohr kommt sie uns entgegen. Spricht schnell und laut mit der Person am anderen Ende der Leitung: „Du, Maus, ich bin gleich beim Shan und sprech die Haare durch“ – und geht vorbei. Erst als ich hinter ihr herlaufe und hektische Handzeichen mache, unterbricht Leyla Piedayesh ihr Telefongespräch. „Kennen wir uns?“ Sie hat unseren Termin vergessen.

Irritiert könnte man den Gesichtsausdruck nennen, den die lebhafte Frau mit dem langen dunkelbraunen Haar jetzt hat. Die Gründerin des Labels Lala Berlin scheint gedanklich im Schnelldurchlauf ihre Termine durchzugehen. Eines ist ziemlich offensichtlich: Es sind wohl ein paar zu viele. Das ist aber auch kein Wunder – als wir uns treffen, laufen die Vorbereitungen für ihre Show auf der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin noch auf Hochtouren.

Wie sie es am liebsten hat, begann ihr Morgen trotzdem mit einer Stunde Yoga, jetzt muss Leyla Piedayesh ins Atelier, dann zum Friseur Shan Rahimkhan am Gendarmenmarkt, um mit dem Stylistenteam die Frisuren durchzugehen, die die Models auf dem Laufsteg tragen sollen. Ihr Handy klingelt schon wieder. Es ist die oder der „Maus“ von eben. Zu uns gewandt, flüstert sie, in die Richtung eines Cafés nickend: „Wenn ihr mir einen Kaffee ausgebt, dann können wir da vorn ein Foto machen.“ Ihr Portemonnaie hat sie auch vergessen.

"Damals dachte ich, hey, mir gehört die Welt"

Wir machen es heute also auf ihre Art. Irgendwie ist es auf etwas chaotische Weise charmant, wie sie die Situation regelt. Ich hänge mich also der 38-Jährigen an die Fersen, werde sie zu ihren Terminen begleiten. Vorher spazieren wir das Stückchen vom Yoga-Studio am Hackeschen Markt zum Atelier an der Rückerstraße. Beim Gehen kämmt sich Leyla Piedayesh die Haare. „Hast du ’nen Lippenstift dabei?“ Leider nein. „So ’n bisschen Rot im Gesicht würd mir ja nicht schaden“, sagt sie und tätschelt meinen Arm, wie um sich dafür zu entschuldigen, dass sie heute ein bisschen durch den Wind ist. Zu ihrem Glück, wenn man das so sagen kann, ist es kalt, und ihre Wangen sind ohnehin schon leicht gerötet. Jetzt also das Foto. Ihr Haar ist nun streng nach hinten gebunden, Leyla Piedayesh trägt einen königsblauen Kaschmirpullover aus ihrer eigenen Kollektion, enge schwarze Hosen und hohe Stiefel.

Die Geschichte von Lala Berlin und der 1970 in Teheran geborenen Wahlberlinerin Leyla, die als Kind Lala – nach dem gelben Teletubby – genannt und ohne entsprechende Ausbildung zu einer erfolgreichen Designerin wurde, begann vor fünfeinhalb Jahren auf einem Flohmarkt in Prenzlauer Berg. An einem Trödelstand im Mauerpark entdeckte Leyla Piedayesh gestrickte Pulswärmer, von denen sie so begeistert war, dass zu Hause auf alten Nadeln gleich weitere solcher Paare gestrickt werden mussten. Letztendlich wurde daraus eine ganze Kollektion, finanziert mit 6000 Euro Starthilfe vom Staat und dann auch in Zusammenarbeit mit einer professionellen Strickerin. Im Januar 2004 präsentierte sie die Klamotten auf der Berliner Modemesse Premium. Das Geld war aufgebraucht, eine Freundin spendierte ihr den Messestand. Am Ende der Veranstaltung hatte Leyla Piedayesh ihre Teile an Händler in ganz Europa, in Japan und den USA verkauft. „Damals dachte ich, hey, mir gehört die Welt. Jetzt erobere ich die Welt mit Lala-Berlin-Strick.“ Ganz falsch sollte sie damit nicht liegen.

Flucht vor der Gewalt

Dabei begann ihr Leben eher schwierig. Ihre ersten neun Lebensjahre verbrachte Leyla Piedayesh in Teheran. Bis es ihrem Vater, einem Gas- und Ölingenieur, und ihrer Mutter, Hausfrau, in der Heimat zu brenzlig wurde. Die Islamische Revolution 1979, Monate später der Beginn des ersten Golfkriegs mit dem Irak – die Eltern wollten für sich und ihre Kinder ein sicheres Leben in Freiheit und Demokratie. Deshalb schickten sie erst den Sohn, Leylas fünf Jahre älteren Bruder, auf ein Internat nach Deutschland. Schon bald zog der Rest der Familie nach, in das Land, in dem schon mehrere Verwandte lebten.

Ihre Jugend verbrachte Leyla Piedayesh in Wiesbaden. „Herrlich“, sagt sie. Kleine Stadt, trotzdem irgendwie mittendrin und nicht so richtig ab vom Schuss. Eine Jugend, ein bisschen behüteter, als es wohl in Berlin gewesen wäre, meint sie. Und verfällt gleich in den alten Dialekt. „Absolut Hesse binnisch.“ Wir lachen, sie macht weiter: „Aaah, logisch kannisch auch Hessisch babble.“ Nach mittlerweile zehn Jahren in Berlin spricht sie oft einen Mischmasch aus Hessisch und Berlinerisch. Und Bayerisch. Denn im Süden Deutschlands lebte sie nach ihrem Studium auch für mehrere Jahre.

Unbedingt zum Fernsehen habe sie gewollt, landete nach ihrem Abschluss an der International Business School in Bad Homburg tatsächlich in München, erst bei einer Filmproduktionsfirma, dann als Redakteurin bei den Privatsendern tm3, Pro7 und später MTV. Für die Sendung „MTV Masters“ zog sie nach Berlin um und produzierte Rockumentarys, eine Mischung aus Dokumentation und Porträts bekannter Musiker. Sieben Jahre lang arbeitete sie beim Fernsehen. „Dann hatte ich keinen Bock mehr“, sagt sie. „Es ging nicht mehr, meine Ansprüche wurden höher, ich wollte weiter.“ Einen Weg finden, der zur Zufriedenheit führt. Beim Fernsehen konnte sie den nicht erkennen. An dem Tag, an dem Leyla Piedayesh ging, dachte sie: „Karriere und all das – ich brauch das gar nicht, ich will das gar nicht.“ Das war im Jahr 2002.

Tausend Dinge – und eine kleine Fee

Ohne Job, aber mit dem festen Willen, ihr Leben zu ändern, setzte sich Leyla Piedayesh erst einmal für ein halbes, ein dreiviertel Jahr „zur Ruhe“, wie sie es nennt. Lag auf der faulen Haut, ging auf Reisen. „Ich war eigentlich mehr oder weniger planlos“, sagt sie heute über diese Zeit. Doch genau diese Planlosigkeit ließ offenbar Platz für eine Vision, die nach ihrem Flohmarktfund schnell Gestalt annahm.

Sie zog aus ihrer kleinen Singlewohnung in „ein Riesenloft im Wedding“, um Platz zu haben für ihre Arbeit, die Garne und das Werkzeug. Wedding – nicht gerade bekannt als Modehochburg. Doch Leyla Piedayesh mag gerade das: „Ich liebe Wedding.“ Mitte ist weit weg, die „ganzen typischen Mitte-Leute“ somit auch. Einfach eine schöne, lebendige Gegend, der Wedding. Sagt sie. Noch immer wohnt die Selfmadedesignerin dort, in dem Loft, das Heim, Büro und Lager gleichzeitig ist. Mittlerweile jedoch nicht mehr allein, sondern mit ihrem Lebensgefährten, dem Künstler und Galeristen Thorsten Heinze, und der gemeinsamen Tochter, der neun Monate alten Lou Parisa April Star. Parisa heißt auf Persisch „Geburt einer Fee“, sagt Leyla Piedayesh.

Sie wollte elfenhafte Mädchen

Gerade zahnt die kleine Fee, ausgerechnet jetzt, wo es ohnehin schon so stressig ist. Aber irgendwie scheint Leyla Piedayesh diesen ganzen Wirbel auch zu brauchen. Termine, Termine, an die Frisuren denken, das Make-up, die Feier nach der Show, zwischendurch Yoga, Schuhe für die Outfits kaufen (nicht nur in 40 oder 41, was die meisten Models tragen, auch ein Paar in 38 und eines in 39, denn „immer mehr Models haben immer kleinere Füße“). Sich raushalten und Verantwortung abgeben, das ist nicht ihr Ding, das schafft sie nicht – zu dem ganzen Modekram kommen dann auch noch die neuen Aufgaben: das Baby versorgen, Mutter sein und Partnerin auch. „Wir waren noch nie so gut organisiert wie diesmal“, sagt sie.

Das mit dem Modelcasting war aber gar nicht so einfach. „Ich wollte Mädchen mit einsachtzig“, sagt sie, als wir ihr Atelier an der Rückerstraße erreichen. Drinnen klingeln Telefone, Mitarbeiterinnen wirbeln durch die kleinen Räume, auf den Tischen liegen noch immer zig Setcards, die Visitenkarten der Models. „Das ist ’ne hoheitliche Angelegenheit“, sagt Leyla Piedayesh. Sie wollte elfenhafte Mädchen, groß, mit dünnen Storchenbeinen. „Man wird da zickig mit der Zeit. Plötzlich hörst du dich sagen: ,Oh, diese da hat aber ein bisschen zu viel Fett am Arsch.‘ Und dann denkst du: ,Leyla, sag mal, spinnst du?‘“ Denn natürlich hatte keines der Models, die sich bewarben, auch nur annähernd ein dickes Hinterteil. „Man hat halt so ein bestimmtes Bild im Kopf, die Kleider müssen schlabbern.“ Je länger man in diesem Business arbeitet, desto dicker kommen einem vermutlich normale Figuren mit runden Popos vor. „Und die Busen – da krieg ich die Krise“, sagt Leyla Piedayesh und verzieht angewidert das Gesicht. Gerade die aus Osteuropa haben immer öfter Silikonbrüste, sagt sie. „Die lassen sich Plastikbrüste reinpflanzen. Aber das braucht die Welt ja nun wirklich nicht.“ Ihr Blick wandert an mir herunter, bleibt prüfend auf meinem Oberkörper haften – „ich hoffe, du hast keine?“.

Weltweit etabliert

Knallhart ehrlich ist sie, manchmal vielleicht sogar distanzlos. Mitunter kann sie sicherlich auch hart sein, Leyla Piedayesh ist eben Geschäftsfrau. Sie hat Erfolg. Vom Atelier aus einmal um die Ecke, in der Mulackstraße, hat sie ihren Laden; weltweit wird ihre Mode mittlerweile in mehr als 60 Geschäften verkauft. Lala Berlin ist längst dem Flohmarkt- und Handwärmer-Image entwachsen, Leyla Piedayesh gehört zu den etabliertesten Modemacherinnen der neuen Generation. Prominente wie Claudia Schiffer, Barbara Schöneberger, Inga Humpe, Christiane Paul sind bekennende Lala-Berlin-Anhängerinnen. Bei ihrer Show am Tag darauf wird Boris Becker mit Freundin Lilly im Publikum sitzen, die Schauspielerinnen Jasmin Tabatabai und Alexandra Neldel und auch frühere Kollegen von MTV.

Das weitaus Wichtigere für Leyla Piedayesh aber ist: Sie ist glücklich. Ihren Weg hat sie gefunden und nennt ihn „eine Erfüllung“. Diese Arbeit kann sie sich sogar für die nächsten 50 Jahre vorstellen. Dazu das Muttersein – das habe sie schon verändert, ihren Blickwinkel. Sie verstehe jetzt, warum ihre Mutter früher nachts nicht schlafen konnte, bis die jugendliche Tochter nach einem Clubbesuch heil wieder zu Hause war. „Mir geht es jetzt auch so: Dein Kind, das ist ein Teil von dir. Du bist ständig in Sorge und kannst dir nicht mehr vorstellen, ohne diesen Menschen zu sein.“ Ein Zusammengehörigkeitsgefühl, so stark, wie es mit keinem anderen Menschen jemals war.

Vielleicht mal eine Kinderkollektion

Eigentlich gibt es nichts, was Leyla Piedayesh sich gerade wünscht. Vielleicht irgendwann ein Chanel-Kostüm. Denn das sollte jede Frau in ihrem Kleiderschrank hängen haben, findet sie. „So was kauft man sich fürs Leben.“ Nicht lebensnotwendig, natürlich nicht, aber doch so klassisch schön und zeitlos, dass es etwas für die Ewigkeit ist. Sonst aber sei sie eher der bequeme, pragmatische Modetyp. Chanel könne sie sich gerade eh nicht leisten, sie investiere noch alles, was sie verdient, in Lala Berlin. „Ich setze mir keine Ziele, ich will einfach glücklich sein und im Hier und Jetzt leben“, sagt sie. Demnächst steht der Umzug des Ateliers in die Brunnenstraße an, dann vielleicht endlich mal eine Kinderkollektion. Ja, doch, ein Haus mit Garten, irgendwann, das wäre vielleicht was. Ein bisschen zur Ruhe kommen wäre sicherlich nicht schlecht.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.