Spaziergang

Elena Bashkirova ist die Frau für den guten Klang

Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Diesmal Elena Bashkirova.

Spaziergang mit Elena Baschkirova

Spaziergang mit Elena Baschkirova

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Elena Bashkirova strahlt, als sie aus dem Haus kommt. Sie verströmt Herzlichkeit und Eleganz. Und plötzlich steht auch ihr Ehemann neben ihr, aber nur, um sich gleich wieder zu verabschieden. Dirigent Daniel Barenboim ist auf dem Weg in seine Staatsoper Unter den Linden, während seine Frau einen gut geplanten Spaziergang durch Dahlem macht. In jeder Familie, das kennt wohl jeder aus eigener Erfahrung, gibt es einen, der immer vorneweg läuft. Bei den Barenboims ist es offensichtlich Elena Bashkirova. Die Pianistin meint, bei ihr würden alle immer darüber stöhnen. Aber sie war schon immer vorneweg.

In der Parkanlage Erlenbusch findet der Fototermin statt. Elena Bashkirova ist geduldig, sie weiß mit Kameras umzugehen, zupft mal hier und mal dort an der Kleidung, lächelt und findet stets die richtigen Posen. Danach sprintet sie gleich wieder vorneweg durch den Park. Früher sei sie täglich eine Stunde spazieren gegangen, sagt sie, aber heute habe sie das Gefühl, weniger Zeit dafür zu haben. Das hat offenbar gute Gründe.

Zum einen ist sie inzwischen wieder als Virtuosin aktiver, demnächst gibt sie einen Klavierabend in der Philharmonie, und sie bereitet für April ihr „Intonations – Das Jerusalem International Chamber Music Festival“ in Berlins Jüdischem Museum vor. Außerdem sei ihr Mann jetzt mehr zu Hause, fügt sie hinzu. Damit meint sie: in Berlin. Der Pianist und Dirigent kümmert sich neben der Staatsoper auch um die neu installierte Barenboim-Said Akademie, eine Musikhochschule, und die Profilierung des Pierre-Boulez-Saals.

Auch ein Schweigen kann ein aufrichtiges Bekenntnis sein

Inzwischen sind wir die Englerallee nach oben gelaufen und haben den Gustav-Mahler-Platz erreicht. Elena Bashkirova schwärmt von der offenen Parkanlage. Dabei ist es offensichtlich, dass wir vor allem dort sind, weil der Platz Mahlers Namen trägt. Über den Komponisten selbst wollen wir eigentlich nicht sprechen. Aber auch ein Schweigen kann ein aufrichtiges Bekenntnis sein. Wir schlängeln uns hoch in die Haderslebener Straße und steuern das Ziel Botanischer Garten an.

Hinter jedem großen Mann, heißt es, steht auch eine große Frau. Auf die Frau hinter dem Weltkünstler Daniel Barenboim ist man in Berlin erst in den vergangenen Jahren aufmerksam geworden. Während sie sich hier in der Öffentlichkeit zurückhielt, feierte sie etwa als Klavierbegleiterin von Soprandiva Anna Netrebko in Paris Triumphe und leitete ihr Kammermusik-Festival in Jerusalem. Ursprünglich stammt sie aus einer Moskauer Musikerdynastie. Ihr Vater Dmitri Bashkirov ist Pianist, aber vor allem ein russischer Virtuosenmacher, der lange Jahre am legendären Moskauer Tschaikowski-Konservatorium unterrichtete.

„Die berühmte russische Klavierschule, das ist ein Mythos, weil es im Prinzip auch in Russland verschiedene Klavierschulen gibt“, sagt Elena Bashkirova: „Genau genommen stammen alle Klavierlehrer aus der Franz-Liszt-Tradition. Liszts Schüler haben ihr Können weitergegeben. Wobei jeder Lehrer auch seinen Charakter an die Schüler mitgegeben hat.“ Ihr Vater lernte bei Alexander Goldenweiser, der bei Alexander Siloti und der bei Liszt. „Goldenweiser war sehr klassisch streng, mein Vater sehr fantasievoll. Daraus ist eine interessante Mischung entstanden.“

Von der Bashkirov-Schule, aus der Pianisten wie der Russe Arcadi Volodos, der Franzose Jonathan Gilad oder der Dresdner Peter Rösel hervorgingen, will sie bei allem Stolz aber nicht reden. „Alle ehemaligen Schüler sprechen, wenn sie sich treffen, zuerst vom Bashkirov-Klang.“ Sie sei bereits als kleines Kind, erzählt Elena Bashkirova, oft bei seinen Unterrichtsstunden dabei gewesen. Ihr Vater hatte nicht nur im Konservatorium, sondern teilweise auch zu Hause unterrichtet. „Ich fand es immer interessant, wie er in nur einer Stunde einen Schüler dazu brachte, etwas künstlerisch Wertvolles zu spielen.“

Darüber hinaus hat ihr Vater seine Schüler auch motiviert, andere Musik zu hören. „Er hat Abende bei uns zu Hause organisiert, bei denen die Studenten Platten des Dirigenten Wilhelm
Furtwängler oder des Pianisten Artur Schnabel hörten. Dann wurde darüber diskutiert. Sein Unterricht war eine Bildung in Kultur.“ Seine Tochter, die zwar auf eine Musikspezialschule ging und Klavierspielen lernte, interessierte sich allerdings für tausend andere Dinge mehr als für eine Pianistenkarriere. Sie war fasziniert vom Theater, vom Schauspielern und Regieführen, entwarf Bühnenbilder.

„Als ich 15 Jahre alt war, musste ich mich entscheiden, ob ich das Klavierspielen zu meinem Beruf machen kann und will. Mein Vater bot mir ein Jahr an, wenn ich hart arbeite und alles andere beiseiteschiebe“, erzählt sie: „Das hat meinen Stolz berührt. Ab 16 habe ich am Konservatorium offiziell bei ihm studiert.“ Die Leidenschaft fürs Klavier war erwacht. Eigentlich ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass Kinder besser nicht bei ihren Eltern ein Instrument erlernen sollten. Es gibt nur unnötige Reibungen. „Wir sind beide nicht nachtragend“, sagt Elena Bashkirova. „Er konnte mich als Schülerin ganz schrecklich finden, aber zehn Minuten später saßen wir bei einer Tasse Tee, schauten Fernsehen und redeten über ganz andere Dinge.“

Über die Grunewaldstraße hinweg haben wir den Eingang zum Botanischen Garten erreicht. Elena Bashkirova beginnt zu schwärmen und will gleich hineingehen. Meine Ausrede, wonach im Winter doch alle Bäume kahl sind, wird erhört. Wir stürmen weiter in Richtung Podbielskiallee. Der Name geht zurück auf den preußischen Staatsmann und Landjunker Victor von Podbielski. Aber ursprünglich gehörte die Familie zum polnischen Adel. Elena Bashkirova spricht den slawischen Namen mehrfach vor sich hin, wie es nur slawische Muttersprachler können. Der Name klingt plötzlich viel weicher, fließender. Die Pianistin spricht Deutsch nach wie vor mit einem russischen Akzent. Neben ihrer Muttersprache spricht sie Deutsch, Französisch, Englisch und etwas Spanisch. Die Sprachbegabung ist typisch bei den durch die Welt reisenden Künstlern. Bei ihr reicht es bis in die eigene Familie hinein. Mit ihrem Mann spricht Elena Bashkirova Englisch, mit den beiden in Paris geborenen Söhnen Französisch oder Deutsch und mit ihrer in Berlin lebenden Mutter Vera, einer Geigerin, Russisch.

„Ich bin zu Hause, wo meine Familie und meine Freunde sind. Das ist Berlin.“ Vielleicht idealisiere man immer ein bisschen die Vergangenheit, sagt sie auf die Frage nach ihren Erinnerungen an die frühere Sowjetunion. „Ich bin heute über die Erfahrungen dankbar, auch wenn sie teilweise sehr dramatisch waren.“ Bereits mit 20 Jahren war sie aus Moskau weggegangen.

1978 hatte sie Gidon Kremer geheiratet. Der bereits weltweit gefragte Geiger hatte die Regierung um einen zweijährigen Urlaub gebeten. Das Ehepaar ging nach Paris. Dann lief die Genehmigung aus. „Ich war ein junges Mädchen“, sagt Elena Bashkirova: „Es war unsere Entscheidung, im Westen zu bleiben. Aber wir wollten keinen vollständigen Bruch mit der Sowjetunion.“ Es folgte eine Phase des Lavierens, und die Regierung habe ein bisschen mitgemacht. „Aber das Experiment ist am Neid und der Missgunst der Kollegen gescheitert.“

Sie wollte keinen vollständigen Bruch mit der Sowjetunion

Und wie so oft in totalitären Ländern musste jemand bestraft werden. Das waren ihre Eltern. „Mein Vater durfte nicht mehr reisen und man strich ihm alle großen Konzerte. Er hat acht Jahre seiner Karriere verloren. Und auch meine Mutter, die damals im Orchester des Bolschoi-Theaters spielte, durfte nicht auf Reisen mitfahren und wurde schikaniert. Ich fühlte mich dafür verantwortlich, aber ich konnte nicht zurück.“

Gidon Kremer war es, der ihr auf die großen Bühnen verhalf. „Ich war damals sehr stolz darauf, dass jemand von seiner Größe mit mir auftreten wollte“, erinnert sie sich: „Das Gefühl der Bühne, vom Publikum, von der Konzentration auf die Musik wurde mir wichtig. Wir sind sehr viel gereist. Es war für mich ein großer Sprung von Begleitung und Kammermusik hin zum Solistischen.“ Dann aber habe sie damit wieder aufgehört, weil sie die Einsamkeit einer Solistin bedrückt hat. „Gerade die Reisen in kleinere Städte, wo man ankommt und niemanden kennt. Aber nach einem Konzert muss man sich mit jemandem treffen, man hat noch das hohe Adrenalin. Ich fand diese Existenz total miserabel. Ich kenne viele Kollegen, denen das ähnlich geht und die trotzdem weitermachen. Ich habe dann mehr Kammermusik gemacht.“

Am Kaiser-Wilhelm-Platz halten wir kurz inne und beschließen, den Rückweg anzutreten. Bei ihrem Berliner Festival „Intonations“ war es von Anbeginn üblich, die Kammermusiker auch in Naturalien zu bezahlen. „Das Gesellige rund um mein Festival“, bestätigt Elena Bashkirova, gehe auch auf diese Einsamkeitserfahrung als Solistin zurück. „Aber seit fünf, sechs Jahren spiele ich wieder alleine und habe sogar gelernt, die Stunden nach einem Konzert allein zu genießen.“

In Paris traf sie auf Daniel Barenboim, der später ihr zweiter Ehemann wurde. „Meine Mutter und ich haben anfangs darüber gescherzt. Sie sagte, für sie als Tuttigeigerin sei jeder Dirigent ein Klassenfeind“, erinnert sich Elena Bashkirova. „Natürlich war Daniel damals schon ein großer Pianist. Wir haben von Anfang an eine wichtige Entscheidung getroffen, dass wir nicht miteinander spielen. Das ist, von seltenen Ausnahmen abgesehen, bis heute so geblieben. Er hat als Dirigent immer sehr große Solisten gehabt, alle haben mit ihm gespielt. Ich weiß heute, es war besser für mich, meine eigene Sache zu machen. Ich verehre ihn viel zu sehr und habe viel von ihm gelernt.“

Ihre Söhne sind auch Musiker geworden. David, der Ältere, war erst von Wagners Musik begeistert. „Dann kam die Pubertät, und Popmusik und Hip-Hop wurden ihm interessanter. Jetzt komponiert er, macht seine eigene Musik und Videos.“ Man sucht ihn am besten unter dem Künstlernamen KD-Supier. Michael, der Jüngere, hat zunächst am Klavier begonnen. Dann kam der Umzug nach Berlin und der Wechsel zur Geige.

„Es war die Zeit, als alle Kinder die Comicserie ,Teenage Mutant Ninja
Turtles‘ sahen“, erzählt Elena Bashkirova: „Am Ende waren die Bösen immer besiegt und die Schildkröten haben Pizza bestellt und gegessen.“ Die Pizzarestaurants wären damals voll gewesen. Dann brachte sie ihren Sohn das erste Mal zum Geigenunterricht. „Die Lehrerin gab ihm eine kleine Geige und einen Bogen und sagte ihm, dass wir zuerst zupfen. Und das heißt auf Italienisch Pizzicato. Er war sofort hellwach.“ Michael Barenboim hat inzwischen eine beachtliche Karriere als Geiger gestartet.

Schwer zu sagen, ob er diese Anekdote gerne in der Zeitung liest. Seine Mutter erzählt sie noch zu Ende: „Mittlerweile spielt er die großen Stücke von Pierre Boulez, wo viele Pizzicato-Stellen drin sind. Ich muss immer innerlich lachen.“ Am Erlenbusch angekommen, haben wir einen fröhlichen Abschied.

Zur Person:

Biografisches: Elena Bashkirova wurde als Tochter des Pianisten und Klavierpädagogen Dmitri Bashkirov 1958 in Moskau geboren. In seiner Meisterklasse am Moskauer Tschaikowski-Konservatorium studierte sie Klavier. Mit 20 Jahren verließ sie mit ihrem ersten Ehemann, dem Geiger Gidon Kremer, die Sowjetunion in Richtung Paris.

Künstlerisches: Die Pianistin gastiert international, in Berlin ist sie wieder am 22. Januar um 20 Uhr im Kammermusiksaal der Philharmonie zu erleben. 1998 rief sie das Jerusalem International Chamber Music Festival ins Leben, seit 2012 findet immer im April ein „Schwesterfestival“ im Jüdischen Museum Berlin statt.

Familiäres: Seit 1988 ist sie mit dem Pianisten und Dirigenten Daniel Barenboim verheiratet. Das Paar hat zwei Söhne, Michael Barenboim, der klassischer Geiger ist, und den Produzenten und Songwriter David Barenboim.

Spaziergang: Treffpunkt ist Am Erlenbusch in Dahlem. Der Weg führt die Englerallee hinauf bis zum Gustav-Mahler-Platz. Der Haderslebener Straße folgen wir bis zur Grunewaldstraße, um kurz darauf den Eingang zum Botanischen Garten zu erreichen. Wir gehen die Podbielskiallee hinunter bis zum Kaiser-Wilhelm-Platz. Wir kehren zurück zum Erlenbusch.