Kinderbetreuung

Warum in Berlin künftig Hunderte Tagesmütter fehlen

Das Gesetz war gut gemeint – und richtet doch jetzt mehr Schaden an, als es nutzt. Nach dem Jahreswechsel werden Tagesmütter als eigenständiges Berufsbild anerkannt. Und damit sind sie plötzlich auch kranken- und rentenversicherungspflichtig. Kosten, die viele Tagesmütter nicht tragen können.

Foto: Massimo Rodari

Kaum kommt der Spielplatz in Tiergarten in Sicht, stürmen die vier kleinen Kinder los, jeder will zuerst an der Rutsche sein. Edda Gerstner rennt hinterher, sie ist die Tagesmutter der Gruppe Zweijähriger und passt auf, dass sich keiner beim Toben weh tut.

Noch. "Ich weiß nicht, was im kommenden Jahr auf mich zukommt, ob ich die Tagespflege fortführen kann", sagt sie. Grund für ihre Unsicherheit ist eine Gesetzesänderung des Bundes, die derzeit von der Jugendsenatsverwaltung für das Land Berlin umgesetzt wird. Das neue Gesetz ist Teil des bundesweiten Programms zum Ausbau der Kinderbetreuung in Deutschland. Im Zuge dessen werden Kindertagespfleger als eigenständiges Berufsbild anerkannt.

Kleine Beträge summieren sich

Der Nachteil der beruflichen Anerkennung ist, dass Edda Gerstner künftig, wie die anderen 1300 Berliner Tageseltern auch, Steuern zahlen muss und nach dem Jahreswechsel kranken- und rentenversicherungpflichtig ist. Bisher erhält sie pro Kind etwa 400 Euro Honorar vom Jugendamt ihres Bezirks. Dieser Betrag setzt sich aus Erziehungsgeld und Aufwandsentschädigung zusammen. "Das reicht gerade zum Leben, aber ohne meinen Mann würde ich finanziell nicht auskommen", meint Edda Gerstner. Auch, weil sie über ihn krankenversichert ist. Für ihre Rente hatte sie eigentlich bereits vorgesorgt: "Ich zahle in eine vom Land geförderte Lebensversicherung ein." Nun vermutet sie, dass der Förderbetrag wegfällt und sie zusätzlich die Versicherungsbeträge aufbringen muss. "Diese Summen schmälern das kärgliche Gehalt erheblich." Viele ihrer Kollegen kommen schon jetzt nicht über die Runden, beziehen zusätzlich Hartz IV. Außerdem ist Edda Gerstner nicht klar, ob das Jugendamt auch künftig die Miete der eigens angemieteten 55 Quadratmeterwohnung in der Flotowstraße in Tiergarten übernimmt, in der sie ihre Pflegekinder betreut.

Eine "leistungsgerechte Bezahlung", wie das im Gesetzestext der Bundesregierung angekündigt wird, kann sie nicht erkennen. "Wir arbeiten wie Selbstständige, nehmen bei Krankheit und Urlaub Lohnausfälle in Kauf und sind dennoch abhängig vom Senat."

Dass sie nun Teil einer eigenständigen Berufsgruppe ist, begrüßt Edda Gerstner: "Wir Tagesmütter in Berlin arbeiten alle nach dem vorgegebenen Bildungsplan der Senatsverwaltung, sind entweder zur Erzieherin ausgebildet oder haben mindestens 160 Stunden Fortbildung besucht." Ihr Beruf würde häufig gering geschätzt, es sei Zeit, dass sich das ändere.

"Das Gesetz ist nur tragbar, wenn die Leistungen, die die Pfleger vom Jugendamt erhalten, um mindestens 50 Prozent steigen", sagte Eveline Gerszonowicz aus dem Arbeitskreis zur Förderung von Pflegekindern. "Wir gehen davon aus, dass 30 Prozent der Tagesmütter ihre Tätigkeit nicht fortführen können, wenn das Land Berlin die finanzielle Situation nicht grundlegend verbessert." Dann würden 1500 der 4500 Betreuungsplätze bei Tageseltern in Berlin für Kinder unter drei Jahren wegfallen.

Individuelle Förderung

Der Arbeitskreis zur Förderung von Pflegekindern wirft dem Jugendsenat vor, nicht ausreichend auf die veränderte Gesetzeslage reagiert zu haben. Doch Kenneth Frisse, Sprecher der Jugendsenatsverwaltung, weist diese Vorwürfe zurück: "Die Regelungen im Detail müssen auf Landesebene noch erarbeitet werden, da steht auch die Senatsverwaltung unter Zeitdruck." Berlin habe für den Gesetzesentwurf des Bundes gestimmt, da dieser auch beinhalte, dass sich die Entgelte für die Tagespflege insgesamt erhöhen.

Doch wie ihre berufliche Situation in sechs Wochen aussieht, kann sich Edda Gerstner trotzdem nicht vorstellen. "Ich hoffe, dass am Monatsende des Januars genug Geld auf dem Konto sein wird." Denn, obwohl sie nur widerwillig ihre Tätigkeit aufgeben würde, muss es sich lohnen. Seit 26 Jahren betreut sie Kinder, zuerst die eigenen vier. Später, nach der Geburt ihrer Tochter Britta, kamen fremde hinzu. Sie bemüht sich, die Kinder individuell zu fördern.

Obwohl Lasse, Paul, Lennard und Viktoria erst zwei Jahre alt sind, haben sie jeden Freitag eine Musikstunde, Donnerstags geht die Gruppe gesammelt in die St. Paulus-Gemeinde in Moabit, um andere Kinder und Tagesmütter zu treffen und zu turnen. In der Kinder-Wohnung von Edda Gerstner schlafen, spielen und basteln sie.

Unterstützung für Tageseltern

"Da nur vier Kinder von Edda betreut werden, kann sie auf die Bedürfnisse meines Sohnes Paul eingehen", sagt Anna Leonhardi. Die Rechtsanwältin hatte sich, als ihr Sohn ein Jahr alt war, nach einer Kita umgesehen.

"Doch dort hätte sich Paul gegen zwanzig andere Kinder durchsetzen müssen." Die Betreuung sei schlecht gewesen, teilweise betreute nur eine Erzieherin die ganze Krabbelgruppe. Anna Leonhardi wäre auch bereit, mehr für die vertrauenswürdige Unterbringung von Paul bei Edda Gerstner zu bezahlen. Allerdings gibt es Grenzen, mehr als 20 Prozent seien nicht drin. Im Moment hat Anna Leonhardi einen Betreuungsgutschein vom Jugendamt, der ihr die Freiheit lässt, zwischen Kita und Tagespflege zu entscheiden. Die Kosten trägt zur einen Hälfte das Jugendamt, zur anderen sie selbst. "Es wäre eine Katastrophe, wenn Edda aufhören müsste, für Paul ist sie zu einer wichtigen Bezugsperson geworden, fast eine Ersatzmama."

Um die Berliner Tagesmütter zu unterstützen, würde sich Anna Leonhardi gerne engagieren. Doch bisher sind die Kinderbetreuer kaum vernetzt und organisiert. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen aus Tiergarten und Mitte hat Edda Gerstner einen Forderungskatalog an die Senatsverwaltung geschickt, mobilisiert die Tagesmütter, die sie kennt. "Die Bedingungen dürfen sich nicht verschlechtern, wir müssen uns einsetzen." Edda Gerstner hofft, dass die Jugendsenatsverwaltung die besondere Situation in Berlin berücksichtigt: "Hier gibt es mehr Tagesmütter als anderswo, obwohl die Bezahlung schlechter ist als in den westlichen Bundesländern."

Auch in den Bezirken wird gespannt auf den Gesetzesentwurf der Jugendsenatsverwaltung für das Land Berlin gewartet. "Ich hoffe, dass das möglichst schnell passiert, denn wir müssen die Vorlage bis 2009 umsetzen", sagt Klaus Sareika, Regionalleiter für Kinderbetreuung im Bezirk Spandau.

Die kurzfristig geplante Gesetzesänderung hätte die etwa 100 Tagesmütter des Bezirks verunsichert. Dabei lege er Wert auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit, will in Zukunft die individuelle Kinderbetreuung mit Kitas gleichsetzen. "Die Tagesmütter sind unentbehrlich", so Sareika, "gerade für Eltern, die ihre Kleinkinder in familiärem Umfeld betreuen lassen wollen oder ungünstige Arbeitszeiten haben."