Rechte Dresscodes

Berlin kämpft gegen Modeladen für Neonazis

Runen-T-Shirts statt Springerstiefeln: Ein Berliner Geschäft für in der rechten Szene beliebte Mode empört Nachbarn und ruft Gewalt auf den Plan. Doch der Rummel macht den Laden interessant – für Kunden und Schaulustige. Der Hausbesitzer fühlt sich getäuscht und versucht, den Mieter wieder loszuwerden.

Foto: ddp / DDP

Die Rosa-Luxemburg-Straße in Berlin ist ihres Namens zum Trotz nach der Wende eine gutbürgerliche Straße geworden. Seriöse Geschäfte, Galerien und hippe Lokale, - wäre da nicht der optische Schandfleck Haus Nummer 18 mit seinen zerborstenen Schaufenstern, übersät mit roten und schwarzen Klecksen von wütend gegen die Hauswand gedonnerten Farbbeuteln.

Ein Bekleidungsgeschäft vorwiegend für junge Leute zieht erkennbar die Abneigung der Nachbarschaft auf sich. "Tönsberg" steht in schwarzen Versalien über dem Laden mit seinen sauber geordneten Regalen und auf den ersten Blick qualitätsvollen Kleidungsstücken wie T-Shirts, Pullovern und dem üblichen Modeangebot für junge Käufer. Nicht billig. Unter den Regalen fallen freilich tarnfarbene Jacken auf, an der Wand Bilder mit Runen und Wikingerschiffen.

Die Kollektion heißt "Thor Steinar", und das T-Shirt im Schaufenster mit der Aufschrift "kontaktfreudig" weist seltsamerweise Blutspritzer auf - zynische Ironie, setzt doch auch eine blutende Wunde einen "Kontakt" voraus. Dass aber auch das gelbe T-Shirt mit Palmen und Sonnenuntergang statt der möglichen Aufschrift "Hawaii" die Aufschrift "Palau" oder "Marschall" trägt - Pazifikinseln einst unter deutscher Flagge -, halten kritische Beobachter nun doch für szenetypische Merkmale der neuen rechtsradikalen Szene, zu denen auch der vermeintliche Luxusliner unter Palmen passt, der sich als Kriegsschiff aus dem Ersten Weltkrieg entpuppt.

Anschein von rechtsradikalem Gedankengut löst linksradikale Reaktionen aus

Seit der Öffnung des Ladens ist die Stimmung im Umfeld eisig geworden, haben sich Bürgerinitiativen gebildet, stehen beklebte Container vor der Tür, die Stellung beziehen, auch über die Tatsache, dass das Scheunenviertel einst eine traditionelle jüdische Vergangenheit hatte und im Haus Nummer 18 sieben jüdische Mitbürger bis zu ihrer Deportation gelebt haben. Dass schon der Anschein von rechtsradikalem Gedankengut linksradikale Reaktionen auslöst, beweisen die Zerstörungen am Gebäude, von denen sich die Initiative "Mitte gegen rechts" distanziert. Dort geht man den legalen Weg und verfolgt interessiert den für den 30. September terminierten Rechtsstreit über die Kündigung der Mieträume.

Sollte das alles Zufall, bösartige Unterstellung sein? Die schlanke, braun gebrannte Verkäuferin reagiert sichtlich genervt. Doch zur Aufklärung steuert sie nichts bei. Sie könne doch nicht all den Ignoranten die Bedeutung von Runen erklären. Im Übrigen mache der Rummel das Geschäft nur interessant. Kunden kämen genügend, was Lilian Engelmann von der Aktion "Mitte gegen rechts" mit dem Ausdruck des Bedauerns bestätigt: "Vor allem an den Wochenenden. Merkwürdige Leute; gelegentlich aber auch harmlose wie Touristen aus Norwegen." Die Regierung in Oslo allerdings hält das Treiben um die Tönsberg-Boutique - der Name wurde einer norwegischen Stadt entlehnt -, offenbar für nicht ganz so harmlos und untersagte dem Besitzer Uwe Meusel, einem Unternehmer aus Königs Wusterhausen, die Benutzung seines Labels wegen widerrechtlicher Verwendung des staatlichen norwegischen Hoheitszeichens. Das Verfahren läuft.

Meusel, Inhaber einer Ladenkette, ist nicht mehr zu sprechen. Von ihm sind Äußerungen nur aus der Vergangenheit bekannt. Er verkaufe Sachen und keine Ideologie, behauptete er, dem vorgeworfen wird, Rechtsradikale in seinem Unternehmen zu beschäftigen. Die "Frankfurter Rundschau" fertigte er mit dem Satz ab: "Schreiben Sie, was Sie wollen. Der Kunde schreit nach unseren Klamotten." Seine global hergestellten Waren werden inzwischen bundesweit, sogar schon in Kommission, vertrieben, allerdings auch überall angegriffen. Sie haben eine Abkehr vom verlotterten Skinhead-Image eingeleitet, besonders seit sich andere Marken wie Fred Perry und Lonsdale offiziell von jeglicher Nähe zum Nationalsozialismus distanzierten.

Fußballvereine verweigern Besuchern im Runenschick den Zugang

Richtig bleibt indes auch, dass das Tragen seiner Kleidungsstücke bis auf eine Ausnahme nie rechtskräftig zum Straftatbestand erklärt wurde. Juristische Ausnahme bildete ein bisher einmaliger Strafbefehl über 100 Tagessätze zu je zehn Euro für eine 23-jährige Brandenburgerin im Thor-Steinar-Pullover - ein Urteil, das freilich in Justizkreisen nicht recht ernst genommen wird, solange es nicht zu einem ähnlichen Urteil mit Signalwirkung von einem Oberlandesgericht kommt.

Andererseits verweigern immer mehr Institutionen Besuchern im dezenten Runenschick der Tönsberg-Boutiquen den Zugang zu ihren Einrichtungen; beispielsweise die Fußballvereine Hertha BSC, Werder Bremen und der FC St. Pauli; außerdem der Deutsche Bundestag und der Landtag von Mecklenburg-Vorpommern. In vielen Städten haben sich haben sich ähnliche Initiativen wie in Berlin entwickelt, in Magdeburg, Leipzig und Naumburg laufen auch Klagen gegen den Betreiber.

Wie versteckt die Hinweise auf die braune Ideologie dieser Sachen sind, versteht nur, wer sich auskennt in der okkulten Symbolik, in die sich die rechtsradikale Szene längst zurückgezogen hat. Was die Runen im Thor-Steinar-Logo betrifft, so spielen gerade die dort verarbeiteten Tyr- und Gibor-Runen die zentrale Rolle im rechtsradikalen Verständnis. Erstere garnierte im Nationalsozialismus das Abzeichen der Reichsführerschulen, Letztere das Symbol für die brutale SS-Division "Das Reich". Und wenn weiter im Tönsberg-Schaufenster in der Rosa-Luxemburg-Straße zwei Basecaps mit je einem "S" so nahe beieinander liegen, dass einem das SS förmlich ins Auge springt - alles nur Zufall?

Zahlen spielen die andere große Rolle. Die Acht als achter Buchstabe im Alphabet - "H" wie Hitler oder noch besser: "88" für "Heil Hitler". Meusels Kollektion arbeitet gern mit der Zahl 44 - in Runenform gegossen, könnte man auch daraus "SS" ablesen. Inhaber Uwe Meusel könnte sich von all dem distanzieren, wie es die Unternehmen von Perry und Lonsdale getan haben. Doch dazu kein Wort von dem 29-jährigen Geschäftsmann.

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