30 Jahre Mauerfall

Walter Momper zum Mauerfall: „Es war der Wahnsinn“

Walter Momper war Regierender Bürgermeister, als die Mauer fiel – wieso er auf die Ereignisse am 9. November nicht ganz unvorbereitet war.

Walter Momper (SPD), ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin, war vorgewarnt, als am 9. November 1989 die Mauer fiel.

Walter Momper (SPD), ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin, war vorgewarnt, als am 9. November 1989 die Mauer fiel.

Foto: Foto: Christoph Soeder / dpa

Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Walter Momper (SPD) war erst wenige Monate Regierender Bürgermeister von Berlin, als er beim Mauerfall plötzlich im Zentrum der Ereignisse stand. Nach seinem Auftritt im Fernsehen begann der Ansturm auf die Grenze in Berlin.

Der heute 74-Jährige empfängt in seinem Büro in Mitte, er ist seit mehr als 20 Jahren Immobilienentwickler. Hinterm Schreibtisch hängt ein Bild von Christos Reichstagsverhüllung, auf dem Tisch steht Mitropa-Kaffeegeschirr. Aus dem Fenster fällt der Blick auf den Deutschen Dom und das Verlagshaus Axel Springer, wo Momper am Abend des 9. November durch die Berliner Morgenpost vom Mauerfall erfuhr.

Berliner Morgenpost: Herr Momper, haben Sie am Morgen des 9. November geahnt, was passieren würde?

Walter Momper: Nein, nicht an diesem Tag. Morgens hielt ich noch in einer Schulklasse einen Vortrag über Otto Wels, danach fuhr ich zu einer Kommission des Senats in den Reichstag. Dort hörte ich, dass das ZK der SED an diesem Tag eine neue Reiseregelung beschließen wollte. Das wiederum überraschte mich nicht, denn Günter Schabowski, Mitglied des ZK, hatte uns ja schon am 29. Oktober in einem Gespräch darauf vorbereitet.

Was war geplant?

Es ging um eine Besuchsregelung für DDR-Bürger noch vor Weihnachten. Ganz am Ende des Gesprächs hatte Schabowski gesagt: “Und übrigens, wir werden Reisefreiheit gewähren”. Als ich nachfragte, meinte er: Jeder, der wolle, könne dann in den Westen und auch wieder zurück. Einen Massenansturm befürchtete er aber nicht. Es gebe mit der neuen Regelung ja keinen Grund mehr, das Land zu verlassen. Er hatte keine Einschätzung, was wirklich passieren würde. Wir waren da schon näher an der Realität.

Also waren Sie vorbereitet?

Dass die neue Reiseregelung kommen sollte, haben wir in einer Pressekonferenz nach diesem Gespräch angekündigt, aber niemand konnte so richtig einschätzen, was das konkret bedeuten würde. Wir bereiteten uns aber für einen Besucheransturm aus der DDR im Dezember vor – dass es schon am 9. November passieren würde, ahnte niemand.

Wie viele Menschen haben Sie erwartet?

Wir rechneten intern mit bis zu etwa einer halben Million, offiziell sprachen wir von rund 300.000 Menschen. So viele kamen an Brückentagen oft nach West-Berlin, dann war die Stadt voll. Gleich am 29. Oktober riefen wir die Staatssekretäre zusammen, es gab Urlaubssperre für die leitenden Angestellten verhängt, dann wurde geplant. Größtes Problem war der Transport - etwa die Hälfte der Menschen würde Bus oder Bahn fahren. Doch die BVG hatte zum Glück die Pläne für den Smog-Alarm, den es damals ja regelmäßig im Winter gab - ein Fahrverbot bei zu hoher Luftverschmutzung durch Ofenheizung und Autos ohne Katalysatoren.

Auch die Auszahlung des Begrüßungsgeldes war schon vorbereitet, als die Mauer fiel.

Ja, die 100 D-Mark Begrüßungsgeld wurden auch vor dem Mauerfall schon gezahlt. Der Bankenverband sagte zu, im Falle einer neuen Reiseregelung die Bankfilialen auch sonnabends und am Sonntag geöffnet zu halten. Auch die Post konnte ich überzeugen, und in den Behörden wurden Zahlstellen eingerichtet.

Die Berliner Morgenpost war auch in die Vorbereitungen einbezogen.

Die Frage war, wie sich die Besucher zurechtfinden würden. Ost-Berliner Stadtpläne enthielten ja keine Karte für den Westteil. Also planten wir mit der Berliner Morgenpost eine Sonderbeilage - mit Stadtplan, Netzspinne der BVG, Verkehrsregeln, Notfallnummern und so weiter. Zufällig wurde diese Beilage am 9. November fertig. Nur mein Vorwort musste noch von der Redaktion bearbeitet werden, als ich abends in den Axel-Springer-Verlag kam, in dem die Morgenpost damals erschien. Anlass war die Verleihung des „Goldenen Lenkrads“. Mein Fahrer sollte unten am Autotelefon erreichbar bleiben, falls noch Fragen wären. Stattdessen kam er irgendwann mit der dringenden Bitte hoch, ich solle in der Senatskanzlei anrufen: „Ich glaube, es wird ernst“.

Was war geschehen?

Der damalige Chefredakteur der Berliner Morgenpost, Bruno Waltert, brachte mir eine Eilmeldung der dpa – eine Zeile, in der es hieß, DDR-Bürger könnten ab sofort ausreisen. Mehr nicht. Er wollte wissen, was ich davon hielt. Ich meinte, es sei das, was man uns am 29. Oktober angekündigt hatte – ich wertete das als gutes Zeichen, aber mehr nicht. Denn bis dahin war auf Ost-Berliner Seite überhaupt nichts passiert. Es waren zum Beispiel weitere Grenzübergänge nötig – bis dahin gab es nur elf. Aber das Gespräch dazu war erst für später anberaumt.

War Ihnen klar, was dann passieren würde?

Nein. Waltert zeigte mir auch die Aufzeichnung jener Pressekonferenz nach der Sitzung des ZK, als Schabowski die heute berühmten Zeilen zur Grenzöffnung verlas – „sofort, unverzüglich“. Ich ging immer noch davon aus, dass das erst ab dem Morgen gelten würde. Aber ich habe ja selbst mit dafür gesorgt, dass es anders kam.

Inwiefern?

Ich verabschiedete mich vorzeitig und fuhr, mit Blaulicht, zum damaligen SFB an den Theodor-Heuss-Platz, wo gerade die Abendschau lief. Die sahen ja damals 75 Prozent der Berliner, in West wie Ost. Dort wurde die offizielle Formulierung der neuen Regelung vorgelesen, die aber bürokratisch und schwammig klang. Wieder wurde ich gefragt, was ich davon hielt. Also sagte ich: Dies sei der Tag, auf den wir 28 Jahre lang gewartet hatten, und dass wir uns freuten, dass nun alle zu uns kommen könnten. Ich sagte zwar bewusst nichts über offene Grenzen oder dergleichen, sondern sprach einfach nur davon, dass alle nun zu uns kommen könnten. Und dass es historische Stunden seien. Und bat darum, doch bitte mit Bahn und Bus und nicht mit dem Auto zu kommen.

Aber Ihnen war klar, wie es verstanden würde? Sie sagten: „Die Mauer trennt uns nicht mehr, sie ist ein Relikt“.

Am nächsten Tag habe ich von einem älteren Ehepaar erfahren, wie das wirkte. Sie kamen aus Falkensee und sprachen mich in der U-Bahn an: „Wir haben Sie gestern gesehen, als Sie gesagt haben, die Grenze ist offen.“ Ich erwiderte, das hätte ich doch so nicht gesagt. Aber sie hatten es eben so verstanden. Auf diese Botschaft hin sind die Leute zu Zehntausenden an die Übergänge gelaufen und haben mit den Grenzern diskutiert – unter anderem mit dem Argument, ich hätte gesagt, sie dürften jetzt reisen.

Hatten Sie keine Sorge, was Sie da ausgelöst hatten?

Doch. Im Sender habe ich abends zuerst noch ein Interview nach dem anderen gegeben, um 22 Uhr gab es eine Sondersitzung des Senats, an der auch die Chefs der BVG und der Polizei teilnahmen, danach musste ich noch einmal zu einer Live-Diskussion im Fernsehen, mit Eberhard Diepgen, der Schauspielerin Camilla Spira und anderen. Das war gegen elf. Davor hatte ich aber meine Polizisten gebeten, bei den Grenzkontrollpunkten anzurufen, was dort los war. Man sah zwar auf den ersten Bildern, dass Tausende Menschen dahinter versammelt waren, aber mehr wussten wir nicht.

Wann sind Sie selbst an die Grenze gefahren?

Kurz nach 23 Uhr bekam ich einen Zettel mit der entscheidenden Nachricht: Bornholmer Straße, Grenze offen, die Menschen konnten ungehindert hinüber, in beide Richtungen. Dann wurden uns Live-Bilder gezeigt mit jungen Leuten, die gerade herübergekommen waren und ihre blauen DDR-Personalausweise schwenkten. Sie waren tränenüberströmt, sagten, sie seien gar nicht kontrolliert worden. Und eine Frau rief das Wort, das diese Nacht prägte: „Es ist der Wahnsinn!“ Danach bin ich aus der laufenden Sendung zum Grenzübergang Invalidenstraße gefahren, denn dort war dann auch schon geöffnet. 3000 Menschen standen davor, 3000 dahinter, 3000 direkt auf dem Gelände. Das war, tatsächlich, der Wahnsinn.

Was hatten Sie vor?

Ich wollte einfach wissen, was los war. Ich klopfte an das Tor des Überganges. Ein Hauptmann der Grenztruppen brachte mich zur Zollbaracke, verschwand und kam nicht wieder. Schließlich bekam ich Angst, dass vorn das Tor zugemacht werden würde und von hinten Bereitschaftspolizei auf die Menschen schießen könnte. Damit musste man rechnen. Schließlich ließ ich mir von den West-Polizisten ein Megafon geben und kletterte auf einen Tisch, auf dem die DDR-Rentner immer ihre Taschen für die Kontrollen auspacken mussten. Sobald ich die ersten Worte gesagt hatte, begannen die Leute zu jubeln. Schließlich gelang es mir wenigstens, sie dazu zu bewegen, die Fahrwege für die Autos frei zu machen.

Sie standen also mitten in der Masse auf einem Tisch im Todesstreifen zwischen jubelnden Menschen.

Es war skurril. Die Grenzer hatten plötzlich ihre Funktion verloren und waren dann auf einmal auch verschwunden. Ich fühlte mich buchstäblich allein mit zehntausend Menschen und hatte eine Heidenangst, es gibt ein Blutbad. Jahre später habe ich erfahren: Während ich sprach, telefonierte hinter mir der Major mit seinem Vorgesetzten. Er schlug vor, mich zu verhaften. Glücklicherweise haben sie das nicht gemacht. Das hätte einen Aufstand gegeben.

Sie haben dann versucht, die Stadtkommandanten der West-Alliierten zu erreichen.

Auf dem Grenzübergangsgelände fiel die Ampel aus, die den komplizierten Verkehr auf dem unübersichtlichen Gelände regelte. Unsere West-Berliner Polizei durfte aber die Grenzanlagen nicht betreten, sie brauchten für das Überschreiten der „weißen Linie“ die Erlaubnis der Alliierten. Ich versuchte, vom Polizeiposten am Hamburger Bahnhof aus anzurufen, aber erreichte seltsamerweise nirgendwo jemanden. Dann stellte sich heraus, dass alle Stadtkommandanten beim Medienunternehmer Ulrich Schamoni zum 50. Geburtstag eingeladen waren. In den Kindl-Festsälen in Neukölln. Da hatte ich sie dann alle am Apparat.

Haben Sie in dieser Nacht geschlafen?

Nur kurz. Als ich den Grenzübergang gegen halb zwei Uhr verließ, bot sich mir ein unvergessliches Bild: Auf dem Turm stand wieder der Hauptmann der DDR-Grenzer - aber regelte jetzt gemeinsam mit unseren Abschnittsleiter der Polizei aus Tiergarten und einem Major der britischen Polizei mit einer roten Mütze den Verkehr auf den Grenzanlagen. Ein Bild tiefen Friedens und gegenseitiger Hilfe.

Der folgende Tag begann mit beunruhigenden Nachrichten.

Ich flog früh zunächst nach Bonn zum Bundesrat. Bevor es losging, musste ich erstmal am Flughafen Autogramme auf den aktuellen Zeitungen des Tages geben. Um acht waren wir dann in Bonn. Ich rief als erstes in der Senatskanzlei an, denn in der Nacht hatte das Innenministerium der DDR angewiesen , dass es ab acht Uhr früh wieder ein normales Grenzregime geben sollte. Das hatte sich aber nicht wieder einführen lassen. Stattdessen waren die Menschen auf die Mauer am Brandenburger Tor geklettert - von der Westseite aus. Man hatte zwar versucht, sie mit Feuerwehrschläuchen dort herunterzuholen, aber sie kletterten direkt wieder hinauf. Es war eine brisante Situation, man wusste nicht, wie die andere Seite reagieren würde.

Vor dem Bundesrat haben Sie dann den oft zitierten Satz gesagt: „Heute Nacht waren die Deutschen das glücklichste Volk der Welt.“

Das gilt für mich auch heute noch. Wann hat je ein Volk seine Freiheit auf so friedliche Weise erkämpft und bekommen? Danach flogen wir direkt zurück nach Berlin, wo es inzwischen nicht mehr überall friedlich ablief. Am Brandenburger Tor traf ich mich mit Willy Brandt, dann fuhren wir zum Rathaus Schöneberg.

Dort war eine Rede auf dem Balkon des Rathauses geplant.

Genau, aber wir mussten zunächst lange auf Helmut Kohl warten, der seinen Staatsbesuch in Polen für den Besuch in Berlin unterbrach. Die Alliierten hatten seiner Maschine der Luftwaffe aber keine Landeerlaubnis in Berlin gegeben, er musste erst in Skandinavien in eine amerikanischen Militärmaschine umsteigen und kam deswegen sehr spät.

20.000 Menschen waren da. Brandt und Sie wurden bejubelt, Kohl wurde erbarmungslos ausgepfiffen.

Ja, das war peinlich. Kohl war damals auf dem Tiefpunkt seines Ansehens, er war im September auf dem Parteitag der CDU in Bremen fast abgewählt worden, und bei seinem Besuch in Warschau hatte er keine gute Figur gemacht. Willy Brandt und ich machten immer schon Gesten, ich bot Kohl auch an, etwas zu den Leuten zu sagen, um für Ruhe zu sorgen. Das wollte Kohl aber nicht. Er verschwand auch direkt nach der Rede, obwohl wir mit ihm als Kanzler natürlich einiges zu besprechen gehabt hätten. Am Breitscheidplatz hatte die CDU eine eigene Veranstaltung angekündigt.

Wie ging es dann in Berlin weiter? Die Besuchermassen rollten ja erst so richtig an.

Vom nächsten Tag an explodierte die Zusammenarbeit in Berlin zwischen Ost und West förmlich. Die Polizeipräsidenten West und Ost trafen sich, die Chefs der Eigenbetriebe, alle, die etwas zu sagen hatten, trafen sich mit den Pendants im Osten. Ich traf mit Erhard Krack zusammen, dem damaligen Oberbürgermeister von Ost-Berlin.

Mit dessen Nachfolger Tino Schwierzina traten Sie später als „Duo” auf, so dass Sie sogar einen gemeinsamen Spitznamen bekamen: „Schwierzomper“.

Ja, die ganze Stadt wuchs in unglaublicher Zeit wieder zusammen.

Zu den Herausforderungen gehörte ja auch die Unterbringung der Menschen, die aus der DDR gekommen waren und hierbleiben wollten.

Schon seit Monaten waren etwa 2000 bis 3000 Menschen pro Tag über Ungarn und die Tschechoslowakei in den Westen gekommen, die meisten wollten nach Berlin. Wir hatten dadurch eine große Wohnungsnot, es wurden mehr als 100 Sporthallen beschlagnahmt, um die Menschen unterzubringen, dazu Fabrikhallen und andere Gebäude. Und kein Mensch beschwerte sich.

Rückblickend: Was sollten wir mitnehmen aus dieser Zeit?

Ich denke, wir müssten über vieles einfach wieder mehr diskutieren - und uns auch mehr zuhören, sich die eigenen Geschichten erzählen. Auch um zu verstehen, dass in der DDR eben nicht alles schwarz-weiß war. Für mich ist der Mauerfall natürlich das wichtigste Ereignis meines Lebens. Und natürlich will ich bei der diesjährigen Feier am Brandenburger Tor auch wieder dabei sein.