Unesco-Entscheidung

Berliner Siedlungen hoffen auf Welterbe-Titel

Zwei bekannte Berliner Namen stehen bereits auf der prestigeträchtigen Weltkulturerbe-Liste der Unesco. Heute könnten weitere hinzukommen. Denn sechs Siedlungen aus den 20er Jahre sind für den begehrten Titel nominiert. Befürworter und Kritiker schauen gespannt nach Kanada. Dort soll die Entscheidung fallen.

Anfang der 20er Jahre fehlten in Berlin 130.000 Wohnungen. Die, die es gab, waren häufig dunkel, eng und feucht. Die Weimarer Verfassung garantierte jedoch „jedem Deutschen eine gesunde Wohnung“. Zusammen mit der Avantgarde aus Kunst und Architektur versuchte die Politik, ihre sozialpolitischen Utopien umzusetzen. Architekten wie Bruno Taut, Walter Gropius und Hans Scharoun schufen funktionale, schlichte Wohnanlagen. Sechs dieser „Siedlungen der Moderne“ bewerben sich um den begehrten Welterbe-Titel der Unesco. Berlin hat mit der Museumsinsel und den Preußischen Schlösser und Gärten bereits zwei Stätten in der Liste.

Die UN-Kulturorganisation will am heutigen Montag in Quebec (Kanada) über eine Aufnahme in die entsprechende Liste entscheiden. Anders als in den Mietskasernen des 19. Jahrhunderts waren in den avantgardistischen Berliner Sozialbauten Bad, Toilette und Zentralheizung Pflicht. Die Grundrisse orientierten sich am Ideal der Kleinfamilie, es gab getrennte Zimmer für Wohnen und Schlafen, es gab Balkon oder Loggia. Düstere Hinterhöfe gehörten der Vergangenheit an, die Anlagen waren hell, die Bewohner sollten in den Grünanlagen Erholung finden. Zudem war das Ganze erschwinglich, Wuchermieten waren tabu.

Es wurden auch architektonische Trends gesetzt: Die klaren Formen und Strukturen waren wegweisend für die Baumeister des 20. Jahrhunderts. Zeilenkonzepte ersetzten die Blockbebauung. Vor allem Taut setzte Farbakzente. Häufig waren in die Siedlungen auch Einkaufsläden, Cafes, Arztpraxen integriert. Berlin wurde so zur Metropole des modernen Städtebaus.

Innerhalb von zehn Jahren bis Anfang der 30er Jahre entstanden Wohnanlagen wie die für die Unesco-Liste nominierte sogenannte Weiße Stadt, die Gartenstadt Falkenberg, die Siedlung Schillerpark, die Hufeisensiedlung Britz, die Wohnstadt Carl Legien sowie die Großsiedlung Siemensstadt. Neben Taut, Scharoun und Gropius waren Architekten wie Otto Bartning, Hugo Häring, Martin Wagner und Heinrich Tessenow beteiligt.

Neuer Name für U-Bahnhof "Parchimer Allee"

Im Hoffen auf den Titel bekam am Sonntag ein Bahnhof der Linie U7 einen neuen Namen: „Hufeisensiedlung“ stand in großen Lettern auf den Schildern und Tafeln, wo noch vor Kurzem „Parchimer Allee“ zu lesen war.

Initiiert hatte die Aktion die Freunde und Förderer der Hufeisensiedlung Berlin-Britz e.V. Es ging um Aufmerksamkeit für die wohl bekannteste der sechs Berliner Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus der Zwanzigerjahre, die in die Unesco-Welterbeliste aufgenommen werden sollen. Der Bund hatte 2006 einen entsprechenden Antrag gestellt.

„Besucher aus aller Welt, insbesondere Architektur-Touristen, interessieren sich für die Siedlung. Aber man findet sie kaum“, begründet Christoff Jenschke, Vorsitzender des Vorstands der Freunde und Förderer, die Aktion. Der Verein sei Ansprechpartner für Hauseigentümer in der Siedlung, wenn es darum gehe, die Häuser denkmalgerecht zu renovieren. Ein Gutachten, das „jedes Detail“ der 679 Häuser, die nach den Plänen der Architekten Bruno Taut und Martin Wagner gebaut wurden, dokumentiere, wolle der Verein in Zukunft als Datenbank der Allgemeinheit zugänglich machen. Dem Verein liege am Herzen, dass die Einheitlichkeit der Bauten erhalten bleibe – auch nachdem die Reihenhäuser an verschiedene Eigentümer veräußert wurden.

Die komplette Siedlung mit den Gärten und Grünflächen stehe seit 1986 unter Denkmalschutz. Deshalb würde sich für die Hauseigentümer mit dem Titel kaum etwas ändern. Von dem Stempel „Weltkulturerbe“ verspricht sich Jenschke vor allem zusätzliches nationales und internationales Renommee – ein Weltkulturerbe könne für den „Problembezirk“ Neukölln zum Aushängeschild werden. Neben der Berliner Museumsinsel und den Preußischen Schlössern und Gärten wären die „sechs Siedlungen der Moderne“ der dritte Kandidat, der einen Platz auf der prestigeträchtigen Liste des Unesco-Welterbes einnehmen würde.

Die Namensfolien am Bahnhof Parchimer Allee seien nach der Aktion wieder entfernt worden, sagt Jenschke. Vom Senat oder von der BVG gebe es noch keine Rückmeldung auf die Idee, den Bahnhof umzubenennen.

Die Siedlungen sind noch heute begehrt

Die Siedlungen sind auch heute noch begehrt. Immer mehr junge Familien zögen in die mittlerweile größtenteils sanierten Quartiere, meldete die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Die Wohnungen seien als stadtnahe Alternative zum Umland gefragt. Mietverträge würden nicht selten von einer Generation an die nächste vererbt. Der Leerstand liege deutlich unter dem Berliner Durchschnitt. Rund 10.000 Menschen leben momentan hier. Die Wohnungen sind heute häufig in Privatbesitz.

„Wir sind zuversichtlich, dass es mit der Aufnahme in die Liste klappt“, sagte der stellvertretende Generalsekretär der deutschen Unesco-Kommission Dieter Offenhäußer. Die Bewerbung sei attraktiv, da die Siedlungen herausragende, universelle Bedeutung für sich beanspruchen könnten. Zudem seien solche Wohnanlagen bislang nicht in der Liste enthalten. Ähnlich argumentierte auch der Berliner Landeskonservator Jörg Haspel. „Wir glauben, dass wir mit einem Beitrag aus dem 20. Jahrhundert eine Lücke decken.“ Daher sei eine Ablehnung unwahrscheinlich.

Kritiker der Berliner Bewerbung jedoch bemängeln, dass es Bauten der Moderne auch andernorts gegeben habe, in so unterschiedlichen Ausprägungen wie den Klinkerbauten Amsterdams, den Arbeiterpalästen Wiens oder den Experimentalstädte der jungen Sowjetunion. Der Großsiedlungsgedanke der 20er Jahre sei in ganz Europa Gemeingut gewesen.

Insgesamt umfasst die Unesco-Liste momentan 851 Stätten in 141 Ländern, allein 32 davon in Deutschland.