Zwei plus vier

Wie Familienglück mit sechs Kindern funktioniert

Zwei Erwachsene, zwei große Geschwister und dann noch Vierlinge. Bei Familie Kübler geht es rund. Auch Johanna, Charlotte, Franziska und Alexander kamen in der Berliner Charité zur Welt – dort, wo auch Berlins Sechslinge betreut werden. Aus dem Alltag einer Großfamilie.

Foto: Mauritius

Johanna ist die Komikerin und schneidet liebend gern Grimassen. Charlotte ist der ruhende Pool, wirkt immer ausgleichend. Franziska hat es eilig, Lesen und Schreiben zu lernen, will bitteschön ganz schnell groß werden. Und ihr Bruder Alexander räumt gern für seine Geschwister auf, sorgt für ein klein wenig Ordnung im Chaos der Potsdamer Großfamilie Kübler.

Deren Vierlinge Johanna, Charlotte, Franziska und Alexander sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht, wie Feuer und Wasser. Dennoch sind sie Geschwister, allesamt am gleichen Tag, dem 3. Februar 2005, in der Berliner Universitätsklinik Charité am Campus Virchow Klinikum zur Welt gekommen - dort, wo derzeit auch Berlins Sechslinge betreut werden.

Das Potsdamer Quartett und die beiden älteren Geschwister Beatrice (7) und Katharina (5) sind der ganze Stolz von Mama Josephine Kübler. Dabei hat die 41jährige gelernte Grundschullehrerein noch gar keine Zeit gehabt, ihr Mutterglück so richtig zu genießen. Zu groß sind die Aufgaben, die plötzlich mit dem Kindersegen auf sie und ihren Ehemann Andreas Kübler (46), im Hauptberuf Pressesprecher des Bundesamtes für Bauwesen, hereingebrochen sind.

Vermuteten die Ärzte zunächst nach den Ultraschalluntersuchungen, dass Josephine Kübler Zwillinge bekommen wird, wurden daraus dann plötzlich Drillinge. Auf die Welt holten die Universitätsmediziner dann am 3. Februar 2005 per Kaiserschnitt sogar vier kleine neue Erdenbürger.

Zwei Jahre ohne Ruhe

Die bereits zweifache Mutter war nach einer hormonellen Unterstützung erneut schwanger geworden. Alle Kinder waren gesund, wogen aber nur um die zwei Kilogramm. „Wir hatten zwei Jahre keine Ruhe“, beschreibt Mutter Kübler, was dann geschah. Irgendeines der Kinder schrie immer - nach Milch, nach Geborgenheit und nach Aufmerksamkeit. „Man hat allerdings trotzdem nur zwei Hände“, schmunzelt sie. „Irgendwie wird man da pragmatisch und schließt zuerst jenes Kind in den Arm, das am lautesten schreit.“

Ihr Mann nahm sich in dieser extrem schwierigen Phase Elternteilzeit und war fortan einen zusätzlichen Tag in der Woche bei seiner großen Familie und half. Auch von der Potsdamer Stadtverwaltung bekam die achtköpfige Familie Unterstützung. Sie finanzierte eine Tagesmutter und mehrere 24-Stunden-Hilfen, die die Vierlinge auch nachts versorgten. Aus dieser Erfahrung gibt Vierlingsmama Kübler der Berliner Sechslingsmutter nun den Rat: „Immer Hilfe annehmen!“

Die Küblers jedenfalls akzeptierten jede Unterstützung. Die Caritas spendierte 6000 Euro. Das Geld reichte für einen gebrauchten „Kleinbus“, einen Ford Kastenwagen (Josephine Kübler nennt ihn „einen riesigen Schepperwagen“) für neun Personen, in dem die ganze Familie Platz hat. Ein Schlosser bastelte ihnen einen Kinderwagen. Nachbarn und Brandenburger spendieren nach wie vor Kinderkleidung, die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) schickte die Familie für drei Wochen auf die Insel Poel – zum Kraft tanken.

Täglich schafften die Küblers eine Herkulesaufgabe: 20 Milchfläschchen zubereiten, vier Babys an- und umziehen, wöchentlich 100 Windeln wechseln, täglich zwei Waschmaschinen anwerfen und ganz nebenbei noch viele Babytränen trocknen.

Auch in der Bewältigung von Kinderkrankheiten sind die Küblers jetzt Vollprofis. Wird ein Kind krank, dauert es nicht lange, bis das komplette Quartett flach liegt. Alle haben sie die Windpocken durchgestanden. Alle haben sie im selben Zeitraum ihre Zahnsorgen. Es ist schon soweit, dass im Falle, dass ein Kind Husten bekommt, die Hausärztin umgehend ein Rezept für eine extragroße Flasche Medizin schreibt. Die reicht dann für den ganzen Haushalt.

Inzwischen aber ist die kleine Rasselbande aus den Babyschuhen heraus und versteht schon, worum es geht und wann man lieber zuhören und gehorchen sollte. Wenn die Mutter jetzt mahnend ihre Kinder ruft, flitzen alle in die gleiche Richtung. „Jetzt geht es bergauf“, so die Mutter tapfer.

1500 Gramm Geburtsgewicht

Übermütig tollen die dreieinhalbjährigen Vierlinge über das Potsdamer BUGA-Gelände, klettern – natürlich alle vier gleichzeitig – auf ein Geländer. Als Alexander seine Schwester Johanna am Ärmel zupft, sie in seine Richtung ziehen will, verliert Johanna die Balance und stürzt vom Geländer. Das Mädchen liegt auf dem Rasen und weint bitterlich. Mutter Josephine Kübler nimmt die Kleine auf den Arm, prüft, ob sie unverletzt ist, schaukelt sie und streichelt das Gesicht der Kleinen, bis sie aufhört zu weinen.

Johanna war schon bei der Geburt die Zierlichste des Quartetts. Weniger als 1500 Gramm brachte sie auf die Waage. Physiotherapie half dabei, die Frühchen, die in der 35. Schwangerschaftswoche geboren wurden, zu kräftigen. Alle haben sich normal entwickelt, sind gesund und munter, nur Johanna wirkt noch immer zerbrechlich wie eine Porzellanpuppe.

Nachdem die Tränen getrocknet sind, rast sie aber schon wieder los und saust zusammen mit ihren Geschwistern den Berg hinab. Dabei strauchelt Alexander, fällt hin und weint. Wieder ein kleiner Notfall für Mutter Josephine, die zu ihrem Sohn eilt, um zu trösten.

Größere Unfälle blieben zum Glück bislang aus, erzählt sie. Sieht man mal davon ab, dass Beatrice ins Krankenhaus musste, weil sie eine Platzwunde am Kopf hatte oder dass Johanna wegen eines Krampfes schnell medizinische Hilfe brauchte.

Ein Tag bei den Küblers beginnt um halb sieben Uhr. Binnen einer Stunde müssen alle Kinder geweckt, gewaschen und angezogen sein. Auch das Frühstück erfordert eine straffe Logistik. Mutter und Vater Kübler schmieren für ihre sechs Kinder eineinhalb Toastbrote mit Sirup und Honig. „Wir haben es mit Müsli versucht, hatten aber leider keinen Erfolg“, sagt Mutter Josephine Kübler und lacht.

Mittags gibt es oft Spaghetti oder Kartoffeln. Essen zu gehen ist zu teuer, zu stressig. Tagsüber spielen die Kinder, gehen mit der Mutter auf einen Spielplatz. Wenn sie dann abends vor dem Einschlafen noch das Sandmännchen im Fernsehen gucken dürfen, wollen alle sechs Kinder neben Mutti sitzen, was nicht geht, weil Mutti keine sechs Seiten hat. Um acht Uhr steckt Josephine Kübler ihre fünf Mädels und den Jungen ins Bett.

Dann erst haben die Eltern Zeit für sich. Theoretisch. Denn faktisch sind die körperlich so erschöpft, dass sie eigentlich gar nichts mehr unternehmen können. Natürlich stauen sich da auch Wünsche auf. Mutter Kübler verrät, dass sie gern mal nach Dresden fahren möchte. Einmal die Semperoper besuchen, einmal über die legendäre Brücke Blaues Wunder spazieren. Das wäre schön.

Herrliche Erinnerung

Doch es gibt Wichtigeres, zum Beispiel die vier Schulranzen (etwa 120 Euro pro Tornister) für die Vierlinge, die bald zu besorgen sind, oder die sechs paar Schuhe pro Kind, die jedes Jahr benötigt werden. Über die Ausbildungskosten will sich Josephine Kübler lieber noch gar nicht den Kopf zerbrechen.

Bereut man eigentlich jemals eine solche Entscheidung? Josephine Kübler schaut irritiert. „Nein“, sagt sie bestimmt. Und jetzt, wo die Kinder reden, verstehen, sich schon selbst anziehen, könne sie anfangen, ihren Kindersegen richtig zu genießen.

Da gäbe es außerdem diese unvergleichlich schönen Momente, wie letztes Jahr Weihnachten zum Beispiel. Die Eltern hatten im Wohnzimmer einen großen Tannenbaum aufgestellt und geschmückt. Die Geschenke für die Kinder wurden rundherum drapiert. Endlich war er dann da, der heiß ersehnte Moment für die Kinder. Die Wohnzimmertür ging auf und die Kinder durften zu ihren Weihnachtsgeschenken. Aber statt über die Präsente herzufallen, blieben die Vierlinge fast andächtig stehen, nahmen sich an den Händen und tanzten um den Baum herum, einfach so.

Das hat Josephine Kübler zu Tränen gerührt. Es war das schönste Geschenk für sie und ihren Mann an jenem Weihnachtsfest.