Tod bei Festnahme

Zeugen beobachten Schuss auf Berliner Kriminellen

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Axel Lier und Peter Oldenburger

Der Tod von Dennis J. in Schönfließ sorgt für Diskussionen. Beim Versuch, den Berliner Kriminellen festzunehmen, hatte ein Zivilbeamter den Mann am Silvesterabend erschossen. Zwei Jugendliche beobachteten den Einsatz aus nächster Nähe. Auf Morgenpost Online erzählen sie, wie sie die tödlichen Schüsse erlebten.

Die tödliche Schießerei von Schönfließ (Kreis Oberhavel), bei der ein 26 Jahre alter Kleinkrimineller aus Berlin in der Silvesternacht starb, sorgt auch innerhalb der Polizei für kritische Diskussionen. Die drei Zivilbeamten vom Streifendienst VB (Verbrechensbekämpfung) des Abschnitts 25 vom Kurfürstendamm in Charlottenburg waren zuvor über Stunden im Einsatz, um Dennis J. festzunehmen.

"Eigentlich ist die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr für solche Zugriffe eher ungewöhnlich“, sagte ein hochrangiger Beamter am Donnerstag. Normalerweise würde in diesem Zeitraum nur bei besonders gefährlichen Tätern eine Festnahme eingeleitet. „Dann wäre aber auch das Mobile Einsatzkommando oder gar das Spezialeinsatzkommando zum Einsatz gekommen“, so der Beamte. Doch J., der mit zwei Haftbefehlen gesucht wurde, soll sich mit vergleichsweise harmlosen Delikten wie Sachbeschädigung, Diebstahl, Nötigung und gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr in Verbindung mit Fahren ohne Führerschein schuldig gemacht haben.

Gestohlene Kennzeichen

Dennis J. fuhr am Silvesterabend mit einem Jaguar, dessen Kennzeichen im Bereich des Polizeiabschnitts 42 (Schöneberg, Friedenau) gestohlen worden sein sollen, nach Schönfließ im Landkreis Oberhavel. Sein Ziel war die Feldahornstraße, wo die Freundin des 26-Jährigen wohnt. Zwei Schwestern aus der Nachbarschaft hatten sich mit einem Freund gegen 17.30 Uhr zufällig in der Feldahornstraße aufgehalten und erlebten den Zwischenfall aus nächster Nähe.

Eine der Jugendlichen schilderte am Donnerstag Morgenpost Online, wie sie den Versuch der Festnahme, in deren Folge Dennis J. ums Leben kam, wahrgenommen hatte: „Wir hatten draußen ein paar Silvesterböller knallen lassen und sahen einen Sportwagen, einen Jaguar, der mit laufendem Motor in einer Parklücke stand. Schräg davor stand ein silbergrauer Wagen. Zwei Männer sprachen durch die Scheibe mit dem Jaguar-Fahrer und wollten die Wagentür mit Gewalt aufreißen“, sagte Miriam B. * Morgenpost Online. Dann sei plötzlich ein Schuss – offenbar ein Warnschuss – gefallen.

Der Mann im Jaguar habe im nächsten Moment den Rückwärtsgang eingelegt, sei zunächst gegen einen Zaun und danach wieder vorwärts weiter gefahren. Dabei erfasste der Wagen nach Angaben der Staatsanwaltschaft Neuruppin einen der Beamten am Bein und rammte das Polizeiauto, in dem einer der Zivilbeamten saß. Einer seiner Kollegen zog daraufhin seine Dienstwaffe und feuerte auf den Jaguar des Flüchtenden.

Die jugendlichen Zeugen wollen zwei weitere Schüsse gehört haben. Doch der Jaguar sei weiter die Straße entlang gerast. „Wir wollten über die Straße gehen und merkten, dass der Wagen nicht langsamer wird. Also drehten wir um. Im nächsten Moment krachte der Wagen schon voll in drei oder vier geparkte Autos“, erinnerte sich die Schülerin.

Die drei Jugendlichen liefen zu dem Unfallwagen, weil sie dem Verunglückten zu Hilfe kommen wollten. Als sie den Unfallort erreichten, hielt ein Mann in einer weißen Jacke die Teenager zurück. Der Polizist in Zivil, der eine weiße Wollmütze trug, gab sich den Jugendlichen als Polizist zu erkennen und forderte sie auf, zurückzubleiben. Kurz darauf tauchten, durch den Lärm der Schüsse und des Unfalls aufgeschreckt, Nachbarn aus dem Wohngebiet am Unfallort auf, darunter Miriams B.s Mutter.

„Als ich hinzukam, sagte mir Miriams Freund schon, der Mann im Wagen sei tot. Von einem Rettungswagen war weit und breit nicht zu sehen“, berichtete die Frau. Unterdessen habe der Polizist mit der weißen Mütze telefoniert. Er brauche keine Verstärkung mehr, er habe ihn erwischt, will Miriam B. verstanden haben.

Sanitäter versucht zu reanimieren

Einer der Nachbarn, ein ausgebildeter Sanitäter, habe dann mit einem zweiten Polizisten den 26-Jährigen aus dem Auto gezogen. Der Sanitäter habe mit einer Herzdruckmassage versucht, Dennis J. zu reanimieren. „Kurz darauf war alles voller Polizeiautos, ein Notarztwagen fuhr mit dem leblosen Jaguar-Fahrer davon“, sagte Miriam B.s Mutter.

Die verstörten und schockierten Teenager wurden schließlich von Beamten aufgefordert, sich gegen 21 Uhr auf einer Polizeiwache in Hennigsdorf zu melden. Dort wurden die beiden Schwestern einzeln fast drei Stunden von Kripobeamten befragt. Erst kurz nach Mitternacht kehrten sie nach Schönfließ zurück. Wie Morgenpost Online erfuhr, sollen die Beamten überaus skeptisch auf die Aussagen der Jugendlichen reagiert haben. Die Szene auf dem Parkplatz habe die Ermittler, so Miriam B., kaum interessiert. Umso mehr, wie es zu dem Unfall gekommen sei.

* Name geändert