Tarifstreit

Gewerkschaft zwingt Berliner Kita zum Streik

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Florentine Anders

Foto: Massimo Rodari / Rodari

Bisher hat die Kita des Berliner Eigenbetriebes Nordwest den Arbeitskampf mitgetragen. Doch inzwischen sieht man das im Erzieherteam anders. Die Pädagogen wollen Kindern und Eltern weitere Streiktage nicht zumuten. Doch Ver.di reagiert mit Unverständnis. Jetzt will die Gewerkschaft Streikposten aufstellen.

Die Eltern der Kindertagesstätte des Eigenbetriebes Nordwest sind ihren Erziehern dankbar. Dankbar, dass sie sich in der kommenden Woche nicht am Streik beteiligen, obwohl die meisten von ihnen gewerkschaftlich organisiert sind. „Im Gegensatz zum Senat denken unsere Erzieherinnen trotz ihrer berechtigten Forderungen an das Wohl der Kinder“, sagt die Gesamtelternvertreterin Sylvia Frey.

Bisher hatte die Kita an allen Streikaktionen teilgenommen. „Die Eltern waren sehr kooperativ und haben wirklich nur in Notfällen eine Betreuung in Anspruch genommen“, sagt die Erzieherin Christina Wunderling.

Leidtragende sind die Kinder

Weitere Streiktage könne man den Kindern und Eltern nicht zumuten. Darauf hat sich das Pädagogenteam verständigt. Zumal in der kommenden Woche das Laternenfest ansteht, auf das sich die Kinder seit Wochen vorbereiten. „Natürlich wollen wir mehr Geld, aber nicht auf Kosten der Kinder“, erklärt Christina Wunderling, selbst aktives Mitlied der GEW, den Zwiespalt.

In einem Brief an die Gewerkschaft haben die Erzieher dargestellt, warum sie diesmal nicht in den Ausstand treten werden. In der Hoffnung auf Verständnis.

Doch die Ver.di-Betriebsgruppe der Kindertagesstätten Nordwest in Charlottenburg-Wilmersdorf, Reinickendorf und Spandau sieht in den Einrichtungen, die trotz Streiks ganz normal öffnen, ein Ärgernis. Schließlich werde dadurch die ganze Aktion geschwächt.

In einem Brief an alle Mitglieder fordert Ver.di die Kollegen auf, Streikposten vor allen Kitas des Eigenbetriebs zu postieren, die in der kommenden Woche geöffnet sind. Die Streikposten sollen mit den Eltern und Erzieherinnen über die Tarifauseinandersetzung diskutieren. Christina Wunderling fühlt sich zu Unrecht durch die Aktion bestraft. Schließlich hätten die Erzieherinnen bis zur Grenze der Belastbarkeit den Streik mitgetragen. „Die Notbetreuung tut vor allem den Kindern weh, sie werden aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen“, sagt sie.

Wut auf den Senat

Die Elternvertreterin Sylvia Frey hat trotz der Schwierigkeiten die Streikaktionen unterstützt. „Ich habe selber Kinder von anderen Müttern zu Hause mitbetreut“, sagt sie. Doch auf Dauer sei das nicht möglich. Wütend ist sie vor allem auf den Senat, der ohne Rücksicht auf die Familien zulasse, dass sich die Tarifauseinandersetzung so lange hinzieht.

Die Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes fordern 2,9 Prozent mehr Gehalt und zusätzlich drei Einmalzahlungen von jeweils 300 Euro. Der Senat lehnt jedoch nach dem Scheitern der Verhandlungen im Sommer jedes Gespräch darüber ab.

Zuletzt streikten die Pädagogen eine Woche vor den Herbstferien. Von den städtischen Kitas waren mehr als die Hälfte davon betroffen. „Wir rechnen damit, dass die Beteiligung in der kommenden Woche mindestens genau so groß ist“, sagt Klaus Schroeder von der GEW.

Auch Unterricht fällt aus

Besonders betroffen werden auch die Horte an den Grundschulen sein. Wie viel Unterricht ausfällt, hängt vom Anteil der angestellten Lehrer an den jeweiligen Schulen ab. Insgesamt ist in Berlin etwa jeder fünfte Lehrer angestellt, die anderen sind verbeamtet. An einigen Schulen fällt nach Angaben der GEW der Unterricht komplett aus. So seien vor allem an den Europa-Schulen viele Lehrer angestellt.

Der Landeselternausschuss fordert die Bildungsverwaltung auf, Unterricht und Betreuung sicherzustellen. Die Bildungsverwaltung habe auch während des Arbeitskampfes die Verpflichtung gegenüber den Schülern zu erfüllen, sagt Schindler. Verbeamtete Lehrer könnten verpflichtet werden, die Unterrichtsversorgung sicherzustellen, so Schindler.

Die Bildungsverwaltung teilt die Auffassung nicht. „Beamten steht zwar nach herrschender Rechtsprechung kein Streikrecht zu. Gleichwohl ist es gemäß einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts nicht zulässig, Beamte als ,Streikbrecher' einzusetzen“, sagt dazu Kenneth Frisse, Sprecher der Bildungsverwaltung.