Aussehen

Ost und West: Sogar die Modestile sind zusammengewachsen

Alltags-Looks auf den Straßen der Hauptstadt: Der Autor Björn Akstinat hat nachgeschaut, wer wo was trägt und großartige Fotos gemacht

Bunt: Ron und Macha begegneten dem Buchautor Björn Akstinat in Friedrichshain.

Bunt: Ron und Macha begegneten dem Buchautor Björn Akstinat in Friedrichshain.

Foto: Björn Chris Akstinat schickaa

Besuche in West-Berlin, bei den Großeltern in Rudow etwa, waren für Björn Akstinat immer wunderlich. Ob dort, im Süden, oder im Zentrum der geteilten Stadt: Irgendwie waren die Menschen hier nachlässiger gekleidet als im Rest der Bundesrepublik. Das fiel dem Anfang der 70er-Jahre geborenen Besucher sogar auf, obwohl bei ihm daheim im Harz bekanntlich auch nicht pausenlos Fashion Week ist.

Seitdem Akstinat als zugezogener Erwachsener dann 2015 begann, jene mit bedacht gestylten Berliner zu fotografieren, die ihm in den Kiezen begegneten, kennt er die Feinheiten bezirklicher Unterschiede. Sie seien 30 Jahre nach Maueröffnung natürlich nicht mehr nach Ost und West zu trennen. Ein Schweizer Verlag hat seine markantesten Bilder jetzt in einem schweren, knallbunten Band veröffentlicht.

Wahl-Friedrichshainer Akstinat rühmt sich, die erste Internetseite ins Leben gerufen zu haben, die regelmäßig Fotos von Berlinern in ihrer Alltagskleidung zeigt und auf der die Menschen und nicht die Marken oder Labels im Mittelpunkt stehen. Zu sehen sind Fotografien aus den Innenstadtbezirken, aber auch aus Wedding, Steglitz und sogar Friedrichsfelde, wo er etwa eine Sabrina mit Gitarre und ihrem Stil aus Second Hand, Fair Trade und geschenkter Kleidung porträtiert hat. Sängerin Elke indes trägt in Prenzlauer Berg eine graue 80er-Jahre stonewashed Jeans und einen Blouson, so ätzend-rot wie die ikonische Lederjacke Michael Jacksons.

„Der Kommunismus hat Schönheit nicht zugelassen“

Denkt der Journalist, PR-Mann und Medienberater an seine Besuche in der Zeit rund um den Mauerfall, so erinnert er sich an DDR-Bürger, die „von Kopf bis Fuß Jeans trugen“, an die Vokuhila-Frisuren: vorn kurz, hinten lang. „In den Straßen des Ostteils schien mir damals, dass die Menschen uniform gekleidet waren, so grau wie die Fassaden. Der Kommunismus hat Schönheit nicht zugelassen. Es sollte ein Durchschnittsmensch produziert werden.“

Im Westen dagegen sah er Teile, die seit den 70ern aus der Mode waren: „Hawaii-Hemden und solche Sachen.“ 2009 zog Akstinat nach Berlin. Seit vier Jahren ist er in freien Momenten mit der Kamera unterwegs. Ein Kompliment ist bei Frauen oft der Eisbrecher, um sie zu einem spontanen Fotoshooting mit immerhin 20 bis 30 Bildern zu bewegen, aus denen eines dann auf der Webseite schickaa.com landet. „Je schicker die Leute gekleidet sind, desto eher sind sie bereit, sich fotografieren zu lassen. Wer sich so viel Mühe mit seinem Style gibt, ist froh, wenn das wahrgenommen wird“, sagt Akstinat.

Interaktive Anwendung: Wissen Sie noch, wo die Mauer Berlin teilte?

Auf Fotosafaris hat er eine Handvoll Viertel und Straßenzüge mit jeweils denselben Modemerkmalen ausgemacht. Im Zentrum des alten West-Berlins etwa kamen ihm besonders die Frauen in teurer Markenkleidung vors Objektiv. Ebenso am Savignyplatz, am Gendarmenmarkt und auf der Friedrichstraße. „Ihnen geht es darum, zu zeigen, was sie im Portemonnaie haben. Dabei machen sie sich mit den großen Logos an Brillen und Handtaschen nur zu wandelnden Reklametafeln.“

Das ganze Gegenteil findet er – ebenfalls Ost-West-übergreifend – in Friedrichshain-Kreuzberg, Nord-Neukölln und an der Weinmeisterstraße in Mitte. Dort ersetzten junge Menschen, oft Studenten, fehlende Kaufkraft durch Fantasie. „Sie statten sich auf den Flohmärkten auf dem RAW-Gelände, am Mauerpark oder bei Humana am Frankfurter Tor aus. Andere schneidern sich ein billiges Stück aus den populären Mode-Ketten so um, dass es aussieht wie kein zweites.“ Für den Spar-Look werde man in Berlin, dieser Hauptstadt der Jogginghose, „nicht schief angesehen“, sagt Akstinat. In München und Hamburg sei das anders. Überhaupt hält er Berlin für die Street Style Kapitale Europas.

Hohe Fotoausbeute hat Akstinat an der Neuen Schönhauser Straße in Mitte gemacht. „Dass sie für Mode einmal so bedeutend werden würde, haben die Menschen dort vor der Vereinigung bestimmt nicht gedacht“, sagt er. Grund sei die gute Mischung unabhängiger und größerer Boutiquen – „obwohl sich zunehmend Ketten breit machen“.

Das geschmackvollere Pendant zu den Marken-Käuferinnen vom Kurfürstendamm macht Akstinat in Prenzlauer Berg aus. „Dort sieht man Frauen, Mütter oft, die stilvoll und teuer gekleidet sind, es aber nicht herauskehren.“

Nach Berlins unterschiedlichsten Mode-Zonen gefragt, nennt Akstinat 30 Jahre nach Fall der Mauer nicht Ost und West, sondern: Innerhalb und außerhalb des S-Bahnrings. Draußen trage man „durchschnittliche Kleidung, schlichte Mode, als wolle man möglichst nicht auffallen“. In Lichtenrade, Reinickendorf, Weißensee treffe er auf Foto-Touren pro Stunde im Schnitt auf zwei Modebewusste. Im Zentrum seien es zehn. „Die Menschen, die außerhalb des Rings wohnen, unterscheiden sich in dem, was sie tragen, nicht sehr voneinander. Egal in welchem Bezirk, egal, ob Ost oder West.“

Im Vorwort seines Bildbandes spekuliert Akstinat, dass diese Aufnahmen vielleicht einmal als zeitgeschichtliche Dokumente des Berliner Stils in den Anfangsjahren des 21. Jahrhunderts gewertet werden.

Und was werden Popwissenschaftler und Stadt-Soziologen dann über den Berlin Street Style sagen? „Das hängt davon ab, sich die Mode der Zukunft entwickelt“, sagt er. „Möglicherweise wird es heißen, wie gewagt wir waren. Möglicherweise aber auch: Ach, wie langweilig und prüde!“

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