Musik

Warum Bowie heute noch ein Berliner Held ist

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Ulrich Clauss

Foto: picture-alliance / dpa / dpa

Warum schreibt ein 35-Jähriger ein Buch über David Bowies Berliner Zeit? Morgenpost Online hat den Autoren Tobias Rüther gefragt, was ihn an der britischen Pop-Legende so fasziniert, dass er sich in die Zeitmaschine gesetzt hat. Sein Buch "Helden" ist gerade im Verlag Rogner&Bernhard erschienen.

Morgenpost Online: Warum soll man heute ein Buch über David Bowie im Berlin der späten siebziger Jahre lesen?

Tobias Rüther: Weil Bowie der berühmteste Zugezogene West-Berlins ist und weil sich sein Schicksal ungefähr jede Woche von neuem mit Typen, die wie ich aus einem kleinen Ort bei Osnabrück oder aus Stuttgart oder irgendwo anders hergezogen sind, wiederholt. Mit jedem neuen Berliner aus der Provinz wiederholt sich das, was Bowie in Berlin ausprobiert hat.

Morgenpost Online: Was hat er denn in Berlin ausprobiert?

Tobias Rüther: In eine Stadt zu kommen, die so groß, so zerklüftet und disparat ist, die so viele echte Kulissen bietet – das ist für jemanden, der von sich selbst denkt, dass er etwas mehr sein könnte als das, was er bis dahin gewesen ist, ein Sehnsuchtsziel. Ich glaube, Bowie ist das hohe Modell davon.

Morgenpost Online: Modell wofür?

Tobias Rüther: Im Fall Bowie ist es das Modell für einen absolut authentischen Künstler. Bowie löst mit seinem Leben den Anspruch ein, nur für die Kunst auf der Welt zu sein. Er bringt sich mit „Low“ – das ist eine der LP-Produktionen, die er wie „Heroes“ im legendären Tonstudio „Hansa at the Wall“ aufnahm – in Berlin auf den Punkt. Er produziert Musik, die wirklich etwas Neues bedeutet, und für ihn das Höchstmaß an Authentizität ist: „This is the closest you can get to David Bowie“, sagt er damals sinngemäß. Er emanzipiert sich von den Vorgaben seiner Plattenfirma, von seinem alten Management, nimmt sein Schicksal komplett selbst wieder in die Hand. Dass, was er da tut in Berlin, wiederholt sich permanent – auch wenn das kaum jemandem so gelungen ist wie David Bowie damals. Es geht um eine Berliner Karriere, die auch noch 2008 interessant ist. Bowie benutzte seinen Körper als Abspielstation seiner Schaffenskraft. Und es machte für mich einen großen Reiz aus, zu schauen, wie weit jemand damit gehen kann.

Morgenpost Online: Weit ist Bowie damals tatsächlich gegangen. Bowies Operation an der offenen Identität machte auch vor der Koketterie mit Nazi-Erbe und Führerkult nicht halt. Wieso hat man ihm das damals nachgesehen?

Tobias Rüther: Es ist nicht so, dass er damals ungeschoren davon kam. Gerade die Musikpresse haute ihm schon auf die Nase. Es gab damals Aktionen wie „Rock against Fascism“, wo er von anderen Bands und Zeitungen sehr deutlich beschuldigt wurde, mit dem Feuer zu spielen. Meine Erklärung, warum er so redet, hängt mit der damaligen Situation in England zusammen, wo Nazivergleiche manchem nahe liegend erschienen. Mitte der siebziger Jahre war England erschüttert von einer schweren Wirtschaftskrise, das ging bis zu Stromsperren. Es gab das Gefühl: Wir bewegen uns auf Weimar zu. Bowie war nicht der einzige, der sich zwei Fragen gestellt hat: Erstens, sind wir auf der Kippe zum Untergang? Und zweitens, brauchen wir jetzt einen Führer, der uns davor bewahrt? Damit war er nicht allein, Teile des englischen Establishments haben genauso geredet. Aber er war vielleicht der Einzige, der gesagt hat: „Ich wäre ein verdammt guter Hitler gewesen.“

Morgenpost Online: Wie deuten Sie denn dieses Identitätsexperiment?

Tobias Rüther: Kollektive Massenpsychosen erlebt in einer Demokratie vielleicht nur noch der Popstar, der Stadien füllt. Ich glaube, dass ihn das verführt hat, diese Vorstellung: Ich bin wirklich Ziggy Stardust (eine von Bowies Kunstfiguren, d. Red.), und wenn ich mich auf der Bühne zum Schein erschießen lasse, drehen die Leute durch. Dieses kollektive In-Ohnmacht-Fallen, diese Anbetung, das hat ihn beschäftigt. Ich glaube, dass seine Beschäftigung mit Hitler auch ein Weg ist, sich selbst zu verstehen, zu sehen: Was passiert, wenn ich da oben stehe und die Massen reagieren auf jeden Fingerzeig. Das halte ich natürlich für vollkommen durchgedreht, und letztlich tat er das auch selbst. Aber er guckt sich damals an und denkt: Was ist bloß mit mir los? Wie kann ich so etwas auslösen? Und sucht nach Erklärungen. Und aus dieser Gemengelage entsteht dieses Gequatsche.

Morgenpost Online: Frei nach Ernst Jünger könnte man sagen: Das Popkonzert als inneres Fronterlebnis. Kann man die Popkultur jener Jahre als post-faschistische Massenorgie interpretieren?

Tobias Rüther: Das geht mir zu weit. Weil das ein politisches Phänomen in die Pop-Musik hineinzwängen würde, das viel komplexer ist. Ich glaube, Bowie war damals einfach größenwahnsinnig veranlagt. Im Grunde hat ihn nur das Theatralische am Nationalsozialismus interessiert, die Inszenierung von Macht, die Speerschen Lichtdome. Von Politik redet er eigentlich nie.

Morgenpost Online: Bowie war nicht der Einzige in der Popkultur jener Jahre, der mit Nazi-Symbolen herumhantierte…

Tobias Rüther: Ja, im Punk tauchte das zeitgleich auch auf. Aber wenn sich die Punks Hakenkreuze ins Gesicht malten, war das Provokation und blieb auch im Status der Provokation.

Morgenpost Online: Sie beschreiben ausführlich, wie es Bowie in Berlin an Orte von Massenpsychosen der Hitlerzeit treibt…

Tobias Rüther: Er selbst sagt, dass er damals in Berlin für sein sehr persönliches Dilemma – auch für seine Drogensucht –genau das richtige Gegenmittel gefunden hat. Weil er plötzlich nicht nur von Menschen umgeben war, die wirklich in der SS waren, wie er einmal sagt, sondern auch von deren Kindern, die seit 1968 versucht haben, das zu bewältigen. Am Anfang hängt er aber noch in dieser Faszination fest und pilgert mit dem Fotografen Andrew Kent an einschlägige Orte in der Stadt, an die Brache des Führerbunkers zum Beispiel, um sich dort fotografieren zu lassen.

Morgenpost Online: Was sagten Ihnen Zeitzeugen dazu?

Tobias Rüther: Eduard Meyer, sein damaliger Tonmeister im Hansa-Studio, sagt, dass Bowies historische Faszination für Berlin anfangs noch deutlich zu spüren gewesen sei. Aber Berlin hat ihn dann sehr schnell geerdet. Was nicht nur damit zusammen hängt, dass sich der Drogennebel lichtete, der ihn in Los Angeles so lange umwölkt hatte.

Morgenpost Online: Gibt es dazu Aussagen von Bowie?

Tobias Rüther: Er hat einmal gesagt: „Ich treffe hier ständig Leute, die mir erzählen wollen, dass sie im Dritten Reich Juden versteckt haben.“ Er verspottet das, indem er mit falschem deutschen Akzent englisch spricht. Ich spreche in meinem Buch vom Gegenwartsschock, der ihm in Berlin widerfährt. Ihm werden die Folgekosten so einer ästhetisch übersteigerten Faszination bewusst - und das bringt ihn zurück auf den Boden der Tatsachen.

Morgenpost Online: Hat Berlin David Bowie gerettet?

Tobias Rüther: Los Angeles war für David Bowie Kulminationspunkt und Zusammenbruch eines jahrelang gepflegten exzessiven Lebensstils. Los Angeles als Filmstadt, als Stadt der künstlichen Kulissen hat ihm dabei zwar besonders zugesetzt, bei seinem immensen Drogenkonsum wäre er aber auch anderswo – sagen wir mal in Oslo – an existenzielle Grenzen gestoßen. Weiter nach Westen als Los Angeles ging es für den Engländer Bowie nicht, und sein Heimweh nach Europa wurde unstillbar geweckt. In dieser Zeit, ungefähr 1975, entdeckt er die deutsche Popmusik von Kraftwerk, die sich in die europäische Tradition der zwanziger Jahre stellt, zum Beispiel im Bühnenbild. Musik, die allen Formaten – anglo-amerikanischem Rock vor allem – eine Absage erteilt. Kraftwerk oder andere Bands wie Neu! und Can sagten: Das mit den hergebrachten Rockformen, das machen wir nicht mehr mit. Das machte Bowie, der in dieser affirmativen Welt von Los Angeles gestrandet war, obwohl er seit Beginn seiner Karriere dort unbedingt hinwollte, neugierig auf Formeln jenseits der kommerziellen Popmusik. Er hatte wieder ein Ziel.

Morgenpost Online: Was fand er an diesem Ziel vor?

Tobias Rüther: Intensität. Die Möglichkeit, sich zum Kunstwerk zu machen und im eigenen Kunstwerk zu leben. Die Chance, so zu werden, wie er glaubte zu sein, wie Nietzsche es ausdrückte: Werde, was Du vorgibst zu sein.

Morgenpost Online: Sie sind 35 Jahre alt, Mitte der Siebziger waren Sie noch ein Kind. Hätten Sie das von Ihnen ausgeleuchtete Bowie-Berlin gern als Erwachsener erlebt?

Tobias Rüther: Das Buch war für mich wie eine Zeitmaschine, für ein paar Tage dorthin zu reisen. Aber ich bin sehr froh im Hier und Jetzt.

Tobias Rüther, Helden. David Bowie in Berlin. Rogner & Bernhard, 200 Seiten, 19,90 Euro.